(„Cien años de perdón“ directed by Daniel Calparsoro, 2016)

„Jeder gegen Jeden“ ist seit 1. Dezember auf DVD und Blu-ray erhältlich

Schnell rein, die Tresore um ein bisschen Geld erleichtern und anschließend durch einen Fluchttunnel unbemerkt nach draußen – so lautete der Plan, als El Uroguayo (Rodrigo De la Serna), El Gallego (Luis Tosar) und die anderen in die Bank in Valencia stürmen. Und zunächst sah es auch gar nicht so schlecht aus, die Lage ist schnell unter Kontrolle gebracht. Schwierig wird es jedoch, als sie feststellen müssen, dass der geplante Fluchtweg versperrt ist und in einem der Schließfächer heikle Dokumente eines Politikers liegen. Während die Diebe nun fieberhaft nach einer Möglichkeit suchen, doch noch aus der Bank zu entkommen, arbeiten ebenso fieberhaft der Polizist Ferrán (Raúl Arévalo) und der Geheimdienstmitarbeiter Mellizo (José Coronado) daran, eben das zu verhindern. Denn eins ist klar, wenn die Dokumente in die falschen Hände geraten, bricht in Spanien die Hölle los.

Die Verbrecher sind die Bösen, die Polizisten die Guten, denen wir bei der Verbrecherjagd die Daumen drücken – so lauten eigentlich die Gesetze des Filmemachens. In Jeder gegen Jeden schert sich jedoch niemand wirklich für Gesetze, keine juristischen, keine cineastischen. To Steal from a Thief hieß der spanische Thriller, als er vergangenen Sommer im Rahmen des Fantasy Filmfests durchs Land zog, und bezog sich dabei auf die Frage, ob es überhaupt ein Verbrechen ist, Banken jenes Geld wieder wegzunehmen, welches sie auf unlautere Weise den Menschen geraubt haben. Ein bisschen Kapitalismuskritik schimmert da also schon durch, wenn sich die Räuber ihren Weg zu den Schließfächern erkämpfen, ein Robin Hood der Neuzeit.

Dass die Verbrecher mit der Zeit auf der Sympathiewaage stärker ausschlagen, hängt jedoch weniger mit etwaigen guten Absichten oder einem liebenswerten Charakter zusammen. Denn so richtig viel Charakter haben die Figuren hier nicht, wie bei derartigen Heist Movies üblich – immerhin da hält sich Jeder gegen Jeden an die Erwartungen – wird da oft nur mit dicken Strichen gemalt. Es ist die Gegenseite, die vermeintlich Guten, die einen mit der Zeit den Glauben an die Menschheit verlieren lassen und so die Hoffnung lostreten, dass Polizei, Politik und Geheimdienst so richtig schön auf die Fresse fliegen.

Diese Verschiebung der Grenzen ist typisch für einen Film, der sich einen Spaß daraus macht, ständig neue Wendungen einzubauen. Gelungen ist das nur zum Teil, gerade gegen Ende hin ist zu einem Polit-Thriller mutierende Genrevertreter so sehr damit beschäftigt, Figuren einzuführen und die diversen Intrigen aufzudecken, dass der Bankraub an sich fast zur Nebensache wird. Und das ist bemerkenswert, da ein Großteil des anderthalb Stunden dauernden Film eben nur in dieser Bank spielen. Da wäre weniger mehr gewesen, auch durch die große Dialoglastigkeit verspielt Jeder gegen Jeden die große Spannung, die das Thema und das klaustrophobische Setting mit sich brachten.

Unterhaltsam ist der Film aber trotz seines Makels, sich auf zu vielen Schlachtfeldern zu verzetteln und manche Gedanken kaum weiterzuführen. Denn sobald erst einmal einige Karten auf dem Tisch liegen, macht er seinem deutschen Titel alle Ehre: Nicht nur die einzelnen Bandenmitglieder beginnen sich zu bekriegen, als diverse Sologänge ans Tageslicht treten, auch auf der Gegenseite zieht man nicht unbedingt an einem Strang, die Gesetzeshüter sind oft mit anderen Punkten beschäftigt als dem, der tatsächlichen Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Da werden neue Allianzen geschmiedet, alte aufgebrochen, bis zum Ende gefeilscht, geblufft und gepokert. Man muss die Figuren dabei nicht mögen, auch die penetrante Geheimniskrämerei ist nicht weiter tragisch: Es reicht den diversen versierten Darstellern bei der Arbeit zuzusehen und darauf zu warten, welche Abgründe der Tunnelbau in der Bank sonst noch alles zu freilegt.

Jeder gegen Jeden
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Jeder gegen Jeden
In „Jeder gegen jeden“ werden Bankräuber, Polizisten, Geheimdienstler und Politiker in einen Kampf um brisante Dokumente verwickelt. Das ist zwar manchmal überfrachtet, insgesamt aber doch recht spannend, gerade auch wegen der sehr volatilen Gruppendynamik, die keinen Platz für gut und böse lässt.
7von 10

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