(„Die letzte Sau“ directed by Aron Lehmann, 2016)

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„Die letzte Sau“ läuft ab 29. September im Kino

Zwei Sachen hatte Huber (Golo Euler) zeit seines Lebens sicher gehabt: seine Familie und der Hof. Nun sind seine Eltern tot und der Betrieb steht kurz vor dem Aus, weil er nicht mit den großen Agrarfabriken konkurrieren kann. Selbst mit seiner angebeteten Birgit (Rosalie Thomass) kriselt es, ist deren Vater doch der Grund für die Pleite. Aber nichts ist so schlimm, dass es nicht noch schlimmer kommen kann: Ein Meteorit macht ausgerechnet seinen Hof platt, nur ein einziges Schwein ist ihm noch geblieben. Mit diesem macht er sich dann auf den Weg, streift durchs Land und trifft auch andere Menschen, die sich – jeder auf seine Weise – gegen die Wirtschaft und deren Praktiken auflehnen.

Dass Regisseur und Co-Autor Aron Lehmann ein großes Herz für kleine Leute hat, das hat er hinlänglich mit seinem Debütfilm Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel bewiesen. Damals erzählte er von den täglichen Kämpfen eines Regisseurs, der zwar kein Geld für seinen Film hat, dafür aber einen Traum. In Die letzte Sau ist nicht einmal mehr das geblieben, das nunmehr dritte Werk des Filmemachers ist voller Verlierer, die an der wirtschaftlichen Realität gescheitert sind. Manchmal auch an sich.

Das allein macht Die letzte Sau natürlich schon einmal mächtig sympathisch, denn so beeindruckend Gewinnergeschichten auch sind, es sind die Verlierer dieser Welt, die uns Gefühle entlocken. Und wenn diese auch noch einen von vornherein aussichtslosen Kampf gegen die da oben ausfechten, dann feuert man die Leute an, selbst wenn sie sich bei diesem Kampf komplett lächerlich machen. Wie Meier (Thorsten Merten) zum Beispiel, der sein Leben als Investmentbanker aufgegeben hat, um Imker zu werden, dabei aber richtig auf die Fresse fliegt. Auch der örtliche Metzger kann es mit den großen Fleischfabriken nicht aufnehmen, lässt sich dadurch zu einer Verzweiflungstat hinreißen.

Es ist also ganz schön bitteres Zeug, das einem Lehmann hier zu schlucken gibt. Doch trotz der Tragik, die den Erlebnissen zugrunde liegt, der nihilistischen Stimmung, Die letzte Sau ist oft auch lustig. Das liegt natürlich ebenfalls an den Figuren, die zwar das Herz am rechten Fleck haben, von der Situation aber so überfordert sind, dass ihre Aktionen mindestens putzig, wenn nicht völlig lächerlich sind. Aber wie sollten sie es auch besser wissen, wenn sie ihre Heimat nie wirklich verlassen, keinen Einblick in die große weite Welt erlangt haben?

Dass die Menschen hier im fetten schwäbischen Dialekt sprechen, es selbst innerhalb desselben Ortes zu Verständigungsproblem kommt, das gehört dann einfach dazu. Die letzte Sau ist eine Art Heimatfilm. Jedoch einer, der nicht wie bei Rosmüller einfach nur von dem Leben auf dem Land erzählt, sondern dabei zeitgleich alles und jeden durch den Kakao zieht – vom kleinen Bauern bis zu neureichen Schnöseln. Es ist diese Mischung aus Liebeserklärung und Satire, aus Komischem wie Bedrückenden, welche den doch sehr zum Grotesken neigenden Film auszeichnen. Manchmal ist das ein bisschen anstrengend, wie die Figuren hier ihr Innenleben in die Welt hinausschreien, der ebenfalls stark schwäbelnde Off-Erzähler, der den letzten Zweifel zu beseitigen versucht, zehrt zudem ein wenig an den Nerven. Auch wenn Lehmann ganz offensichtlich keine Gefangen nehmen wollte und sich ganz dem anarchischen Freiheitsgefühl hingeben mag, manchmal wäre etwas mehr Subtilität dann doch ganz angenehm gewesen. Aber sei’s drum, wer schon immer mal der Welt da draußen zeigen wollte, wie falsch und doof sie doch ist, der findet hier das passende filmische Gegenstück.

Die letzte Sau
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Die letzte Sau
Heimatfilm einmal anders: In „Die letzte Sau“ nimmt es ein kleiner Bauer mit den großen Betrieben auf, was gleichzeitig bitter-erdrückend und grotesk-komisch ist. Sympathisch ist diese Ansammlung von Verlierern, manchmal jedoch auch etwas anstrengend.
7von 10

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