(„Un homme à la hauteur“ directed by Laurent Tirard, 2016)

Mein ziemlich kleiner Freund

„Mein ziemlich kleiner Freund“ läuft ab 1. September im Kino

Als die erfolgreiche Anwältin Diane (Virginie Efira) eines Abends nach Hause kommt, klingelt ihr Telefon. Am Apparat, ein Fremder der ihr Handy im Restaurant fand, welches sie nach einem Telefonstreit mit ihrem Ex-Mann Bruno (Cédric Kahn) fluchtartig verließ. Er gibt sich charmant und direkt, sie überrascht und entzückt. Die beiden vereinbaren ein Treffen und kurz darauf sehen sie sich zum ersten Mal. Sein Name ist Alexandre (Jean Dujardin), er ist Architekt und genauso wie sie ihn sich am Telefon vorgestellt hatte, bis auf eine Kleinigkeit: Er ist gerade mal 1,40 m groß. Seinem Selbstbewusstsein scheint das vollkommen egal, ihrem nicht. Sie leidet unter den Blicken der herumstehenden Menschen, obwohl er in ihr ungeahnte Gefühle weckt. Aus einem Treffen werden zwei, er lernt ihre Freunde und Familie kennen, sie seinen Sohn Benji (César Domboy), Funken sprühen und doch wird seine Größe immer wieder zum Thema. Als dann auch noch Bruno von der neuen Liebe mitbekommt, versucht er ihr die steigenden Gefühle auszureden. Die blühende Romanze droht zu zerbrechen und das ungleiche Paar sieht sich vor einer Kreuzung – einsam oder gemeinsam?

Regisseur Laurent Tirard (Asterix & Obelix: Im Auftrag Ihrer Majestät) lässt die Schmetterlinge wieder fliegen und hat sich bei seinem neuesten Film für ein Remake der argentinischen Romanze Corazòn de Leòn entschieden. Mit seinem europäischen Ensemble will er diesem seine ganz eigene Note verleihen und kann dabei in den tragenden Hauptrollen mit Virginie Efira (Familie zu vermieten) und dem Oscarpreisträger Jean Dujardin (The Artist) aufwarten. Letzterer verkörpert den Kleinwüchsigen Alexandre, der mittels Effekte und einem Double auf die benötigte Größe geschrumpft wird. Bekanntheit über Authentizität, ob die Rechnung aufgeht, wird sich zeigen.

Die Rezeptur ist bekannt: Ein Mann, eine Frau, ein Tête-à-Tête und ein Problem. Sei es Größe, Gewicht, ethnische Herkunft oder religiöse Hintergrund, Liebe kennt keine Form und schon gar keine Norm. Anders als bei vielen Genrevertretern, mangelt es den Charakteren nicht an persönlicher Tiefe und Hintergrundgeschichte. Diane ist jung, hübsch, witzig, seit drei Jahren geschieden und leitet mit ihrem Ex-Mann die gleiche Anwaltskanzlei, was für interessante Diskussionen sorgt. Alexandre ist erfolgreich, charmant, selbstbewusst, alleinerziehender Vater und mit seinen 1,40 m zahlreichen Blicken ausgesetzt. Der Film springt zwischen den Alltagssituationen der beiden, zeigt sie im Streit mit Bruno in der Kanzlei, ihn im täglichen Stress mit seinem Sohn oder bei der Arbeit, gefolgt von den gemeinsamen Treffen. Für beide ist es Jahre her, dass sie so für einen Mitmenschen fühlten und doch sagt alles und jeder um sie herum:“Nein“. Die Eindimensionalität der Gesellschaft ist oft so brutal und absurd dargestellt, dass es beinahe an Fiktion gleicht, und dennoch ist viel Wahres dran. Jeder meint, anderen vorschreiben zu können, wie sie zu leben und wen sie zu lieben haben. Die Welt ist im stetigen Wandel, da dürfte man sich ein wenig mehr Akzeptanz erwarten und doch werden wir in den medialen Netzwerken und auf offener Straße immer wieder eines Besseren belehrt.

Diese Gesellschaftskritik hätte sich der Film stärker zu Nutze machen können, verfällt er doch zu häufig in alte Genregewohnheiten und überholte Klischees. Dazu gibt die stetig nachdenklich wirkende Diane der lodernden Romanze einen leichten Dämpfer. Sie lässt ihre Gefühle nie richtig zu, was die Liebe oft einseitig wirken lässt. Auch Jean Dujardins künstliche Verkleinerung ist nicht selten überzogen und verdramatisiert, wirkt er zunächst wie ein zu klein geratener Mann, sitzt er in der nächsten Szene auf einem Stuhl und gleicht einem Kleinkind, nur um dem komödialen Aspekt des Films zu dienen. Sein Sohn ist ein Taugenichts, der ihn immer wieder um Geld bittet und trotzdem als sein engster Vertrauter dargestellt wird. Es fehlt die charakterliche Balance, die Finesse, die der Geschichte ihre Leichtigkeit verliehen hätten. Der Humor ist oft erzwungen und verfehlt nicht selten sein Ziel, wodurch das Momentum stark einbüßt und das eigentliche Augenmerk an Wirkung verliert – die Liebe.

Mein ziemlich kleiner Freund liest sich von Beginn an wie ein offenes Buch und stellt sich damit in die Fußstapfen vieler romantischer Komödien, die jährlich unsere Lichtspielhäuser befallen. Amüsant, aber wenig innovativ und zu jedem Zeitpunkt vorhersehbar. Der Fakt, dass das Ganze ein Remake ist, entschuldigt keinesfalls den penetranten Wiederholungshumor und die fehlenden Emotionen. Die Protagonisten sind interessant und vielseitig, verblassen jedoch in der uninspirierten Erzählstruktur. Alles wirkt schon einmal dagewesen, neu aufgewärmt und der eigentlichen Romantik bleibt nicht selten ein Frosch im Halse stecken, der den filmischen Fluss ungemein stört. Das melodramatische Ende ist der Gipfel der kreativen Ebbe und verleiht dem abwechslungsreichen Abenteuer einen qualitativen Tiefpunkt, den es nicht verdient hat.

Mein ziemlich kleiner Freund
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Mein ziemlich kleiner Freund
Interessante Charaktere, treffen auf eine einfache Dramaturgie, die trotz Effekthascherei ihre Momente hat. Genrefans dürfen sich auf Liebe mit Größenunterschied, Fallschirmsprüngen und einem überambitionierten Hund freuen, die in ihrer Inszenierung zu wünschen übrig lässt.
4von 10

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