(„Real Onigokko“ directed by Sion Sono, 2015)

Tag

„Tag“ läuft ab dem 5. Dezember im Rahmen der Fantasy Filmfest Nights

Endlich ist der heiß ersehnte Schulausflug da! Die Stimmung ist gut, die Mädchen sind ausgelassen. Bis ein mysteriöser Wind auftaucht, den Bus in zwei Hälften teilt, die Schülerinnen ebenso. Nur Mitsuko (Reina Triendl) bleibt schwer traumatisiert zurück und versucht sich allein durchzuschlagen, immer auf der Flucht vor dem todbringenden Wind. Als sie in der Schule ankommt, scheint alles in bester Ordnung zu sein. Nur ein böser Traum? Mitsukos Freundin Aki (Yuki Sakai) zumindest ist davon überzeugt. Doch dann beginnt das nächste Massaker.

Es gibt viele bewährte Möglichkeiten, als Filmemacher eine Horde Schulmädchen um die Ecke zu bringen. Zombies zum Beispiel. Ein wahnsinniger Killer. Zur Not auch ein wahnsinniger Lehrer (siehe Lesson of the Evil). Wer das Werk des exzentrischen Vielfilmers Sion Sono (Himizu, Tokyo Tribe) kennt, der weiß jedoch, dass dieser an Bewährtem nur wenig Interesse hat. Und so ist es hier dann eben ein Wind, der effektiv und äußerst blutig zu einem frühzeitigen Ableben führt. Das sieht billig aus, ohne Zweifel, und ist so absurd, dass man – ist der erste Schock vorüber – nicht weiß, ob man sich fürchten oder lachen soll.

Das jedoch ist erst der Anfang. Tag, so lautet der bereits vierte 2015er Film von Sono, ist eine Verfilmung des Romans „Real Onigokko“ von Yusuke Yamada. Von der Buchvorlage ist jedoch nicht viel geblieben, allein das Motiv, dass mehrere Personen verfolgt werden, wurde hier übernommen. Der luftige Einstieg ist deshalb nur der Auftakt zu gleich drei absurd-blutigen Verfolgungsjagden, die das japanische Enfant terrible in die unglaublichsten Trashabgründe führt, diverse sicher nicht zufällige Pantyshots inklusive.

Und doch ist Tag mehr als das. „Life is surreal, don’t let it consume you“, sagt eine von Mitsukos Mitschülerinnen zu ihr. „Sur“ wird sie genannt, kurz für „surreal“. Und surreal ist hier vieles. Nichts ist von Bestand, alles ändert sich, nicht einmal die Identität darf hier durchgängig dieselbe bleiben. Das erinnert an mehr als an einer Stelle an „Alice im Wunderland“, nur dass hier Todesdrohungen eben auch Wirklichkeit werden. Sofern man überhaupt von einer Wirklichkeit reden kann. Es ist aber nicht nur das Motiv eines Mädchens, das in eine bizarre Welt gerät, was Buch und Film eint, auch der Kampf um die eigene Position und Selbstbestimmung ist in beidem zu finden. Mitsuko muss im Laufe des Films lernen, für sich selbst einzustehen, sich nicht alles vorgeben zu lassen, das Leben nicht als Schicksal zu akzeptieren.

Vor allem zum Schluss hin schlägt Tag dabei unerwartet feministische Töne an, drischt auf eine bevormundende Männerwelt ein, aber auch auf sich selbst als Teil eines frauenfeindlichen Filmgeschäfts. Wie es das macht, sollte jeder für sich selbst gesehen haben, denn ein großer Reiz von Tag besteht genau darin, dass ständig neue und seltsame Wege eingeschlagen werden. Nicht jeder davon ist gleich lohnenswert. Während Sono an manchen Stellen ähnliche betörend-poetische Momente wie bei Himizu auf die Leinwand zaubert, sind andere recht billige, oft etwas zu lang geratene Crowdpleaser. Und auch beim Ende muss er sich die Frage gefallen lassen, ob er da nicht ein wenig zu sehr übers Ziel hinausgeschossen ist. Dennoch: Fans des Japaners und solche, die es werden wollen, dürfen sich auf einen absolut ungewöhnlichen Film freuen. Leider ist ein offizieller Deutschlandstart derzeit nicht angekündigt. Besucher des erstmaligen Fantasy Filmfest Ablegers White Nights haben jedoch ab dem 5. Dezember im sechs Städten die Gelegenheit dazu, ein neues Kapitel in Sonos verrücktem Gesamtwerk kennenzulernen.



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Tag
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Tag
„Tag“ ist ein Film, wie man ihn von Sion Sono erwartet: unerwartbar. Das beginnt mit einer absurden Tötungswelle, geht über in eine zweite und driftet dabei immer wieder in surreale, später in feministische Sphären ab. Das ist teilweise unglaublich und betörend, dann wieder nur blutig und billig, insgesamt ein Tipp für Freunde des Ungewöhnlichen.
6von 10

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