(„Lesson of the Evil“ directed by Takashi Miike, 2012)

Lesson of the EvilFreundlich, witzig, intelligent, selbstbewusst, charmant, dazu noch unverschämt gut aussehend – Englischlehrer Hasumi Seiji (Hideaki Ito) ist der Traum aller Schüler, vor allem der weiblichen. Und der Vorzeigepädagoge weiß seine Wirkung auf andere auch durchaus zu nutzen, sei es als Zuhörer, Tröster oder im Fall von Miya (Erina Mizuno) auch als Bettgespiele. Nur einer ahnt, dass hinter dieser makellosen Fassade etwas nichts ganz so Schönes lauert: sein Kollege Tsurii (Mitsuru Fukikoshi). Richtig ernst nehmen mag den Mann aber niemand. Warum auch, ist der doch das ziemliche Gegenteil von Ito: verstockt, unbeliebt und irgendwie abstoßend. Wenn der Physiklehrer üble Verdächtigungen äußert, dann nur aus Neid, eindeutig. Doch das ist ein Irrtum, wie immer mehr Menschen aus Itos Umfeld feststellen müssen, denn der Mädchenschwarm ist in Wahrheit ein skrupelloser, psychopathischer Killer.

Kaum ein Regisseur war in den letzten zwei Jahrzehnten wohl ähnlich produktiv wie Takashi Miike, über 90 Film-, Video- und TV-Produktionen gehen seit 1991 auf sein Konto. Doch nicht nur, was die Quantität angeht, auch bei der Vielseitigkeit kann man dem Japaner nur schwer etwas vorwerfen. Kultstatus erreichte er vor allem durch seine Filme etwas härterer Machart wie den kontroversen Visitor Q und Ichi the Killer oder auch dem Horrorfilm Audition. Auf Vergleichbares warteten Fans in der letzten Zeit vergeblich. Statt viel Blut fließen zu lassen, drehte er lieber das Musical For Love’s Sake, den Kinderfilm Ninja Kids oder auch die gelungene Verfilmung des Kultvideospiels Ace Attorney. Letztere war zudem das einzige Werk, das es überhaupt nach Deutschland geschafft hat.Lesson of the Evil Szene 1

Mit Lesson of the Evil kehrt er nun zu seinen doch deutlich gewalttätigeren Wurzeln zurück. Inhaltlich erinnert Miikes Werk dabei ein wenig an Serial Mom. Hier wie dort steht ein beliebtes und allseits respektiertes Mitglied der Gesellschaft im Mittelpunkt, das insgeheim aber jeden abmurkst, der ihm auch nur irgendwie in die Quere kommt, und wir als Zuschauer sind die einzigen Zeugen und damit auch Komplizen. War bei Waters’ Kultkomödie dieser versteckte Amoklauf jedoch in eine bonbonfarbene Satire verpackt, sind wir bei dem japanischen Verwandten doch deutlich stärker im Thrillergenre verankert. Die Bilder sind düster, die Morde durchaus spannend inszeniert. Wenn im Hintergrund „Die Moritat von Mackie Messer“ aus der „Dreigroschenoper“ angestimmt wird – quasi die Erkennungsmelodie von Itos Gewalttaten – richten sich unweigerlich die Nackenhaare auf.

Doch Miike wäre nicht Miike, wenn er sich an mal eingeschlagene Wege oder auch Erwartungen halten würde. Zunächst noch vergleichsweise herkömmlich und bedächtig-bedrohlich, nimmt das Geschehen mit der Zeit immer absurdere Züge an, besonders wenn wir dann und wann einen Blick in Itos Innenleben gewinnen. Ausgesprochen kurz ist der Blick jedoch und eher verwirrend denn erklärend. Wer sich schon immer daran gestört hat, dass sich Serienkillerthriller oft durch banale Psychologisierungen freikaufen wollen, erlebt hier das genaue Gegenteil: Bis zum Schluss verzichtet die Verfilmung von Yusuke Kishis gleichnamigem Roman darauf, ihre Hauptfigur auch nur irgendwie erklären zu wollen.Lesson of the Evil Szene 2

Gleichzeitig öffnet die unmotivierte Gewalt aber auch Tür und Tor, dem Film hier Gewaltverherrlichung vorzuwerfen, vor allem wenn Lesson of the Evil später ausgiebig in Slashergefilden umherwandelt, jedoch völlig überzeichnet, fast schon komisch. Selbst wer kein Problem mit den genüsslichen Geschmacklosigkeiten hat, diese vielleicht sogar mag, wird an der Stelle teils gefordert. Großartig ist, wie Miike auch den Erwartungen der Zuschauer den Mittelfinger zeigt und die vorher als potenzielle Retter präsentierten Figuren sang und klanglos abtreten lässt. Jedoch ist das große Finale doch deutlich zu lang geraten und es ist nicht einfach, in dem Blutbad noch den Überblick zu behalten. Langzeitfans dürfen sich dennoch freuen, dass der umstrittene Regisseur hier wieder seine Lust auf Konfrontation entdeckt hat. Und den 10. Juli dürfen sie sich dabei gleich auch noch anstreichen, wenn ausnahmsweise sogar mal wieder ein Miike-Film in den deutschen Kinos läuft. Wara no tate – Die Gejagten ist zwar deutlich massenkompatibler als Lesson of the Evil, aber nicht minder gelungen.

Lesson of the Evil erscheint am 13. Juni auf DVD und Blu-ray

Lesson of the Evil
4.33 (86.67%) 3 Artikel bewerten

Lesson of the Evil
Und er kann es doch noch: Takashi Miike kehrt hier zu seinen kontroverseren Filmen zurück und inszeniert eine Mischung aus düsterem Thriller und völlig überzeichnetem Horrorslasher.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.