(„Mississippi Grind“ directed by Anna Boden and Ryan Fleck , 2015)

Dirty Trip

„Dirty Trip“ ist seit 1. Dezember 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich

Gerry (Ben Mendelsohn) liebt das Glücksspiel. Eine Liebe, die leider auf Einseitigkeit beruht, weshalb er bei ziemlich jedem in der Kreide steht. Mit den Schulden kommen auch die Gläubiger, und genau die wollen so langsam ihr Geld zurück. Doch er glaubt noch immer an den großen Gewinn. Eines Abends lernt er dann den Lebemann Curtis (Ryan Reynolds) kennen. Plötzlich beginnt seine Pechsträhne zu bröckeln, und auch Curtis scheint von Gerrys interessanter, aber gebrochenen Persönlichkeit angetan. Die beiden verstehen sich auf Anhieb und finden sich wenig später auf einem Road Trip Richtung New Orleans wieder, wo ein großes Poker-Turnier stattfinden soll. Die Chance auf das große Geld, ein Neuanfang für den einen und ein weiteres Abenteuer für den anderen. Auf dem Weg dahin versuchen sie so viel Geld wie möglich zu gewinnen, um sich bei dem Tunier einkaufen zu können. Eine Reise entlang der Casinos, Rennbahnen und Motels Amerikas. Zwischen Frustration, Liebe und Hoffnung. Zwei Männer, ein Ziel: das große Geld.

Hach ja, das gute alte Spiel mit dem Glück! Wenn es an kreativen Geschichten mangelt, dann schlage man die Glasscheibe des kleinen roten Kastens, neben der Tür des Produktionschefs ein und greife nach der goldenen Rettung: Glücksspiel. Entweder kann es einer nicht lassen und ist dabei hoch verschuldet oder jemand möchte mit Hilfe von Tricks den großen Reibach machen. Meist gibt es dann noch die Seite der Gläubiger und Casinos, denen das überhaupt nicht zusagt und Ta-da: Drama vorprogrammiert. Filme wie 21, Gambler, Rain Man usw. haben gezeigt, dass sich das Blatt wenden kann und das Klappern der Chips niemals langweilig wird. Ob Blackjack, Poker oder das gute alte Roulette, solange die Karten gegeben werden, die Würfel rollen und die Kugeln sich drehen, bleiben die Zuschauer gebannt und die Kinokassen gefüllt. Ob der Plan auch dieses Mal aufgeht? Alles oder nichts!

Interessanterweise spielt nicht nur vor der Kamera ein dynamisches Duo die Hauptrolle, sondern auch dahinter: Ryan Fleck und Anna Boden, die sich während ihrer Studienzeit kennenlernten, bereits einige Filmprojekte (Struggle, Have You Seen This Man? etc.) gemeinsam abgeschlossen  haben und einst Ryan Gosling in Half Nelson zu einer Oscar-Nominierung verhalfen, zeichnen sich für Drehbuch und Regie des Films verantwortlich.

Wenn Dirty Trip in vielerlei Hinsicht schwächelt, so zeigt er seine Stärke in den fürstlich besetzten Hauptrollen. Beachtet man dabei, dass eigentlich Jake Gyllenhaal (Southpaw) die Rolle des Curtis spielen sollte, dieser jedoch aus Zeitmangel absagen musste und Ryan Reynolds (Green Lantern) nur die zweite Wahl wurde. Welch Glück für die Zuschauer. Bildet er doch mit Ben Mendelsohn (Killing Them Softly) das Buben-Duo des Films und zugleich das Rückgrat einer ungleichen Freundschaft. Curtis hat sein Leben im Griff, er reist umher, macht neue Bekanntschaften und mit einer kleinen Brise Glück macht er dabei noch etwas Geld. Gerry lebt in seinem Apartment mit seiner Katze, Frau und Tochter haben ihn seit Jahren verlassen und so klammert er sich an das Glücksspiel und die Hoffnung auf den großen Gewinn, der sein Leben in neue Bahnen lenken wird. Die beiden Freunde könnten unterschiedlicher nicht sein und sind dennoch Teil desselben Puzzles. Curtis fürchtet sich davor, sesshaft zu werden, dabei hat er die große Liebe schon gefunden. Doch was, wenn es am Ende nicht so endet, wie er es sich vorgestellt hat? Deshalb reist er umher und interessiert sich vielmehr für das Leben anderer Leute als für sein eigenes. Während Gerry nicht anders kann, als sich um die eigene Achse zu drehen. Zu viele Schulden und keine wirkliche Perspektive, denn außer seiner Frau und seiner Tochter hat er niemanden, und selbst die können und wollen ihm bei seiner Sucht nicht helfen.

Das ungleiche Paar strotzt vor Reibungspunkten und schafft es dennoch das Ziel nie vollkommen aus den Augen zu verlieren. Besonders Ben Mendelsohn, der für seine Rolle in der Netflix-Serie Bloodline bereits für verschiedene Awards nominiert wurde, haucht dem gebrochenen Gerry wahres Leben ein. Neben Verzweiflung und Aussichtslosigkeit, die mit seinem Leben einhergehen, hat er seinen Optimismus nie verloren. Manche mögen es Desillusion nennen, doch Mendelsohns Performance verwischt eben genau diese Grenze und lässt den Zuschauer mit einer Mischung aus Mitleid und Sympathie für den geschundenen Gerry zurück. Auch Ryan Reynolds scheint die Rolle wie auf den Leib geschrieben. Er ist ein Charmeur, dem alles zuzufliegen scheint, und als wäre das nicht schon genug, kümmert er sich auch noch um den scheinbar hoffnungslosen Gerry. Mit jeder verstreichenden Minute taucht der Zuschauer tiefer in seine Persönlichkeit ein, und als sie dann einen Zwischenstopp bei seiner großen Liebe Simone einlegen, beginnt sich das schier endlose Buch des Curtis weiter zu entfalten. Läuft er vielleicht vor seinem Glück davon, obwohl es all die Zeit genau vor ihm lag? Reynolds spielt die Rolle des innerlich zerrissenen Glückspilzes mit einer Hingabe, wie es nur wenige könnten. Wieder einmal bleibt der Zuschauer mit gemischten Gefühlen zurück und ob es nun Curtis ist, der Gerry am Ende des Films auf den rechten Pfad lenkt oder gar andersrum oder es am Ende doch ganz anders kommt …

Über den kompletten Film hinweg verfolgen wir die beiden Hauptprotagonisten auf ihrer Reise. Dabei lockt der Film immer wieder mit interessanten Knotenpunkten der Geschichte, um sie dann wieder im Regen stehen zu lassen. Da wäre das Treffen von Gerry und Sam (Alfre Woodard), einer Gläubigerin die ihr Geld zurück will. Sie setzt ihm ein Ultimatum von einem Tag, um das Geld zu beschaffen. Sollte er das nicht tun, würde es fatale Folgen für ihn haben. Die üblichen Drohungen. Im restlichen Film spielt sie jedoch keine Rolle mehr. Ihr Handlanger Tim schickt Gerry zwar noch eine furchteinflößende SMS, doch damit ist das Thema scheinbar erledigt. Ein weiterer Knotenpunkt, der keine Beachtung im Verlauf des Films findet, ist der Zwischenstopp bei Curtis‘ großer Liebe Simone (Sienna Miller). Zum ersten Mal wird dem Zuschauer ein Einblick in das Leben von Curtis gewehrt. Die junge Escort Dame Simone und der abenteuersuchende Weltenbummler. Die Funken sprühen, als wären sie nie voneinander getrennt gewesen, doch kaum hat sich der Zuschauer an die neue, einfühlsame und zugleich verletzliche Seite von Curtis gewöhnt, geht der Roadtrip auch schon weiter. Was bleibt, sind einige wenige Text- und Sprachnachrichten von Simone über das Handy. Einzig allein das Treffen mit Gerrys Ex-Frau hinterlässt seine Spuren im weiteren Verlauf der Geschichte, ist aber ein Tropfen auf den altbekannten heißen Stein.

Die schauspielerischen Leistungen beider Hauptprotagonisten sind eine erfrischende Brise durch die raue Filmlandschaft. Aber ein Paar Buben macht noch kein Full House und so plätschert der Film überwiegend vor sich hin. Denn wie schon erwähnt, werden viele Handlungsstränge nach kurzer Eingewöhnungsphase links liegen gelassen, einzelne wichtige Figuren verschwinden fast vollkommen in der Versenkung und würden Mendelsohn und Reynolds nicht stetig Akzente ihres schauspielerischen Könnens setzen, wäre der Film wohl vollkommen vom Radar verschwunden. Der Geschichte und Umsetzung mangelt es an Originalität, wodurch der Film mit ständig offenen Karten spielt. Auf Überraschungen und Schocker wartet der Zuschauer also vergeblich. Was bleibt, ist eine nette Geschichte über Verzweiflung, Verlust und Freundschaft.

Dirty Trip
4.06 (81.11%) 18 Artikel bewerten

Dirty Trip
Zwei Männer, die Hoffnung auf den großen Gewinn und ein Road Trip durch das Leben zweier völlig verschiedener Persönlichkeiten. Das Suchen und Finden von Liebe und dem was eigentlich wirklich wichtig ist im Leben. Der Film glänzt in der Besetzung, schwächelt jedoch stark in der Umsetzung.
6von 10

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