(„Kirikou et les bêtes sauvages“ directed by Michel Ocelot and Bénédicte Galup, 2005)

Kiriku und die wilden TiereKiriku mag nicht der größte sein, wenn es um den bloßen Körperbau geht. Doch der kleine Junge ist gewitzt und findet für jedes Problem eine Lösung. So zum Beispiel, als eine schwarze Hyäne den gemeinsamen Gemüsegarten bedroht. Hin und wieder beweist er auch großen Mut, wie sein Großvater in diversen Geschichten zu erzählen weiß. Und den braucht er auch, denn ständig werden er und die anderen Einwohner des afrikanischen Dorfes von der bösen Hexe Karaba bedroht.

Überraschend lange hat es gedauert, ganze sieben Jahre, bis 2005 mit Kiriku und die wilden Tiere der Nachfolger des Überraschungserfolgs Kiriku und die Zauberin in die Kinos kam. Und wenn es nach Michel Ocelot gegangen wäre, hätte es auch bei dem einen Film bleiben können. Doch der französische Regisseur und Erfinder von Kiriku ließ sich am Ende erweichen, wohl auch mit der Aussicht auf den zu erwarteten Geldregen. Nur brachte das zwei Probleme mit sich. Wie soll eine Geschichte fortgesetzt werden, die zuvor mit dem erwachsenen Kiriku bereits abgeschlossen war? Schließlich lag ein Teil des Charmes des Vorgängers eben darin begründet, wie ein kleiner Junge es den Großen mal so richtig zeigt. Außerdem hatte Ocelot eigentlich überhaupt keine Zeit für das Projekt, war er doch selbst mit seinem nächsten Film Azur und Asmar beschäftigt. Für beide Probleme fanden sich Lösungen, auch wenn die Auswirkungen auf Kiriku und die wilden Tiere nicht unbedingt immer positiv waren.Kiriku und die wilden Tiere Szene 1

Dem Problem der inhaltlichen Kontinuität ging Ocelot aus dem Weg, indem er eben keine Fortsetzung drehte, kein Sequel, sondern ein sogenanntes Midquel. Kiriku und die wilden Tiere spielt zu derselben Zeit wie Teil eins, erzählt jedoch mehrere kleine Alltagsgeschichten, die sich unabhängig von der Hauptgeschichte zugetragen haben sollen. Nun muss eine mehrgeteilte Erzählung nicht zwangsweise ein Nachteil sein, Ocelot selbst hat mit Princes et princesses und Les Contes de la nuit zwei weitere Anthologien veröffentlicht. Und auch Kiriku und die Zauberin hatte zwischenzeitlich einen deutlich episodenhaften Charakter. Doch gab es dort trotz allem eine übergreifende Handlung und mit dem Sieg über die Hexe ein klar definiertes Ziel. Beides fehlt hier, weshalb die einzelnen Abenteuer im Vergleich zu den vorherigen dann doch spürbar beliebiger geworden sind. Und auch belangloser, denn das Ergebnis wurde durch den ersten Teil ja bereits vorweggenommen. Als Zuschauer weiß man daher bereits, dass sich in den rund 110 Minuten nichts ändern wird, keine unvorhergesehene Wendung eintreten darf.

Die Schwierigkeit der mangelnden Kapazität wiederum überwand Ocelot, indem er erstaunlich viele Verantwortlichkeiten abgab. Anstatt wie sonst üblich allein für Regie und die Geschichte zuständig sein, teilt er den Regiestuhl dieses Mal mit seiner langjährigen Mitarbeiterin Bénédicte Galup, die vier Episoden wurden von insgesamt vier verschiedenen Autoren geschrieben. Anzumerken sind die vielen Einflüsse jedoch nicht, die beiden Filme sind sich so ähnlich, als hätte es nie einen Wechsel gegeben. Das darf man durchaus positiv finden, schließlich sind die bewährten Stärken von Kiriku und die Zauberin so erhalten geblieben: eine exotische, farbenfrohe Kulisse, interessante Perspektiven, eine zauberhafte Atmosphäre, dazu eine kindgerechte Handlung und die gewohnt schöne Musik. Der Nachteil ist jedoch, dass beim Versuch, dem ersten Teil gerecht zu werden, sich so sehr an ihm orientiert wurde, dass Kiriku und die wilden Tiere eine eigene Identität fehlt. Wären die vier Geschichten als Outtakes auf der DVD des Vorgängers gewesen, niemandem wäre etwas aufgefallen.Kiriku und die wilden Tiere Szene 2

Der einzige tatsächlich sichtbare Unterschied betrifft die Optik. Stilistisch sehr ähnlich, wurde diesmal jedoch bedeutend mehr auf die Hilfe des Computers zurückgegriffen. War Kiriku und die Zauberin noch echte Handarbeit, sind gerade die Hintergründe diesmal oftmals am Rechner entstanden. Ob auch dies nun auf die Kapazitätengpässe zurückzuführen ist oder auf Ocelots Faszination für die neuen Animationsmöglichkeiten – das zeitgleiche Azur und Asmar entstand sogar komplett am Computer – ist nicht bekannt, und der jungen Zielgruppe dürfte der Stilbruch ohnehin egal gewesen sein. Tatsächlich konnte der zweite Film mit Kiriku in seiner Heimat den Erfolg des ersten mühelos wiederholen, bereits nach drei Wochen hatten über eine Million Besucher Kiriku und die wilden Tiere gesehen. Kein Wunder also, dass es diverse Versuche gab, über alle Medienformen hinweg aus der Beliebtheit des Animationsfilmes Kapital zu schlagen: ein Videospiel, eine eigene Zeitschrift, selbst ein Musical – der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Nur auf einen neuen Film mussten kleine wie große Fans lange verzichten, denn es sollte wieder volle sieben Jahre dauern, bis das lang erwartete dritte Abenteuer Kiriku und die Männer und Frauen 2012 seine Premiere feierte.

Kiriku und die wilden Tiere
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Kiriku und die wilden Tiere
Die Fortsetzung des Überraschungserfolgs führt die Stärken von Kiriku und die Zauberin nahtlos fort, schafft es jedoch nicht, eine eigene Identität aufzubauen und hat aufgrund seines Midquel-Status mit einer gewissen Beliebigkeit zu kämpfen. Die junge Zielgruppe wird es aber nicht stören, denn zauberhaft sind auch die neuen Abenteuer des kleinen afrikanischen Jungen.
6von 10

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