(„Schwestern“ directed by Anne Wild, 2013)

SchwesternAlle sind sie schon bereit, Angehörige, Freunde, Ex-Liebhaber, und warten drauf, dass sie endlich durch die große Kirchentüre tritt. Doch von Kati Kerkhoff (Marie Leuenberger) keine Spur. Ob sie im letzten Moment doch noch kalte Füße bekommen hat? Ein bisschen peinlich ist die Situation ja, für die Gäste sowieso, aber auch für die Nonnen, die sie in ihrem Kreis aufnehmen wollen. Andererseits: Verständlich ist es schon, dass jemand zumindest Vorbehalte hat, einem Kloster beizutreten, zwei Jahre nicht mehr zu sprechen und sein restliches Leben Gott zu widmen.

Usch (Ursula Werner), Familienoberhaupt mit sehr bestimmenden Zügen, konnte der Entscheidung ihrer Tochter ohnehin nichts abgewinnen. Aber auch Katis Geschwister Saskia (Maria Schrader) und Dirk (Felix Knopp) hadern mit der Vorstellung, ihre Schwester an Gott zu verlieren. Als klar wird, dass die Zeremonie erst einmal auf unbestimmte Zeit unterbrochen wird, hat die Familie und auch Katis Exfreund Jörn (Thomas Fränzel) reichlich Gelegenheit, sich über das Thema auszutauschen. Aber auch über viele andere Dinge, die ihnen schon lange unter den Fingernägeln brannten.

Die liebe Familie, man kann nicht mit, man kann nicht ohne. Wen will es da noch wundern, wenn in schöner Regelmäßigkeit Filme auf den Markt kommen, bei denen es im Grunde um nicht mehr geht, als wie sich Familienmitglieder gegenseitig die Köpfe einschlagen und dem anderen die Schuld fürs eigene verpfuschte Leben geben. Während sich in der Hinsicht zwangsläufig die Geschichten um die ewig gleichen Konflikte drehen, gibt es bei dem Anlass für den Zoff doch reichlich Variationen. Neben den Klassikern Hochzeiten und Todesfälle kann das eine Geburtstagsfeier sein (Familientreffen mit Hindernissen), ein verregneter Urlaub (Tanta Agua), der vermeintliche Lottogewinn (Nebraska) oder auch schon mal eine unfreiwillige Pilgerfahrt (Nebenwege). Aber den Beitritt in ein Kloster, das ist doch mal was Neues.Schwestern Szene 1

Dabei ist Kati gar nicht mal das Thema des Films. Anders als etwa Die Nonne, bei dem ebenfalls eine junge Frau einen geistlichen Weg einschlägt, tritt die Betroffene hier erst sehr spät in Erscheinung. In der Zwischenzeit wird von den anderen Familienmitgliedern zwar viel über die angehende Nonne gesprochen, doch eigentlich, wenn man genau hinhört, spricht man hier dann doch nur von sich und seinen eigenen Problemen: Saskia und Dirk sind mit ihren Berufsvisionen gescheitert, Jörn hat bis heute kein eigenes Leben auf die Reihe bekommen und unter der perfekten Fassade von Familienoberhaupt Usch sitzt der Frust tief, dass keines ihrer Kinder ihren Vorstellungen entspricht. Wenn übers Katis Entscheidung gesprochen wird, der Welt da draußen den Rücken zu kehren, dann mischt sich in die Wut und das Unverständnis auch so etwas wie Neid – immerhin hat die Abtrünnige noch etwas, an das sie festhalten kann.

Klingt nach schwerer Kost, ist aber anders als der Verwandte aus Frankreich richtig lustig. Regisseurin und Drehbuchautorin Anne Wild bevölkerte Schwestern nämlich mit allerlei exzentrischen Figuren. Was auch immer da in der Familie schief ging, jeder hat dabei einen leichten Knacks davongetragen. Dirk erzählt voller Stolz davon, bei seinen künstlerisch hochwertigen Büchern Papier von 1925 zu verwenden, was in der realen Welt so ziemlich niemanden interessiert. Seine Tochter Marie (Rita Luise Stelling) hält sich – Blind Melon’s „No Rain“ lässt grüßen – für eine Biene und treibt damit jeden in den Wahnsinn. Und auch bei Jörn fragt man sich immer wieder, auf welchem Stern er eigentlich lebt.Schwestern Szene 2

Doch hinter der Komik wartet eben immer die Trauer, der so köstlich aussehende Kuchen ist innen versalzen, eine niedliche Kuh ist in Wirklichkeit ein aggressiver Stier, die idyllische, sonnendurchflutete Landschaft wird von einem Sturm heimgesucht. Ganz zum Schluss übertreibt es Wild vielleicht ein wenig mit der Dramatik und die Tragikomödie wird bewusst gekünstelt. Doch die restliche Zeit über gefällt Schwestern gerade dadurch, dass das Geschehen zwar immer einen Hauch zu weit geht, die dahinter liegende Familienproblematik dafür umso realer und greifbarer ist. Vor allem aber ist der Film wunderbar gespielt, quer durch die Bank. Und wenn sich Kati und Saskia doch noch einmal gegenüber stehen und in einer größtenteils wortlosen Szene die unausgesprochenen Gefühle der letzten Jahre an die Oberfläche kommen, dann ist das von einer so umwerfenden Intensität, dass man die Welt da draußen selbst für einen Moment komplett vergisst.

Schwestern ist seit 20. Juni auf DVD erhältlich

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Familientreffen einmal anders: Wenn die Kerkhoffs zusammenkommen, ist das augrund der skurrilen Figuren oft komisch. Gleichzeitig kommen bei der fantastisch gespielten Vergangenheitsbewältigung aber auch die Gefühle nicht zu kurz.
8von 10

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