(„Geung si“ directed by Juno Mak, 2013)

Rigor Mortis – LeichenstarreOb man nun einen Kuchen backt oder den anderen abends auf ein Bier einlädt, es gibt viele schöne Methoden, neue Nachbarn willkommen zu heißen. Der Satz „Man zieht hier aus, um sich zu verbessern. Nicht anders rum“ gehört da eher nicht dazu. Wahr ist er dennoch, das heruntergekommene Gebäude sieht mehr nach Endstation aus, weniger nach Neuanfang. Und genau das hat Siu-Ho (Siu-Ho Chin) vor. Seine Familie hat er verloren, seine Karriere als Schauspieler ist vorbei. Wenn er in das schäbige Hochhaus zieht, dann nur, um seinem Leben eben ein Ende zu setzen.

Doch daraus wird nichts. Als er am Strick hängt, weckt er in seinem Todeskampf nicht nur die Aufmerksamkeit zweier grausamer Geister, sondern auch die von seinem Nachbarn Yau (Anthony Chan). Der arbeitete früher als Vampirjäger, schlägt sich aber – aus Mangel an Jagdzielen – inzwischen als Restaurantbesitzer durch. Übersinnliche Wesen gibt es dabei sogar mehr als genug in dem Haus, aber man hat sich arrangiert, Menschen und Tote „leben“ in einer friedvollen Koexistenz. Diese wird jedoch empfindlich gestört, als der ältere Bewohner Tung (Richard Ng) bei einem Unfall stirbt und dessen Frau Mui (Hee Ching Paw) ihn mit Hilfe von Mönch Gau (Chung Fat) zurück ins Leben holen will.

Totgesagte leben länger: Nachdem es eine Weile etwas ruhiger geworden war um unsere liebgewonnenen Blutsauger, haben in den letzten Jahren Vampire doch wieder verstärkt den Weg zurück auf die Leinwand gefunden. Doch gleich ob Schulmädchenromanze (Twilight), feministischer Überlebenskampf (Byzantium) oder Independentdrama (Midnight Son), der Fokus lag fast immer auf den tragischen Schicksalen der Untoten. Der Horror kam dabei zunehmend abhanden, von Actionszenen ganz zu schweigen.Rigor Mortis – Leichenstarre Szene 1

Beides gibt es in Rigor Mortis – Leichenstarre reichlich – und noch viel mehr: Da wird munter Blade mit Martial-Arts-Akrobatik à la Tiger & Dragon, verstörende J-Horror-Ästhetik (Ring) mit dem Hochhausalptraum aus Citadel verknüpft. Schon in den ersten Minuten, gleich nachdem wir mit Siu-Ho sein neues Domizil betreten, spinnt sich eine unheilvolle Atmosphäre durch die Gänge, aus der es kein Entkommen gibt. Dass die Wohnanlage nicht ganz aus dieser Welt ist, daran herrscht kein Zweifel. Wie auch? Wir befinden uns schließlich an einem Ort, an dem Leute wie die verwirrte Dame Feng (Kara Hui) und ihr weißhaariger Sohn ebenso selbstverständlich umherstreifen wie eine nächtliche Geisterprozession. Man sich nie ganz sicher ist, wer von den Bewohnern real ist. Und wer nicht.

Klassische Schockmomente gibt es dabei auffallend wenig, brutale Szenen ebenso wenig. Hier kommt es einzig und allein auf die alptraumhafte Stimmung an, und die wird im Regiedebüt von Schauspieler Juno Mak vor allem durch die unglaubliche Optik erzeugt. Farbreduziert ist sie, viel Schatten, wenig Licht. Selbst wenn sich der Film von den dominierenden Schwarz-Weiß-Grau-Tönen verabschiedet oder Sonne durch die Fenster scheint, wirkt alles blass und unreal. Und sehr, sehr kunstvoll.

Style over substance lautet dann auch ein häufiger Vorwurf, der dem Hongkonger Film gemacht wird. Und ja, der Vorwurf ist absolut berechtigt. Richtig viel gibt die Geschichte nicht her, zerfasert sich in zu viele Subplots, die mehr schlecht als recht zusammengeführt werden. Auch an Erklärungen zeigt Mak nur wenig Interesse. Selbst beim Finale werden Hintergründe nur kurz gestreift, stattdessen gibt er sich seinen berauschenden Bildern hin.Rigor Mortis – Leichenstarre Szene 2

Ein Grund für die Unverständlichkeit von Rigor Mortis – Leichenstarre liegt in dessen Entstehungsgeschichte: Als Inspirationsquelle für den Film diente die Horrorkomödie Mr. Vampire von 1985. Während die in ihrer Heimat sehr erfolgreich war und mehrere Nachfolger hatte, hält sich der Bekanntheitsgrad hierzulande doch sehr in Grenzen. Und damit gehen diverse Anspielungen verloren. Allein schon, dass diverse Schauspieler des Hongkongklassikers hier ihre Auftritte haben, Hauptdarsteller Siu-hou Chin sich sogar selbst spielt, ist für Fans des Originals Teil des Vergnügens. Und wenn Rigor Mortis in seltenen Momenten selbst komische Tendenzen zeigt, dann ist auch das eine Verneigung vor seinem sehr viel weniger ernst gemeinten Vorfahren.

Kennen muss man Mr. Vampire dennoch nicht, um hier auf seine Kosten zu kommen. Dafür reicht eine Vorliebe für leicht surreal angehauchte Horrorfilme und eine elegante Optik. Denn auch wenn es auf der inhaltlichen Seite mitunter schwächelt, allein die fantastischen Bilder und die unheilvolle Stimmung machen Rigor Mortis zu einem der sprichwörtlich sehenswertesten Genrevertreter der letzten Zeit.

Rigor Mortis – Leichenstarre ist seit 15. April auf DVD und Blu-ray erhältlich



(Anzeige)

Rigor Mortis – Leichenstarre
Die Geschichte um ein Hochhaus voller Geister hätte sicher mehr Feinschliff vertragen. Doch mit seiner unglaublichen, sehr eleganten Optik und der unheilvollen Stimmung macht der chinesische Horrorfilm Rigor Mortis – Leichenstarre die inhaltlichen Schwächen mehr als wett.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.