(„Midnight Son“ directed by Scott Leberecht, 2011)

Midnight SonWer nach einem langen Winter den ewiggrauen Himmel und nicht enden wollenden Schnee nicht mehr sehen kann, kennt diese Sehnsucht, endlich wieder Sonne auf der Haut zu spüren. Bei Jacob (Zak Kilberg) hält sich diese Sehnsucht jedoch in Grenzen. Verständlich, denn bei ihm ist Sonnenbrand wörtlich zu verstehen. Schon der kleinste Kontakt mit den lebenspendenden Strahlen genügt und seine Haut ist mit hässlichen Wunden übersät. Aber der Mittzwanziger hat sich ganz gut mit seiner Krankheit arrangiert. Geld verdient der gezwungene Nachtschwärmer als nächtlicher Wachmann. Ansonsten verbringt er viel Zeit mit Malen. Bei dem Hobby stört es wenig, dass er nicht aus seiner Wohnung kann und er keine Freunde hat.

Was ihn aber zunehmend beunruhigt ist sein übergroßer Hunger. Er kann in sich hineinstopfen, was er will, Pizza, Hühnchen, Fertiggerichte, er wird einfach nicht satt. Oder dick. Was sich für die meisten Weight Watchers wie ein Traum anhört, ist es für Jacob so rein gar nicht. Denn er fühlt sich schlecht dabei, so richtig schlecht. Und sein Arzt kann ihm leider auch nicht helfen. Das einzige, was ihm tatsächlich hilft, ist zu seinem großen Entsetzen Blut. Ein Glück, dass ihm Krankenpfleger Marcus (Jo D. Jonz) genau dieses besorgen kann. Für Geld. Und als wäre sein Leben nicht so schon schwierig genug, verliebt sich der widerwillige Blutsauger auch noch in Mary (Maya Parish), ein Mädel, dem er während seiner nächtlichen Ausflüge über den Weg läuft.

Midnight Son Szene 1

Abgelegene Schlösser, düster und verwinkelt – so sieht das natürliche Habitat eines Vampirs aus. Bei Jacob ist das ein wenig anders. Sonderlich einladend ist seine hermetisch abgeschlossene Untergeschosswohnung zwar nicht, und auch die Umgebung lässt zu wünschen übrig. Aber immerhin liegt sie in Los Angeles, über mangelnde Nachbarschaft kann er sich also nicht beklagen. Und natürlich hat diese für einen Vampirfilm eher ungewohnte Kulisse Auswirkungen auf die Inszenierung: stylische Bilder, unterkühlt, minimalistische Musik, irgendwie hypnotisch. Mehr Drive, weniger Bram Stoker’s Dracula.

Wie die Originalgeschichte enthält aber auch die Neufassung ihren größeren Dramaanteil. Doch der liegt mehr im verzweifelten Bestreben Jacobs, sein Leben wieder unter Kontrolle zu bringen und sich nichts anmerken zu lassen. Das erinnert ein wenig an Interview mit einem Vampir, ohne aber je vergleichbar überbordend zu werden. Vermutlich auch durch das geringe Budget bedingt gibt es hier keine großen Reisen um die Welt, aufwendige Kostüme oder Geschichten, die sich über Jahrhunderte hinweg spannen. Stattdessen folgen wir einige Tage den Schritten eines Außenseiters, der durchaus auch unser Nachbar sein könnte – wenn da nicht seine etwas ausgefallene Krankheit wäre.

Am meisten gefällt der Film deshalb durch seinen Versuch, den klassischen Vampir in die Neuzeit zu holen und etwas realistischer zu gestalten. Das mag nicht immer wirklich funktionieren. Und ob dafür unbedingt eine Liebesgeschichte notwendig war, darüber lässt sich auch streiten. Wenigstens ist die Romanze zwischen Vampir und Mensch hier nicht kitschig, sondern – dem Kontext angemessen – verstörend und kompliziert. Schließlich ist Mary mit ihrem Hang zum Koks und ihren unwürdigen Nebenjobs nicht gerade der Prinzessinnentyp.Midnight Son Szene 2

Kleine Warnung jedoch für Horrorfans: Indem wir diesmal das Vampirdasein durch die Augen des Betroffenen erleben und auch keine wirklichen Gegenspieler vorhanden sind, hält sich zwangsweise die Spannung eher in Grenzen. Nur zum Ende hin meinte Regisseur und Drehbuchautor Scott Leberecht wohl, der Zuschauer könnte ohne ein bisschen Splatter gelangweilt sein. Ein bisschen schade ist das schon, denn Midnight Son ist zwar ein für dieses Genre ungewöhnlich ruhiger Film, schafft es aber, einem ausgesaugten Thema ein paar neue Facetten abzugewinnen.

Midnight Son – Brut der Nacht ist seit dem 22. Februar auf DVD und Blu-ray erhältlich

Midnight Son – Brut der Nacht
4.5 (90%) 2 Artikel bewerten

Midnight Son – Brut der Nacht
(Un-)Totgesagte leben länger! Wer befürchtet hat, unsere liebgewonnenen Blutsauger wären von nun an auf ewig dazu verdammt, die Hauptrolle in Kleinmädchen-Schmachtfetzen übernehmen zu müssen, kann aufatmen: Midnight Son ist eine Interpretation, die durchaus modern ist, dabei aber alte Tugenden nicht vergisst.
7von 10

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