Zwei Leben
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Zwei Leben

(„Zwei Leben“ directed by Georg Maas and Judith Kaufmann, 2013)

Zwei LebenDer Holocaust natürlich. Hiroshima. Vielleicht auch Stalingrad. So werden wohl die meisten Antworten lauten, fragt man nach den schlimmsten Tragödien des Zweiten Weltkrieges. Doch im Schatten dieser großen Verbrechen tummeln sich viele kleine, von der Zeit und den Menschen vergessen. Doch genau gegen dieses Vergessen kämpft Sven Solbach (Ken Duken). Genauer geht es dem jungen Anwalt um Schicksale, die sich in Norwegen zutrugen und nur wenig publik, in der Konsequenz aber nicht minder traurig waren.

Als Tyskertøs wurden sie beschimpft, die „Deutschenflittchen“: Frauen, die zur Zeit des Zweiten Weltkrieges Beziehungen mit den deutschen Besatzern eingingen. 250 Kinder, die aus solchen Beziehungen hervorgingen, wurden später nach Deutschland verschleppt, um das arische Erbgut zu fördern. Nur wenige dieser Kinder durften je ihre Eltern kennenlernen, die meisten wuchsen bei Pflegeeltern oder in Kinderheimen auf. Die Betroffenen sollen, Jahrzehnte später, Wiedergutmachung erfahren für das, was man ihnen antat.

Katrine (Juliane Köhler) ist eine der wenigen, die Glück hatte: Nach einer abenteuerlichen Flucht über Dänemark erreichte sie tatsächlich Norwegen, das Heimatland ihrer Mutter. Heute erinnert nur wenig an ihre traurige Kindheit. Sie ist glücklich mit dem Marineoffizier Bjarte Myrdal (Sven Nordin) verheiratet, hat eine erwachsene Tochter namens Anne (Julia Bache-Wiig) und auch das Verhältnis zu ihrer Mutter Ase (Liv Ullmann) ist bestens. Wer kann es ihr verdenken, dass sie lieber nicht an die Zeit damals erinnert werden möchte, alles lieber ruhen lassen will? Oder steckt hinter ihrer Weigerung, mit Solbach zusammenzuarbeiten, vielleicht doch noch etwas anderes?Zwei Leben Szene 1

Selten war eine Entscheidung wohl so schwergefallen wie dieses Mal: Neun Filme standen zur Auswahl, als es darum ging, wer Deutschland beim diesjährigen Kampf um den Oscar vertreten darf, darunter so unterschiedliche Kandidaten wie Oh Boy, Schuld sind immer die Anderen, Heute bin ich blond, Tore tanzt und Freier Fall. Viele hatten vermutlich auf die skurrile Tragikomödie von Jan-Ole Gerster gesetzt, doch der offizielle Beitrag wurde am Ende Zwei Leben. Gebracht hat es nicht viel, der Preis als bester nicht-englischsprachiger Film ging nach Italien (La Grande Bellezza), der deutsche Vorschlag schaffte es nicht einmal in die Endrunde.

Enttäuschend war das schon, zumal sich Zwei Leben qualitativ nicht hinter der Satire der südlichen Kollegen verstecken musste. Tatsächlich schaffte es, abgesehen von Captain Phillips, kaum ein Film vergleichbar gut, Drama mit Thriller zu kreuzen und dabei wirklich in beiden Genres zu überzeugen. Die Spannung besteht dabei weniger darin, was sich damals wirklich zugetragen hat – durch grobkörnige Rückblenden wird so viel vorweggenommen, dass man schon früh eine Ahnung hat – sondern, ob die Geheimnisse ans Tageslicht kommen. Und wenn ja, welche Auswirkungen wird das haben?

Noch bevor wir diese Antworten bekommen, zeigen uns die Regisseure Georg Maas und Judith Kaufmann die Folgen für das Leben von Katrine. Basierend auf dem bisher unveröffentlichten Roman „Eiszeiten“ von Hannelore Hippe, erzählen sie, wie die Schatten von einst das Familienglück überdecken und sich das Ehepaar zunehmend entfremdet. Diese inneren Konflikte von Katrine, aber auch die mit ihrem Mann und der Mutter werden beeindruckend differenziert von Juliane Köhler und ihren Kollegen dargestellt. Und ganz nebenbei werden gleichzeitig unsere Konzepte von Gerechtigkeit und Wahrheit auf die Probe gestellt. Gibt es das überhaupt? Wo liegen die Grenzen zwischen richtig und falsch, Täter und Opfer, äußerer und innerer Identität?Zwei Leben Szene 2

Schade nur, dass die Fragen wohl auch für die Macher von Zwei Leben zu komplex waren und sie deshalb zum Schluss dann doch in recht konventionellen Thrillergewässern herumschippern. Doch auch wenn man sich da vielleicht etwas einfach aus der Affäre gezogen hat, fesselnd ist das Psychodrama über Wahrheit, Schuld und echte Zuneigung ohne Zweifel.



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Irgendwo zwischen Drama und Thriller angesiedelt erzählt Zwei Leben basierend auf wahren Begebenheiten die Geschichte einer Familie, die von einer traurigen Vergangenheit eingeholt wird. Das ist durchweg spannend, nuanciert gespielt und stellt zudem interessante Fragen über Wahrheit und Gerechtigkeit.
8
von 10