(„The Tunnel“ directed by Carlo Ledesma, 2011)

The Tunnel„Die nachfolgenden Ereignisse fanden im Oktober des Jahres 2007 statt. Der Film enthält offizielles polizeiliches Beweismaterial.“

Wann immer ein Film mit diesen Zeilen beginnt, ist der Versuch groß, gleich wieder auszuschalten. Denn oftmals ist das Erschreckendste an den „Found Footage“-Film weniger der Inhalt, sondern die stümperhafte Umsetzung. Und die Annahme, mit einer wackligen Handkamera durch die Gegend zu laufen, wäre auch in der 1000. Variante noch eine clevere und spannende Idee. Schade dabei ist, dass in diesem Meer an Nachahmern immer wieder gute Vertreter untergehen. So auch The Tunnel.

Die Protagonisten sind – mal wieder – die Mitglieder eines Reporter- und Kamerateams. Ausnahmsweise stehen aber kein kleines Kuhkaff, mysteriöse Erscheinungen oder abgelegene Wälder im Mittelpunkt ihres Interesses, sondern der Untergrund der Millionenstadt Sydney. In den nicht mehr genutzten Tunneln könne man doch Wasserspeicher errichten, um so für zukünftige Wasserknappheiten besser gewappnet zu sein. Das revolutionäre Projekt ist in aller Munde, bis die Politik es eines Tages sang- und klanglos sterben lässt. „Kein Kommentar“, lautet die Antwort auf alle Fragen. Natasha (Bel Deliá) ist das jedoch nicht genug und wittert hinter dem Ganzen eine fette Story. Und so steigt sie mit ihren Kollegen Steve (Steve Davis), Peter (Andy Rodoreda) und Tangles (Luke Arnold) heimlich hinab, um die Wahrheit herauszufinden.The Tunnel Szene 1

Anders als seinerzeit bei Blair Witch Project oder auch den zahlreichen Konsorten heute, wird The Tunnel dem Zuschauer nicht als Rohaufnahme verkauft, die einfach irgendwo gefunden wurde, sondern als Dokumentation. Das bedeutet konkret, dass zwischen den Mitschnitten immer wieder Interviews mit den Teammitgliedern eingeblendet werden, aufgenommen nach dem Besuch des Tunnels. Diese Gespräche sind Segen und Fluch zugleich: Auf der einen Seite erhöhen sie ungemein die Authentizität. Liefe The Tunnel im Fernsehen und man wäre nur per Zufall darauf hängengeblieben, ist die Chance groß, dass man den Spielfilm auf Anhieb nicht von „echten“ Dokumentationen hätte unterschieden können. Nachteil dieser Unterbrechungen ist aber, dass der australische Film lange nicht in die Gänge kommt. Bis das vierköpfige Team endlich im Untergrund gelandet ist, dauert es etwa eine halbe Stunde – zu dem Zeitpunkt dürften die meisten aber schon aus- oder weitergeschaltet haben.

Doch wer so lange aushält, wird daran erinnert, warum Blair Witch Project seinerzeit so verdammt effektiv war. Eine Geschichte nur aus dem begrenzten Sichtfeld der Egoperspektive zu erzählen ist wie gemacht für einen Film, der gerade davon lebt, nicht alles zu zeigen und den Zuschauer im Unklaren zu lassen. Bei The Tunnel wird dieser Effekt durch das Setting noch weiter verstärkt; die engen, unübersichtlichen und dunklen Gänge verhindern jede Form von Orientierung, die eingeschränkte Perspektive sorgt für eine klaustrophobische Stimmung.The Tunnel Szene 2

Auch an anderer Stelle hat Regisseur Carlo Ledesma seine Hausaufgaben gemacht: Wir bekommen zwar zu sehen, was da in den Tiefen Sydneys haust, aber nur aus der Ferne und im Dunkeln. Das lässt genug Raum für das Unheimliche. Wenn man dem Film einen Vorwurf machen kann, dann also sicher nicht für die Ausführung, allenfalls für die dahinter liegende wenig originelle Geschichte. Dennoch: Wer noch nicht genug „Found Footage“ in seiner Videosammlung hat, sollte auf jeden Fall einen Blick auf The Tunnel werfen. Schließlich hat das Genre nur selten vergleichbar Gutes zu bieten.

The Tunnel ist seit 18. Oktober auf DVD und Blu-ray erhältlich

The Tunnel
4 (80%) 10 Artikel bewerten

The Tunnel
Auch wenn The Tunnel das Rad nicht neu erfindet, bei der Umsetzung des Dokustils hat Regisseur Carlo Ledesma (fast) alles richtig gemacht. Der Anfang zieht sich zu sehr und originell ist hier auch kaum etwas. Aber von der Atmosphäre her gehört der australische Film definitiv zu den besseren Found-Footage-Streifen der letzten Zeit.
7von 10

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