(„Jagdszenen aus Niederbayern“ von Peter Fleischmann, 1969)

Hätte Peter Fleischmann mit „Jagdszenen aus Niederbayern“ nur einen einzigen Film in seiner Karriere gedreht, wäre ihm allein dafür der Platz unter den wichtigen deutschen Regisseuren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sicher gewesen. Sein sozialkritischer, ätzender Film, der damals vor allem in seinem Heimatland für lautstarke Proteste sorgte, hat sich in den Jahren nach seiner Entstehung nicht nur als Wegbereiter für ähnliche Werke – wie etwa Rosa von Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers (…)“ – entpuppt, sondern auch als Film, der in seiner atmosphärischen Schwarzweiß-Fotografie bereits Stilvorgaben für etwa Michael Hanekes „Das weiße Band“ vorlegte. „Jagdszenen aus Niederbayern“ hat in seinem Vorreiterstatus – gerade in der deutschen Kinolandschaft – viel für das Verständnis und die Akzeptanz der Homosexualität geleistet, handelt doch Martin Sperrs Theaterstück von 1966, auf dem der Film basiert, eben von dieser Thematik, die zu jener Zeit noch zu tabuisieren versucht wurde.

Hauptfigur jener Moralstudie ist Abram (Martin Sperr), der nach einer Zeit der Abwesenheit in sein Heimatdorf zurückkehrt. Dieses Dorf in Niederbayern ist stellvertretend für all jene Landstriche des deutschsprachigen Raumes, die noch mit traditionsverbundenen Überlebenden der Nazi-Diktatur bevölkert waren, geschildert in Bildern des ländlichen Rückstandes, die einem Großstädter heute wie Erinnerungen an jahrhundertealte Zeiten vorkommen mögen, wenn die Dörfler mit von der Schule befreiten Kindern zur Ernte schreiten, um ihren Lebensunterhalt sichern zu können. Es dauert gerade einmal wenige Sekunden nach der Ankunft Abrams, ehe Fragen zu seinem Aufenthalt laut werden, denn über den Ort, an dem er sich in den letzten Wochen aufhielt, schweigt er beharrlich. Dass es in einem Dorf keine Geheimnisse gibt, ist eine Erkenntnis, die Abram schmerzvoll erfahren muss: Man braucht sich nicht lange mit vagen Vermutungen und Boshaftigkeiten das Maul zerreißen, bis herausposaunt wird, dass der junge Mechaniker, der wieder bei seiner Mutter wohnt, aufgrund unzüchtigen Verkehrs mit dem männlichen Geschlecht im Gefängnis gesessen habe.

Diese Behauptung muss nicht bestätigt werden, um eine Welle der Empörung und des Hasses hervorzurufen. Schnell wird Abram zum Lieblingsopfer der bösartigen Dorfgemeinde, ein Pulk der vollkommen schlechten Menschen, nach oben sich verbeugend, nach unten tretend – immer auf die Kleinen und Hässlichen, bis sich Hure und Homo gegenseitig umbringen. Die Charakterzeichnung ist Sperr und Fleischmann dabei erstaunlich vielseitig geglückt: während das pöbelnde Volk als organisierte Wand der Bosheit auf all jene eindreschen, die nicht ihren eigenen Moralvorstellungen entsprechen, versäumt es Abram nicht, seinen Gegnern einen Grund für den aus der puren Angst entsprungenen Hass zu geben, indem er sich eines sonnigen Nachmittages an den pubertären und zurückgebliebenen Sohn seiner derzeitigen Arbeitgeberin heranzumachen. In dieser Groteske wechseln die Täter- und Opferrollen fortwährend, denn niemand ist in dieser tiefschwarzen Moralstudie ohne Schuld.

So ist Hannelore (Angela Winkler) als Dorfhure ein immer wieder gern gesehenes Opfer der Männer, die in ihr kaum mehr als eine verdorbene Fußmatte sehen, auf welcher sie sich abtreten können. Doch selbst, als sie von (angeblich) Abram schwanger ist, gibt sie, die Hure, ihrer Schwäche nach; in einem Anfall von Selbstmitleid, geplagt von den Qualen, die ihr aufgrund ihres Status bereitet werden, schläft sie betrunken mit einem Bekannten gegen Geld, um wenig später vom zurückgebliebenen Deppen, dem Opfer von Abrams Annäherungen, mit einem Holzstück beworfen zu werden. Natürlich hat all das bis heute nichts von seiner Aktualität verloren und natürlich wäre es falsch, die Handlung lediglich auf das niederbayerische Dorf zu beziehen, schließlich geht es hier um das allgemeine Phänomen, sich mit der Mehrheit gegen eine Minderheit zusammenzurotten, welche den eigenen Ethiken nicht entsprechen (umgeben wir alle uns nicht am liebsten mit Menschen, die uns ähnlich sind?). Nichtsdestotrotz entwerfen Fleischmann und Sperr in dieser ätzenden Satire auf den deutschen Heimatfilm ein präzises, rabenschwarzes Sittengemälde, das durch die Vielfältigkeit der Charaktere seiner Opfer sogar Mitgefühl vom Zuschauer erwarten kann, ohne zu sentimentalem Kitsch zu verkommen.

Jagdszenen aus Niederbayern ist seit 9. Februar auf Blu Ray und DVD erhältlich

 

Jagdszenen aus Niederbayern
4.36 (87.27%) 22 Artikel bewerten

Jagdszenen aus Niederbayern
„Jagdszenen aus Niederbayern“ ist ein wichtiger Film für seine und die nachfolgenden Generationen, für sein Land und für alle anderen. Präzise, offen, stimmungsvoll, voller Zynismus und Sarkasmus.
9von 10

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2 Responses

  1. luzifus

    Ich kann dieser auf den Punkt kommenden Kritik nur zustimmen – ein wichtiger Film, wenn auch etwas konstruiert hin und wieder. Und die Tiersnuff-Szene hätte es auch nicht gebraucht, um den dumpfen Konservatismus der Dorfgemeinde offen zu legen.

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  2. Breakout

    Nach Deiner Rezension habe ich mir den Film nun ausgeliehen und kann der positiven Einschätzung nur zustimmen.

    Meine Perspektive ist vielleicht ein bisschen speziell. Ich bin selbst in einem bayerischen Dorf wie im Film aufgewachsen. Nicht nur, dass die Einwohnerzahl in etwa gleich ist, mir die Mundart relativ vertraut ist und sogar Kirche verblüffende Ähnlichkeit mit der unsrigen besitzt, das Verhalten der Dorfgemeinschaft ist mir in keinster Weise fremd. Freilich liegen einige Jahrzehnte zwischen dem Dorf, in dem Abram und Hannelore leiden mussten, und dem, in dem ich aufgewachsen bin. Aber die aufgezeigten Hierarchien und Dynamiken der Dorfstruktur sind nach wie vor in ähnlicher Weise vorhanden, wenn auch in anderer Quanität und Qualität. Die Zeiten ändern sich dann doch. Trotzdem, wenn man in den Extras der DVD – die sehr sehenswert sind, geradezu dokumentarischen Charakter besitzen und damit die Fiktion in die Realität herüberholen – die Reaktion der Landshuter Bevölkerung nach der Premierenvorstellung sieht und hört, erscheint mir das als das empörte Zurückweisen des im vorgehaltenen Spiegel Gesehenen; als das anfängliche Leugnen des auf frischer Tat Ertappten (das gilt im Übrigen auch in ganz anderer Hinsicht, wenn ein Premierengast die Schlachtszene kritisiert). Dass 1969 jedoch bereits doch soviele Niederbayern das Wort für den Film ergriffen haben, hat mich überrascht und zeigt eindrücklich, dass das Bild natürlich nicht schwarz-weiß zu malen ist. Trotzdem ist der Film eine gelungene künstlerische Umsetzung realer Verhältnisse, die auch heute noch vorkommen.

    Besonders tragisch habe ich gar nicht mal das Verhalten der Dörfler empfunden, sondern die Tatsache, dass die beiden Opfer und Niedrigsten in der Gemeinschaft nicht in Solidarität zueinander finden, sondern ganz im Gegenteil sich selbst bekämpfen. Auch das erscheint mir aktuellster Stoff.

    Positiv hervorheben möchte ich außerdem noch die Leistung der Unholzinger Laiendarsteller. Vor allem der alte, kauzige Hiasl, der vom 73-jährigen Johann Brunner gespielt wird, wird einem in Erinnerung bleiben.

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