(„Outcast of the Islands“ directed by Carol Reed, 1952)

Es fällt schwer, sich am Anfang des Films auf die eigentliche Handlung zu konzentrieren. Zu sehr lenken größere technische Peinlichkeiten vom eigentlichen Plot ab, die einen sich nur wundern lassen, dass dieses Werk vom selben Regisseur gedreht wurde, der immerhin für einen der besten Filme aller Zeiten verantwortlich ist: Carol Reed und Der dritte Mann. Outcast of the Islands ist nicht so gut wie Der dritte Mann. Nicht einmal annähernd. Aber immerhin kann er ab dem zweiten Drittel eine Menge Schwächen wieder gutmachen, die am Anfang für einige unfreiwillige Komik und amüsiertes Schmunzeln gesorgt haben mögen. Diese Schwächen bestehen größtenteils aus unzumutbarer Schnitttechnik und einer dilettantischen Kameraarbeit sowie sogenannter Spezialeffekte, die darin bestehen, dass die Darsteller bei Szenen auf dem Wasser schlicht nachträglich in das Bild, bestehend aus rauschendem Wasser, einmontiert wurden – und hierfür muss man nicht auf die Konturen der Personen achten, um darauf aufmerksam zu werden.

Verwunderlich ist in dieser Hinsicht – und das lässt einen in der Tat an legendäre Ed Wood Filme jener Zeit erinnern – dass etwa der sich auf den Inseln befindende Robert Morley nachträglich schlicht in eine Szenerie mit Eingeborenen und Schilfhäusern kopiert wurde. Das fällt dem Cineasten spätestens da auf, als sich Morley in seiner Rolle als Unternehmer mit einer Gruppe Malaysier unterhält und zwischen beiden Parteien stets hin- und her-geschnitten wird, ohne dass Morley und die Eingeborenen in dieser Szenerie jemals zusammen auf einem Bild zu sehen sind. Das ist seltsam und derart ungeschickt gemacht, dass wir uns an die tollpatschigen Regieversuche eines Jerry Lewis erinnern, der sich in Alles in Handarbeit ebenfalls diesem plumpen Trick bediente. Aber Carol Reed ist nicht Jerry Lewis. Carol Reed hat Der dritte Mann gedreht.

Die Schnitttechnik stellt das nächste Ärgernis dar und vermag beim aufmerksamen Zuschauer fast durchweg ein unverständliches Kopfschütteln ernten, denn das sogenannte „Editing“ präsentiert sich derart dilettantisch, wirr und unzusammenhängend, dass man nur staunen kann, wenn Trevor Howard an der Reling des Schiffes steht, ehe er durch einen unerwarteten Schnitt in die Nahaufnahme springt oder die Zigarre in seinem Mund plötzlich in seine rechte Hand wandert – wie durch Zauberei innerhalb von einiger Millisekunden. Das sind Kleinigkeiten, doch diese sind derart auffällig, dass einem in der Tat am Anfang viel von der eigentlichen Handlung entgehen kann. Doch diese beginnt ohnehin erst im zweiten Drittel und hier scheinen es die Macher – erneut wie durch Zauberei – geschafft zu haben, eine sinnvolle, stringente Schnitttechnik und Kameraführung auf die Beine zu stellen, sodass Der Verdammte der Inseln summa summarum kein ganz so schlechter Abenteuerfilm ist wie befürchtet.

Der (Anti)Held des Films ist Trevor Howard als Betrüger und Macho Peter Willems, der seinem Arbeitgeber in Singapur einen großen Geldbetrag gestohlen hat und daher entlassen wird. Über diese Entlassung scheinen alle – außer Willems selber – ganz froh zu sein, denn viele Freunde hat der arrogante Tyrann nicht. Nicht einmal seine Frau kann ihn ausstehen und Trevor Howard, der in seiner Rolle brillant glänzt, schafft es tatsächlich innerhalb nur weniger Minuten einen derart unsympathischen Miesepeter auf die Leinwand zu bannen, dass es unmöglich zu sein scheint, diesen Mann jemals ausstehen zu können – selbst, wenn er im Verlauf des Films ein kleines Kind retten sollte. Tut er aber nicht. Das würde seinem Naturell auch nicht entsprechen. Diesen Charakterzügen ist es zu verdanken, dass uns die Trennung von seiner Frau erstaunlich kalt lässt und wir seinen vorgetäuschten Selbstmordversuch mit einem Schulterzucken hinzunehmen bereit sind.

Kapitän Tom Lingard (Ralph Richardson) hat Mitleid mit diesem Mann, dem er schon einmal auf die Beine geholfen hat. Noch einmal ist er bereit, dies zu tun, indem er ihn mit auf eine Seereise zum Unternehmer Almayer (Morley) zu einem malaysischen Inseldorf mitnimmt. Dort soll Peter Willems dem tüchtigen Ehemann und Familienvater bei einigen Geschäften zur Hand gehen, doch – wie sollte es auch anders sein – verscherzt es sich der Neuankömmling bald bei seiner neuen Gastfamilie; einzig die Dame des Hauses (Wendy Hiller) scheint etwas für den ungehobelten Grobian übrig zu haben. In dem Inseldorf trifft der Nichtsnutz bald auf eine Schönheit (scheinbar das einzige Mädchen in diesem Alter weit und breit) namens Aissa (Kerima), die sich ebenfalls zu Willems hingezogen fühlt. Die Beiden beginnen eine Liebesbeziehung – aufbauend auf Blicken, weil Worte nicht nötig zu sein scheinen. Natürlich stößt diese Affäre bei den Eingeborenen auf Ablehnung und der frisch Verliebte beschwört eine Katastrophe herauf…

Einen derart flachen Charakter als Hauptfigur für einen abendfüllenden Spielfilm zu haben, funktioniert selten. Hier funktioniert es und der Dank gebührt einzig und allein Trevor Howard, der derart überzeugend ist, dass man ihm wohl lediglich aus dem Grund keine Nominierung für einen Filmpreis zugedacht hat, da man befürchtete, er könne in einem aggressiven Wutausbruch den Preis gegen die Wand schmeißen. Howard überzeugt und schafft es eben aufgrund seines flachen Charakters die Liebesgeschichte zwischen ihm und Aissa interessant zu machen. Denn seien wir einmal ehrlich: wer braucht eine weitere Romanze zwischen zwei gut aussehenden, sympathischen Menschen vor exotischer Kulisse mit schwülstigen Dialogen, die aus reinem Kitsch gebaut sind? Carol Reed liefert eben dieses nicht und tut gut daran, obwohl damit das Problem zusammenhängt, dass er eine Beziehung beschreibt, die lediglich aus Blicken zwischen den Personen zu Stande kam. Ist das glaubwürdig? Ist das stark genug? Entscheiden Sie selbst.

Eine Hilfe bei dieser Entscheidung dürfte die Regieführung Reeds sein, denn in der stärksten Szene des ganzen Films baut er allein auf Blicke zwischen Licht und Schatten, auf eine angsteinflößende und doch unterschwellig erotische Verfolgung zwischen den Verliebten. Das ist stark gemacht und überzeugend gespielt, vermag sogar auch Ralph Richardson vergessen zu machen, dessen stark aufgetragenes Make-Up zu keiner Sekunde überzeugen kann – und da sind sie wieder, diese kleinen Schwächen, die diesen Film (der übrigens auf der neuen DVD von Pidax Film nur in der deutschen Sprachfassung erhältlich ist) mehr runterziehen, als ihm gut tut. „Der Verdammte der Inseln“ ist leidlich unterhaltsam, in einigen Einstellungen unfreiwillig komisch, sodass Trevor Howard und Robert Morley, beide in exzellenten Darstellungen, die einzigen beiden großen Pluspunkte sind, aufgrund derer man sich dieses Relikt ansehen könnte. Könnte – ein Muss ist es sicher nicht.

Der verdammte der Inseln erscheint am 5. August auf DVD

Der Verdammte der Inseln
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Der Verdammte der Inseln
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