(„The Red Shoes“, directed by Michael Powell & Emeric Pressburger, 1948)

“You can’t alter human nature.”

“No? I think you can do even better than that. You can ignore it!“

Auf einer Party trifft die Balletttänzerin Victoria Page den Intendanten Boris Lermontov. Die junge Dame sollte an diesem Abend einen Tanz aufführen, doch der mächtige Ballettproduzent hatte keine Lust auf eine – wie er voraussah – dilettantische Vorführung, sodass diese abgesagt wurde. Im Gespräch unter vier Augen fragt er das ambitionierte Mädchen, warum sie unbedingt tanzen wolle. Sie fragt ihn, warum er lebe. Und die Antwort ist so einfach wie schlicht: „Weil ich muss.“ Das ist auch die Antwort auf die Frage, die er Victoria Page gestellt hat – weil sie nicht anders kann, weil sie sich ausdrücken muss, weil sie eine Künstlerin ist. Denn Arnold Schönberg sagte einmal: „Kunst kommt nicht von ‚Können‘, sondern von ‚Müssen‘.“

Darauf weiß Lermontov nichts zu erwidern, denn er verkörpert den typischen egozentrischen Intendanten, der alle Fäden in der Hand hält, von Kunst aber nur wenig Ahnung hat, wenn er in einem Moment des Hasses lediglich hervorstößt, dass man Kunst nur ohne Träume machen könne. Am Ende muss er erkennen, dass Kunst ohne Träume nicht möglich ist. Die roten Schuhe ist eine Hommage an die Kunst und ihre Schöpfer, basierend auf dem Märchen von Hans Christian Andersen, das hier in Form eines Balletts auf die Bühne gebracht wird. Andersens Vorlage erzählt von einem armen Mädchen, das sich nichts sehnlicher wünscht, als in schönen Schuhen tanzen gehen zu können. Als sie elegante rote Schuhe erhält, tanzt sie die ganze Nacht hindurch und möchte sich anschließend schlafen legen – doch die Schuhe sind noch nicht müde und tragen sie fort. Immer weiter, während das Mädchen die Welt an sich vorbeiziehen sieht. Am Ende stirbt Andersens Aschenputtel – die Schuhe haben sie umgebracht.

Victoria Page (Moira Shearer) ist aber kein Aschenputtel. Sie kommt aus gutem Hause und wünscht sich nichts sehnlicher, als Erfolge als Balletttänzerin feiern zu können. Als sie den berühmten Boris Lermontov (Anton Wolbrook alias Adolf Wohlbrück) kennen lernt, ist dieser bereit, sie in sein Ensemble aufzunehmen – als Hintergrundtänzerin. Das selbige geschieht mit einem jungen Komponisten namens Julian Craster (Marius Goring), dessen Beschäftigung als Dirigent für das Ensemble ein geschickter Schachzug des Intendanten darstellt, denn ursprünglich wollte sich Craster bei Lermontov beschweren. Bei einer Aufführung eines neuen Stückes war dem stürmischen Komponisten aufgefallen, dass sein Lehrer, der sich für die Musik verantwortlich zeichnete, die Komposition von seinem Schüler gestohlen hatte. Damit dieser Umstand nicht ans Licht kommt, stellt Lermontov Craster ruhig, indem er ihn in seinem Ensemble aufnimmt. Michael Powell und Emeric Pressburger haben ein geschicktes Händchen dafür, das Leben hinter der Kulisse und somit hinter dem Vorhang präzise zum Leben zu erwecken, denn dort offenbart sich eine Welt, die alles andere als glamourös ist und von der Magie, die bei der Aufführung spürbar wird, nichts zu versprühen vermag.

Es ist der übliche, chaotische Terror wie in jedem großen Betrieb, scheinbar weit von Kunst entfernt. Stattdessen weiß niemand etwas, fühlt sich niemand verantwortlich und schreit man sich gegenseitig an. Für Victoria Page ist es ein glücklicher Umstand, dass die Haupttänzerin sich verheiratet und somit aus der Gruppe ausscheidet. Man sucht eine neue Tänzerin für die Hauptrolle in einem neuen Ballett namens Die roten Schuhe und findet diese in der Person von Miss Page, die überglücklich ist und den lang ersehnten Moment der Premiere kaum abwarten kann. Doch bevor es soweit ist, müssen an der Partitur des angeheuerten Komponisten zahlreiche Änderungen vorgenommen werden – so viele, dass sich Lermontov entschließt, bei Julian Craster eine komplett neue Musik in Auftrag zu geben. Als alle Vorbereitungen getroffen sind, beginnt die große Show. Es wird ein großer Erfolg, doch damit beginnen auch die Probleme für die Involvierten, denn Victoria hat sich in Julian verliebt, während Intendant Lermontov Victoria begehrt und von Eifersucht langsam zerfressen wird. Bald muss sich die talentierte Balletttänzerin entscheiden – Kunst, indem sie weiter tanzen kann oder Liebe, indem sie zu Julian steht und ihm folgt, wohin er auch immer zu gehen wünscht. Eine kniffelige Entscheidung, bei der es letztendlich egal ist, wie sie fällt, denn in beiden Fällen wird sie für den Zuschauer unbefriedigend sein. Eine Entscheidung für die Kunst hieße der Liebe abzuschwören und die Magie komplett zu zerstören. Doch zur Liebe ja zu sagen wäre ein Verrat an der Kunst, an dem, worum es in diesem Film geht, an dem, was in diesem Film gepriesen wird. Wie sie sich auch entscheidet: sie kann nur das falsche tun und das ist Victorias großes Unglück.

Auch Boris Lermontov leidet an einem der großen Unglücke der Menschheit: er ist in Victoria unglücklich verliebt und muss erkennen, dass er es war, der seine große Liebe einem anderen Mann in die Arme getrieben hat, indem er sie in einem Ensemble vereint hat. Schon längst ist er nicht mehr Herr der Lage, vergrault Freunde, Kollegen und Bewunderer. Er zerschlägt einen Spiegel. Er ist allein in der Welt. Alles um ihn herum zerfällt. Da hilft auch die märchenhafte Szenerie nichts, die ihren ganz eigenen Charme hat und in knallbunten Bildern einen das Drama zumindest teilweise vergessen lässt, wenn Moira Shearer in einem türkisen Abendkleid und Krönchen auf dem roten Schopf aus einem Wagen steigt und eine scheinbar endlose Treppe emporsteigt, wie einst Aschenputtel, nur das am Ende kein Prinz wartet und überall Unkraut wuchert. Oben am Ende wieder eine märchenhafte Szenerie in bewusst künstlichen Bauten vor gemaltem Hintergrund und wenn unter einem kleinen Balkon ein Zug entlangfährt, steigen helle Schwaden zu Victoria und Julian auf, für welche die Welt an diesem Zeitpunkt noch in Ordnung ist. Das knapp viertelstündige Ballett Die roten Schuhe, das letztlich aufgeführt wird, überschreitet alle Grenzen des Machbaren. In zahlreichen Trickeinstellungen wird das Werk in Kurzform erzählt, mit Zaubereien, die nicht auf der Bühne, sondern nur im Film möglich sind. Hier aber gibt es keinen Unterschied zwischen Ballett und Film, denn es geht um die Kunst allgemein, wo alles möglich ist, weil der freie Geist keine Grenzen kennt und nie die Frage nach dem Möglichen stellt. Wenn es nicht möglich ist, wird es möglich gemacht, weil man es muss, weil man nicht anders kann. Das ist Kunst.

Die roten Schuhe
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Die roten Schuhe
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