(„Letyat zhuravli“, directed by Mikhail Kalatozov, 1957)

„Die Kinder müssen ihre Eltern überholen, sonst sind die Eltern zu nichts tauge und die Kinder auch noch Dummköpfe!“

Boris zieht in den Krieg. Auf dem Hof einer Schule als Versammlungsort wartet er darauf, dass seine Freundin Veronika Abschied von ihm nimmt. Noch ist sie nicht da. Er rennt durch die dichte Menschenmenge in der Hoffnung, ihr Antlitz zu erhaschen. Ruhelos streift er umher, die Kamera versucht ihm zu folgen, sie verliert ihn immer wieder, während sie Paare und Familien zeigt, die sich in harmonischem Abschied in den Armen halten, während Boris weiterhin sucht. Veronika sucht ebenfalls. Sie ist angekommen, sie kämpft sich durch die Massen, aber es scheint unmöglich, ihren Traumprinzen zu finden. Sie ist auch gleichzeitig ein wenig wütend auf ihn, weil er sich freiwillig für den Kriegseinsatz gemeldet hat.

Beide sind jung und Boris kommt mit der neuen Verantwortung, die mit dem Verliebt sein zusammenhängt nicht klar, er schert sich noch nicht viel um Kompromisse oder Verständigung, er ist unreif, er will das Leben genießen, es ausprobieren und er liebt Veronika von ganzem Herzen. Dass sie nicht will, dass er in den Krieg zieht interessiert ihn nicht – oder zumindest stört es ihn nicht besonders, denn er denkt nicht daran, seine Interessen für sie zu vernachlässigen. Nicht, wenn es um den Krieg geht. Veronika ist sein „Eichhörnchen“, wie er sie liebevoll nennt und sie ist es, die in spielerischer Leichtigkeit vor ihm in ihrer glücklichen Zeit weggerannt ist. Alles war ein Spiel für das harmonierende Paar und wahrscheinlich stört das Eichhörnchen nun am meisten, dass es Boris ist, der nun vor ihr weggelaufen ist. Ein Rollentausch. Er hat es nicht nur versucht, er hat es auch geschafft. Werden sie sich jemals wiedersehen?

Es ist eine Geschichte des Krieges und der Liebe, von denen ersteres eine Zeit schafft und prägt, in der die Liebe nicht möglich zu sein scheint. Veronika (Tatyana Samojlova) leidet. Bei einem Bombenangriff auf die Sowjetunion werden ihre Eltern getötet, sie wird in der Familie von Boris (Aleksey Batalov) aufgenommen, doch auch wenn sie dankbar ist, beginnt eine Zeit, die sie auf eine harte Prüfung einstellen wird. Boris Bruder Mark (Aleksandr Shvorin) hat sich in das schöne Mädchen verliebt und verlangt, sie zu heiraten. Wir erfahren nicht, weshalb Veronika dem letztendlich zustimmt, weil es eigentlich auch keine Rolle spielt. Für sie hat eine Zeit begonnen, in der das Schicksal über sie bestimmt – nicht andersherum. Gnadenlos, unerbittlich. Während der Krieg immer tiefere Furchen zieht, erträgt sie das Eheleben mit dem Mann, den sie nicht liebt und wartet sehnsüchtig auf eine Nachricht von Boris, der auf dem Schlachtfeld die Hölle erlebt.

Die Kraniche ziehen ist von solch beeindruckender Intensität, dass es nicht lange dauert, herauszufinden, weshalb dieses bahnbrechende Werk zu den Lieblingsfilmen von Francis Ford Coppola und Martin Scorsese zählt. Aufsehen erregend war dieser Film zu seiner Zeit vor Allem durch den Einsatz einer Handkamera in ausgewählten Szenen, so etwa für die Flucht Veronikas aus einem Lazarett. Wir wissen ziemlich genau, wovor dieses arme Wesen, diese verdammte Kreatur flieht. Ihr Schwiegervater hat kurz zuvor einen Verwundeten angeschrien, in der Hoffnung, ihn zur Vernunft bringen zu können, indem er auf all die weiblichen Huren der Gesellschaft schimpfte und dabei völlig vergaß, dass all das, was in den beleidigenden Ausbrüchen zum Ausdruck kam, ohne Veränderung auch auf seine Schwiegertochter angewendet werden kann, die, obwohl sie den verschollenen Boris noch immer liebt, der Heirat mit Mark zugestimmt hat, für den sie nichts anderes als Hass empfindet.

Sie erträgt diese Situation nicht mehr. Sie erträgt auch nicht die Abwesenheit ihrer einzigen Liebe, sie erträgt nicht die Anwesenheit ihres Mannes, eines Feiglings, der sich wichtig tut und denkt, ihm gehöre die zerbombte Welt. Die Handkamera begleitet sie auf ihrer Flucht, sie versucht es zumindest. Sie hetzt hinterher, sie holt sie ein, sie ist voraus, sie beobachtet Veronika durch die engen Gitterstäbe des Lazaretthofes, alles beginnt sich zu drehen, als renne sie auf der Stelle, als würde sie rückwärts in einen Abgrund gerissen. Genau das ist ihre Situation. Das, was mit dem Fortgehen von Boris begonnen hat, hat sich gnadenlos fortgesetzt. Zunächst ist da der Tod ihrer Eltern nach einem Bombenangriff mitten in der Stadt. Atemlos hetzt Veronika über die zerbombten Treppen des Hauses, die so aussehen, als würden sie unter ihren Füßen jede Sekunde zusammenbrechen, während brennende Balken über ihr herniederstürzen, während ein Soldat hinter ihr her rennt, um sie aufzuhalten. Und dann ist da diese unerträgliche Stille. Eine Stille, die so laut ist, dass es ihr fast das Trommelfell zerplatzt, als sie in ihrem ehemaligen Esszimmer steht, das sie kaum noch wiedererkennt. Nur das Ticken einer Uhr ist zu vernehmen.

Für Veronika ist das kaum zu ertragen. Sie hat all ihren Lebensmut verloren. Als es erneut eine Bombenwarnung gibt, weigert sie sich, in den Schutzkeller zu gehen. Auch Mark, der sich bei ihr befindet, kann sie nicht dazu bewegen, sich in Sicherheit zu begeben. Fliegeralarm. Wie von Sinnen stürzt sich Mark an den Flügel und beginnt auf die Tasten zu hämmern, als wolle er damit die Flugzeuge übertönen. Er schafft es auch, bis die Bomben herniedersinken und ein gespenstisches Spektakel beginnt, das in all seiner Alptraumhaftigkeit schon längst nichts Reales mehr an sich hat. Die Fensterscheiben bersten auseinander, Glassplitter fliegen in den Raum und unter gleißenden Lichtblitzen und Bombengewitter presst Mark seine hoffnungslose Liebe an sich. Sie stößt ihn weg, sie schlägt ihn, aber wie jemand, der das Irdische und das Gefühl für alles Lebendige längst verloren hat, geht er ihr nach, während noch immer Bomben auf alle Ziele prasseln.

Zweifellos ist Die Kraniche ziehen einer der besten Filme, die jemals über Krieg gedreht wurden. Ohne in plakativen Schauerszenen zu versinken, wird der Horror des Kampfs durch die emotionale Stärke deutlich gemacht, durch den Kampf mit sich selbst aufgrund verlorener Hoffnung, aufgrund falscher Entscheidungen, für die wir selber verantwortlich sind und für die wir uns nur hassen können. In visuell atemberaubender Ausdruckskraft mit unprätentiös ehrlichen Darstellern ist es nicht primär ein Film über den Zweiten Weltkrieg, sondern über Zerstörung allgemein, über Hoffnungslosigkeit und Trennung, die vielleicht eine größere Zerstörungskraft hat als alle Weltkriege – die uns kaputt macht, wenn wir uns nicht mit ihr auseinandersetzen. Veronika muss das am eigenen Leib erfahren. Sie muss den Horror akzeptieren, um nicht an ihm zu zerbrechen.

Wenn die Kraniche ziehen
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