Der Außenseiter

Der Außenseiter

(„Le Marginal“, directed by Jacques Deray, 1983)

„Wenn ihr aufpasst, geschieht euch nichts. Wenn nicht, kann man bald eure Klamotten in einem Second-Hand Shop ertrödeln.“

Rainer Brandt ist – oder war es zumindest – in Deutschland äußerst populär. Der Kult um ihn erreichte seinen Höhepunkt, als in den 70er Jahren die Serie Die Zwei mit Tony Curtis und Roger Moore erstmalig im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Während diese in ihrem Herkunftsland England floppte und nach nur einer Staffel abgesetzt wurde, genießt sie in der BRD noch immer hohes Ansehen. Zu einem großen Teil verdankt sie dies der Synchronarbeit von Rainer Brandt, der nicht Wort für Wort vom Englischen ins Deutsche übersetzte, sondern sich einige Freiheiten mit der Vorlage nahm und schnoddrige Dialoge hinzufügte, die weder Curtis noch Moore jemals in den Mund genommen hätten. Darüber hinaus versorgte Brandt auch einige Filme Jean-Paul Belmondos mit einer deutschen Tonspur, sodass der Zuschauer Dialoge zu hören bekommt, die in der französischen Originalfassung in dieser Art und Weise nie auch nur angedacht wurden.

Auf dieser Tatsache fußt das Argument, dass auch Synchronarbeit eine kreative Kunst sein kann, doch während viele diese humorvollen Kommentare, die Belmondo in den Mund gelegt wurden schätzen, liegt in diesem interessanten Faktum auch die Krux gerade eines Films wie Der Außenseiter. Brandts Dialoge machen aus diesem Werk nämlich zeitweise eine anarchistische Komödie mit schmutzigen, komödiantischen Einlagen in Form von Dialogen, die in einer solchen Handlung, wie sie vom Regisseur eigentlich angedacht war, eher ein Lustspiel zu machen droht. Was natürlich nicht heißt, dass man Der Außenseiter nicht trotzdem genießen könnte. Vielleicht ist gerade wegen dieser ungewöhnlichen Dialoge aus diesem französischen Actionthriller ein derart unterhaltsamer Film geworden – einfach konsumierbar, amüsant und trotzdem noch mit deftiger Kritik am politischen System.

Mitten in diesem korrupten System steckt Kommissar Philippe Jordan (Belmondo), der bei der Pariser Kripo arbeitet. Seit langer Zeit arbeitet er fieberhaft und mit ungewöhnlichen, da illegalen Methoden daran, einem Rauschgifthändlerring das Handwerk zu legen. Das erweist sich jedoch als schwieriger als gedacht, denn der Drahtzieher Meccacci (Henry Silva) macht sich nicht die Hände schmutzig, sodass ihm Jordan nichts anlasten kann. Aus diesem Grund versenkt der Kommissar eines Tages 200 Kilo Heroin im Meer. Obwohl er damit ein bestimmtes Ziel verfolgt, schmecken seinen Vorgesetzten diese Methoden gar nicht, doch noch kann sich Jordan auf die Loyalität seiner Freunde verlassen.

Das ändert sich, als eines Abends eine Leiche in seiner Pariser Wohnung gefunden wird. Auf einmal sind die Freunde des Ermittlers nicht mehr bereit, für Jordan einzustehen, sodass es nur eine einzige Möglichkeit gibt: Jordan muss versetzt werden in ein kleines Revier, wo es lediglich um kleine Delikte wie Prostitution geht. Es verwundert nicht, dass sich der Kommissar darüber weniger freut, doch da er nichts dagegen tun kann, versucht er aus seiner Situation das Beste zu machen. Innerhalb von nur kurzer Zeit mischt er sein neues Umfeld komplett auf und denkt gar nicht daran, sein eigentliches Ziel aus den Augen zu verlieren: er will dem mächtigen Drogenboss Meccacci das Handwerk legen, koste es, was es wolle. Für dieses Ziel geht der Kommissar über Leichen.

Wie eingangs erwähnt, ist die Synchronarbeit Rainer Brandts sowohl das große Plus, als auch das große Minus. Auf der einen Seite entfaltet Der Außenseiter äußerst kreative, amüsante Dialoge, die dieses Werk zusätzlich äußerst kurzweilig machen. Auf der anderen Seite jedoch macht es dies wesentlich schwerer, diesen Film aufgrund der komödiantischen Konversationen und Bemerkungen ernst zu nehmen. Gerade bei diesem Thriller ist das fatal, denn Regisseur Jacques Deray macht mehr als einmal deutlich, dass er mit diesem Film mehr im Sinn hatte, als das, was Rainer Brandt letztlich aus ihm gemacht hat. Das hat auch Rainer Brandt gemerkt – zu spät jedoch, denn während das erste Drittel dieses Werks nur so vor Dialogwitz sprüht, macht es bald eine abrupte Kehrtwende um nur noch sporadisch diese anfängliche Qualität aufzuweisen. Der Grund dafür sind eindringliche und berührende Szenen, bei denen Humor an keiner Stelle angebracht wäre.

Am stärksten bleibt von diesem Film – abgesehen von einer atemberaubenden Verfolgungsjagd im letzten Drittel – vielleicht eine Szene in Erinnerung, in der Belmondo als Kommissar Jordan ein 16jähriges Mädchen aus einer Drogen- und Prostitutionshölle befreien muss. Derays Thriller dreht sich dabei jedoch nicht nur um die schmutzige Welt von Drogen oder die Ausweglosigkeit von Prostitution, sondern klagt ganz deutlich heikle Themen der Politik sowie der Polizeiarbeit an, welche die Frustration Jordans deutlich machen. Hier eilt die Polizei den Verbrechern zur Hilfe, wenn diese sich nicht die Hände schmutzig machen wollen – soll ein Kommissar für die Gangster von der Bildfläche verschwinden, versetzt die Polizei ihn, unabhängig von den Verdiensten des jeweiligen Beamten. In dieser Hinsicht ist es bemerkenswert, dass Le Marginal kritischer gegenüber dem Polizeibetrieb ist als gegenüber Verbrechern, was diese französische Variation auf Dirty Harry per se nicht uninteressant macht. Als Actionfilm erfüllt Der Außenseiter mit wilden Verfolgungsjagden und zahlreichen Schlägereien zweifellos seinen Zweck, als Thriller ist er im Ganzen nicht geradlinig genug, da das Drehbuch episodenhaft von einem Geschehnis zum anderen springt, ohne einen klaren roten Faden in die Geschichte bringen zu können. Zwar löst sich am Ende alles lückenlos auf, doch hat man zu dieser Zeit Jacques Deray bereits dabei ertappt, den Zuschauer mit einigen für den weiteren Verlauf der Handlung überflüssigen Szenen bei der Stange zu halten, indem man ihm hinzugefügte Actionszenen serviert, die deshalb beachtlich sind, weil Jean-Paul Belmondo alle seine Stunts selber vornahm.

Ein kurzweiliger Actionthriller, der davon profitiert, dass die Rolle Belmondo direkt auf den Leib geschrieben war – ein Charakter, der in perfekt harmonierende Töne gefasst wurde von Ennio Morricones lakonisch-cooler Musik.



(Anzeige)

7
von 10