(„Счастье мое“ directed by Sergei Loznitsa, 2010)

Dass ich einen Film als seltsam empfinde muss nicht folglich auch bedeuten, dass er furchtbar ist. Am Ende des Spielfilmdebüts von Sergei Loznitsa blieben bei mir jedenfalls sehr gemischte Gefühle übrig weshalb es mir schwer fällt das Werk mit Kategorien wie gut oder schlecht zu beschreiben. Dass der gebürtige Ukrainer bisher sich vor allem mit Dokumentarfilme beschäftigt hat merkt man den Film jede Sekunde an. Dies fällt nicht nur in Punkt Optik auf, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass nur sehr wenige Worte verloren werden. Wie man so schön sagt, sprechen Bilder ja meistens Bände.

Im bestem Doku-Stil verfolgen wir also zunächst Georgy (Viktor Nemets), einem wortkargen LWK-Fahrer der im postsowjetische Russland unterwegs ist. Sein Ziel und welche Ware er transportiert erfahren wir zunächst nicht, es scheint aber auch nicht relevant zu sein, denn schnell entpuppt sich sein Umfeld als der wahre Protagonist. Nachdem Georgy eine Abkürzung die ihm eine junge Prostituierte (Olga Shuvalova) verraten hat genommen hat um so einem Verkehrsstau zu entkommen, gerät er in ein kleines Dorf das scheinbar in der Zeit stecken geblieben ist. Eine sehr lange Einstellung zeigt uns einen Großteil der Bürger per Nahaufnahme, jede einzeln eingeblendete Figur wirkt dabei wie ein bewusst gewähltes Portraitfoto, ein Sinnbild einer desillusionierten, gepeinigten und demotivierten Gesellschaft.

Wenn der Zuschauer bis hierin mehr oder minder im Dunkeln tappte so wird er ab diesem Zeitpunkt völlig alleingelassen. Der bis hierher gesponnene Plot wird völlig fallen gelassen und die Szenen wechseln wie wild umher. Wir beobachten mehrere Einzelschicksale, die meistens aus sehr rauen und brutalen Konflikten bestehen, ein roter Faden ist hier jedoch überhaupt nicht mehr erkennbar.

Der Streifen von Loznitsa will dies aber vermutlich auch gar nicht und obwohl es ein Spielfilm ist, handelt es sich doch vielmehr um ein Experiment. Mein Glück funktioniert nämlich dann, wenn man es als eine Parabel auf die heutige russische Gesellschaft betrachtet. Der Unterhaltungswert ist dabei aber gleich Null zuweilen wirken deshalb die insgesamt fast 130 Minuten Laufzeit schon sehr langatmig. Man verzichtete auch gänzlich auf einen Soundtrack was dem Film nur noch mehr den Charakter eine (Pseudo)dokumentation verleiht.

Die wirklich schönen Kompositionen – gedreht wurde übrigens in zwei kleinen Städten in der Ukraine – sind das Herz von Mein Glück und zusammen mit dem kritischen Unterton machen sie eine Sichtung durchaus empfehlenswert. Man sollte sich allerdings davor hüten – so wie ich – auf die offiziellen Inhaltsangaben zu viel Wert zu legen, denn eine packende Story ist hier beim besten Willen nicht vorhanden. Aufgrund der kulturellen sowie geografischen Unterschiede fiel es mir schwer mich mit irgendjemandem im Film zu identifizieren. Was mich wiederum sehr beeindruckt hat war die Kälte die der Film über den Bildschirm transportiert und wie uns Loznitsa nicht nur den üblichen Einblick in einer marodes und korruptes Politiksystem gewährt, sondern auch zum Beispiel die Abgestumpftheit des Einzelnen beleuchtet.

Ein Spielfilm schafft es nun natürlich nicht ein dermaßen weitgehendes, gesellschaftliches Problem in seiner Gesamtheit zu erfassen. Mir persönlich hätte zwar eine gut inszenierte Geschichte mit dieser Optik und Atmosphäre weit besser gefallen, doch als Momentaufnahme eines ganz bestimmten Ortes ist Schastye moe durchaus zu gebrauchen.

Mein Glück
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