(„Harvey“, directed by Henry Koster, 1950)

„Well, I’ve wrestled with reality for 35 years, Doctor, and I’m happy to state I finally won out over it.”

Wahrscheinlich hat jedes Kind einen imaginären Freund. Vielleicht ist es ein Hund, der sprechen kann oder eine Katze, vielleicht ein menschliches Wesen oder vielleicht sind es sogar materielle Dinge, die einem Heranwachsenden bei Entscheidungen oder schwierigen Lebenssituationen helfen. Bei Elwood P. Dowd (James Stewart) ist es ein zwei Meter großer Hase. Aber Elwood ist kein Kind mehr, sondern ein erwachsener Mann. Zusammen mit seiner Schwester Veta (Josephine Hull) und seiner Nichte Myrtle (Victoria Horne) wohnt er in einem hübsch eingerichteten Haus, das ihnen ihre Mutter vermacht hat, während sie ihre finanzielle Hinterlassenschaft allein Elwood vor ihrem Tod zugesprochen hat. Nun ist es für Veta und ihre Tochter schwierig, gesellschaftliche Kontakte zu knüpfen und einen Platz in der angesehenen Gesellschaft zu finden, da Harvey, der beste Freund Elwoods, unter Bekanntschaften der Dowds keine Akzeptanz findet. Veta leidet derart unter diesem untragbaren Zustand, dass sie schließlich ein Sanatorium aufsucht, welches ihren Bruder von seiner Krankheit heilen soll, sodass alle in Frieden ohne den großen weißen Hasen leben können. Als Ergebnis eines Missverständnisses wird jedoch nicht etwa Elwood für geisteskrank erklärt und eingesperrt, sondern Veta selber, was viele Konsequenzen nach sich zieht…

Der Film beruht auf einem Theaterstück von Mary Chase, welches seinerzeit mit dem begehrten Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. James Stewart, der auch hier die Hauptrolle übernehmen sollte, führte zusammen mit Josephine Hull in London über sechs Monate lang das Theaterstück erfolgreich auf, ehe beiden Darstellern die entsprechenden Rollen in Henry Kosters Kinoverfilmung angeboten werden sollte. Die Rolle passt zu Stewart, damals wie heute ein Publikumsliebling, der nicht nur von Alfred Hitchcock oft gebucht wurde, weil er die Sorgen und Nöte des kleinen Mannes darstellen konnte. Hier ist er Elwood P. Dowd, ein Mann mit Wahnvorstellungen, aber kein Wahnsinniger, auch wenn manche Figuren dies behaupten mögen, denn Dowd ist ein unglaublich höflicher Gentleman, der seine Mitmenschen ernst nimmt, ihnen die Freundschaft anbietet und sie gerne zu Abendessen oder alkoholischen Getränken einlädt.

Vielleicht ist es gerade das, was diese Figur so interessant macht, denn Elwood ist zweifellos aufgrund seiner Liebenswürdigkeit ein ungewöhnlicher Mensch, was sein Freund Harvey nicht zu lindern vermag, doch der Mann mit dem weißen Hasen entpuppt sich nicht nur als harmlos, sondern als ausgesprochen charmant, mit dem allzu menschlichen Bedürfnis, in Harmonie und Freundschaft mit der Welt und ihren Menschen leben zu können. Man kann sagen, Elwood ist verrückt, aber glücklich – im Gegensatz zu vielen anderen Charakteren in diesem Werk. Rational, emotional erwachsen, aber mit den Problemen ihrer Umwelt hadernd und stets versuchend, Ordnung in das chaotische Dasein zu bringen, so wie Dr. Sanderson (Charles Drake), der zwar anfangs leugnet, in die attraktive Angestellte Ms. Kelly (Peggy Dow) verliebt zu sein, dann aber eine Lehrstunde vom offenherzigen Elwood erhält, der den emotionalen Eisschrank aufzutauen versteht.

Mein Freund Harvey wird zur unmissverständlichen Botschaft für mehr Toleranz, die sich der Fantast Dowd nur wünschen kann und dem alle Menschen freundlich gesinnt sind, da er selber ihnen höflich und zuvorkommend entgegnet. Ihre Begeisterung für den amüsanten Charmeur schwindet innerhalb kürzester Zeit, als sie von seinem Freund, dem zwei Meter großen Hasen erfahren, denn mit einem fantasierenden Subjekt will niemand etwas zu tun haben. Hierbei macht der Film in zugespitzten Darstellungen deutlich, dass es die Verrückten sind, die sich als harmlos erweisen, dass es Elwood spielend leicht fällt, die Herzen der Frauen und Männer zu gewinnen, während seine besorgte und aufgekratzte Schwester Veta die Pfleger und Ärzte des Sanatoriums um den Verstand zu bringen versteht.

Oberflächlich gesehen ist Harvey eine unglaublich amüsante Komödie, die aufgrund sprühenden Dialogwitzes hervorragend gealtert ist, doch unter dieser Oberfläche versteckt sich noch ein wesentlich tiefgründigeres Drama über Alkoholismus und die Depression der Nachkriegsära, über den Wunsch der Menschen, der tristen Realität zu entkommen. Der wohl berührendste Moment ist der des leicht angetrunkenen James Stewart, der im Hof seiner Stammkneipe Dr. Sanderson und Ms. Kelly eine ausschweifende, zutiefst berührende Geschichte darüber erzählt, wie er und Harvey sich kennen gelernt haben.

In einem emotionalen, ergreifenden Monolog werden all die Sehnsüchte und Wünsche wach, die sich wohl viele Menschen oft herbeisehnen und die James Stewart als glücklicher Mensch jeden Tag aufs Neue erfahren darf. Er ist es, der das lebt, was alle wollen: ein Leben ohne Verantwortung und Pflichten, ein Leben in Glücksseligkeit, im Einklang mit sich und der Welt. Nun soll dieser Mensch in ein Sanatorium eingewiesen werden. Mein Freund Harvey ist eine emotionale, berührende, warmherzige und humorvolle Botschaft für mehr Toleranz, Fantasie und Freundlichkeit. Es ist nicht das Kind in Elwood, sondern ein Teil des Erwachsenen, den außer ihm alle verdrängen. Der Film nimmt Stewart ernst, Harvey wird behandelt wie ein weiterer Hauptdarsteller. Josephine Hull erhielt einen Oscar als beste Nebendarstellerin und James Stewart liefert hier eine der besten darstellerischen Leistungen seiner gesamten Karriere ab. Ein Film, den man lieben muss. Klug, originell, witzig und sensibel.

Mein Freund Harvey
4 (80%) 3 Artikel bewerten

Mein Freund Harvey
10von 10

Über den Autor

Eine Antwort

  1. Florian

    Der Film ist schon Großartig, aber ich muss gestehen ich habe zu der selben Geschichte auch ein Bühnenstück gesehen und wenn dort der große Hase im Kostüm rumläuft ist das noch eine Nummer lustiger. Trotzdem gehört der Film allein von der Schauspielerleistung schon zu den ganz großen.

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