(„Transit“, Philipp Leinemann, 2010)

Neues Deutsches Kino. Mit Transit bekommt der Zuschauer ein etwas anderes Roadmovie geboten, das in seinem Pessimismus (durch Realismus) einen ähnlichen Eindruck hinterlässt wie etwa Woody Allens Crimes and Misdeameanors, in welchem ein Mörder mit reinem Gewissen davonkommt und ein erfolgloser, aber sympathischer Regisseur seine Liebe an seinen schmierigen Konkurrenten verliert. Transit ist ebenso unprätentiös wie Verbrechen und andere Kleinigkeiten, wo man sich zu keinem Zeitpunkt Illusionen über ein glückliches und erfülltes Leben auf der Straße am Steuer eines Speditions-Lkw macht oder wo auch nur für Sekunden über auflockernde Szenen nachgedacht wurde, um den Zuschauer bei der Stange zu halten. Philipp Leinemanns Film hat dies auch gar nicht nötig – das ist es, was ihn überzeugend macht. Transit ist eine Überraschung.

Erzählt wird von der letzten Chance Martins (Clemens Schick), der als Lastkraftwagenfahrer arbeitet, aber nur knapp einer Entlassung entkommt – vorerst, denn er hat eine letzte Lieferung zu überbringen. Schafft er es, die Lieferung ohne Probleme und im Zeitrahmen zu übergeben, kann er seinen Job behalten, doch die Dinge werden schnell kompliziert für Martin, als er eine Prostituierte (Annika Blendl) in seinem LKW mitnimmt, die vor ihrem Zuhälter geflohen ist. Nach anfänglichen Differenzen zwischen den Beiden, die alles und nichts zu verlieren haben, freunden sie sich an, haben aber mit zwei Problemen zu kämpfen: der Zeitplan Martins, der durch die Prostituierte Ramona ins Wanken gerät und ihr Zuhälter (Bernd Michael Lade), der sie verfolgt und nicht eher aufgeben will, bis er sie gefunden hat. Philipp Leinemann hat, bevor er auf den Regiestuhl wechselte, selber als LKW-Fahrer gearbeitet. Das Letzte, was man diesem Film vorwerfen kann, ist, dass er von einem Menschen in Szene gesetzt wurde, der vom hier beschriebenen Arbeitermilieu keine Ahnung hat. Der Zuschauer sieht sich hier hineinkatapultiert in den Alltag der LKW-Fahrer, man wohnt aber weit mehr bei, als nur einem ausgezeichneten Porträt einer Berufsgruppe.

Man bekommt zudem eine höchst ungewöhnliche und daher hochinteressante „Liebes“geschichte präsentiert, von der Prostituierte, die ihrem Beruf entfliehen will, aber schnell merkt, dass sie in einem ehrbareren Beruf kaum eine Chance hat und von dem Lieferfahrer ohne Privatleben, der ein zu weiches Herz hat, als dass er seine Begleitung auf dem nächsten Rastplatz absetzen könnte. Das, was diesen Film auszeichnet, ist nicht nur sein teils brutaler Realismus, das Gespür für die Figuren oder die interessanten Charaktere, sondern vor Allem, wie es Leinemann schafft, Alltägliches spannend in Szene zu setzen und den Zuschauer somit mit den Dingen zu konfrontieren, von denen man weiß, dass sie in der Gesellschaft existieren, aber vor ihnen die Augen zu schließen versucht. Das Beispiel wäre hier die Flucht Ramonas vor ihrem Zuhälter auf dem Rastplatz. Man weiß, wie viele Prostituierte sich vor ihrem Zuhälter ängstigen und fliehen wollen, doch man schaut weg, wozu man hier nicht die Möglichkeit hat.

Was Transit von vielen anderen filmischen Werken unterscheidet, die Anspruch auf Realismus erheben, ist, dass Leinemann hier konsequent Zugeständnisse verweigert, aber auch nie angestrengt plakativ wirkt wie etwa Picco. Es gibt keine auflockernden Szenen, die nicht in den Kontext passen und die nur eingebaut wurden, um den Zuschauer nicht in eine deprimierte Stimmung zu versetzen. Das macht diesen Film sehr gradlinig, weshalb die 75 Minuten Laufzeit hier vollkommen ausreichen und zufrieden stellend ausgeschöpft wurden. Jede Szene, jede Einstellung hat hier ihre Daseinsberechtigung und dient zu keinem Zeitpunkt einfach nur als Lückenfüller. Transit ist schnörkellos und als Film nicht derart fiktiv, wie es sich mancher Zuschauer vielleicht wünschen würde, sodass man zeitweise eher das Gefühl hat, einer Dokumentation beizuwohnen.

Der einzige Kritikpunkt, der einzubringen wäre, ist, dass man aus dem Zeitlimit für Martin noch mehr hätte herausholen können und der Szenerie auf diese Weise noch mehr Spannung hätte abringen können. So rückt die tickende Stoppuhr für Martin zeitweise etwas in den Hintergrund, was bedauerlich ist, da, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, die Suspense ihre volle Wirkung hätte entfalten können. Es ist ein interessanter psychologischer Aspekt, der hier angerissen wird, der Prozess des sich Verliebens, steht man unter starkem Druck, sei es die verrinnende Zeit, von der man abhängt oder die drohende Arbeitslosigkeit.

Transit gehört zu den besten deutschen Filmen des Jahres und sei somit auch hier ausdrücklich empfohlen.

Transit (2010)
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Transit (2010)
9von 10

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