(„Io sono l’amore“ directed by Luca Guadagnino, 2009)

Manchmal da wirken zwei Stunden Filmerlebnis sehr langatmig und anstrengend, doch nicht immer muss dies notwendigerweise negativ gemeint sein. I Am Love ist in der Tat zuweilen recht gewöhnungsbedürftig doch wirkliche Langeweile will eigentlich nie aufkommen. Zu sehr gefällt eine grandios aufspielende Tilda Swinton in der Hauptrolle (und hier übrigens auch als engagierte Produzentin zu Werke ging) und wenn mal nicht gerade die Britin im Bild ist, spielt Luca Guadagnino gekonnt mit Optik und Perspektive, was einstweilen mehr an Fotografie als an herkömmliches Kino erinnert.

Es gefällt außerordentlich gut wie treffend man zu Beginn das verschneite und zubetonierte Mailand porträtiert. Was wenn denn nicht das Aushängeschild norditalienischer Industriemacht und Weltmodezentrale könnte uns besser den Familienbetrieb der Recchis präsentieren?

Die Recchis haben sich durch die Herstellung edler Stoffe seit jeher einen Namen gemacht und sind darauf bedacht ihr Geschäft stets zu expandieren. Als Zuschauer erlebt man nun wie ein Machtwechsel zwischen Generationen stattfindet. Der älteste Nachfolger, Tancredi (Pippo Delbono), soll gemeinsam mit seinen Sohn Edoardo (Flavio Parenti) die Firma leiten. Auch wenn man zunächst glauben möchte es ginge hier darum eine Dynastie der Modewelt zu analysieren, wird sehr schnell klar, dass Dreh und Angelpunkt der Geschichte eigentlich Emma Recchi (Tilda Swinton), die Frau von Tancredi, ist

Guadagnino zeigt uns am Anfang eine scheinbar nicht enden wollende Aneinanderreihung von versnobten Partys bei denen kurz gesagt Diskussionen über geschäftliche und sportliche Erfolge die Highlights darstellen. Ansonsten werden nur wenige Worte verschwendet, meistens ist es die Körpersprache der Charaktere die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Verklemmtheit verdeutlicht. Erst als der einfache Koch Antonio (Edoardo Gabbriellini), ein Freund von Edoardo, die Bildfläche betritt, beginnt man langsam einen Wandel in der Story zu spüren.

Der „Eindringling“ schafft es sofort Emma Recchi mit seinen kreativen Gerichten in Ekstase zu versetzen und weckt in ihr etwas das längst in Vergessenheit geraten ist. Plötzlich wird sie sich wieder ihrer russischen Herkunft bewusst, verbringt einen Tag mit Antonio auf dem Land und ehe sie sich versieht hat sich die Frau mittleren Alters in den Freund ihres Sohnes verliebt.

Io sono l’amore ist streckenweise ganz großes Kino, das aber leider daran krankt, dass es letzten Endes doch zu oft die einzelnen Momente auskostet, was somit gewisse Szenen unnötig langgezogen vorkommen lässt. Diese somit entstehende Langatmigkeit wird aber im Grunde nur durch die oft komplett abwesenden Dialoge evoziert denn rein optisch überschwemmt der Film den Zuschauer wie eine Flut. Das Flair der diversen Locations (Mailand – San Remo – London) wird vortrefflich eingefangen und die Darsteller die darin agieren wirken allesamt authentisch. Alles was man wahrnimmt ist handwerklich perfekt geplant und sauber umgesetzt.

Wichtigste Thematik ist für mich hier ganz klar der Bruch zu Traditionen der sich in erster Linie natürlich mit den Ausbruch einer (passiv) unterdrückten Frau aus einer von Männern dominierten Geschäftswelt manifestiert. Auch die Homosexualität der Recchi-Tochter Betta (Alba Rohrwacher) die in einem Subplot angerissen wird, verfolgt ein ähnliches Muster. Das Kind macht es der Mutter sozusagen vor, was am Ende, wenn sich auch Emma die Haare kurzgeschnitten hat, sogar im übertragenen Sinn gezeigt wird.

I Am Love ist eben Kunstkino das dem Freiheitsbegriff nachgeht und irgendwo diesem auch selbst nacheifert. Der Streifen wartet dabei zwar mit tollen Bildern und guten Schauspielleistungen auf, kann aber eben nicht einfach mal so nebenher gesehen werden. Wer lieber leichte und inhaltlose Unterhaltung sucht ist mit den üblichen herbstlichen RomComs besser bedient, alle anderen dürfen sich freuen, dass der Film am 28. Oktober endlich auch in die deutschen Kinos kommt.

I Am Love
4.08 (81.67%) 12 Artikel bewerten

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Eine Antwort

  1. Johannes V. Exi Kalcher

    Ein tatsächlich sehr irritierender Film, der allein durch den dramatischen Musikeinsatz unter die Haut geht.

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