(”The Element Of Crime” directed by Lars von Trier, 1984)

Element Of CrimeWicked! Nach dem ich Lars von Triers Spielfilmdebut das zweite mal gesehen habe fällt mir kein besseres Wort ein um dieses Werk zu beschreiben. Alles was beim ersten mal blieb als der Abspann und der Song Der letzte Tourist in Europa lief, war ein unbehagliches Schweigen, ausgelöst durch die Resignation vor dem Gedanken den Trier im Zuseher wecken möchte: Das Böse ist IN uns! Man braucht nur den richtigen Zeitpunkt und Ort und jeder Mensch wird zum Verbrecher. Vor allem Idealisten, die sich die Bürde auferlegt haben die Welt zu begreifen und zu verändern. Denn manchmal ist das zu gefährlich, vor allem in der Welt die Trier in seinen Filmen erschafft.

Der Plot ist ziemlich einfach, und gleicht in der Inszenierung einer Hommage an die Detektivfilme der 30er und 40er Jahre. Der Kriminalbeamte Detective Fisher (Michael Elphick) kommt nach 13 Jahren Exil im fernen Kairo zurück nach Europa um einen Serienmörder Namens „Harry Grey“ zu jagen. Dazu benutzt er die Methoden seines ehemaligen Lehrers Osborne (Esmond Knight), die in dessen Werk The Element Of Crime beschrieben werden. Fisher hat das Buch förmlich in sich aufgesogen und gesteht Osborne, dass es seine ganze Art zu Leben und zu Denken beeinflusst hat. Doch der anfangs noch optimistische Kriminologe läuft gegen eine Wand. Europa ist nicht mehr so wie er es verlassen hat. Es gibt keine Tages- und Jahreszeiten mehr. Den ganzen Film über ist es Nacht und es regnet. Die Spur des psychopatischen Killers führen den Detective durch überschwemmte Landstriche, Abwasserkanäle, Ruinenstädte. Alles ist verfallen, schimmelt und rostet vor sich hin. So kaputt wie die Umgebung wirken auch die Menschen: Wahnsinnig, senil, abergläubisch. Europa liegt im Sterbebett. Langsam aber sicher wird Detective Fisher von dieser Welt in den Abgrund gerissen aber daran ist er auch selbst schuld, denn laut The Element Of Crime begibt sich der Polizist vollkommen in die Rolle des Täters um diesen zu überführen. Doch besitzt er auch die nötige Selbstkontrolle um diese Methode zu beherrschen? Starrköpfig missachtet er die Warnungen des tyrannischen Polizeichef Kramer (Jerold Wells) und seiner Weggefährtin, der Prostituierten Kim (Me Me Lei). Immer weiter verirrt er sich, vollgepumpt mit Medikamenten die Schlaflosigkeit und extreme Kopfschmerzen verursachen, in einem Labyrinth aus Realität, Traum und Fantasie …

Eigentlich ist Element Of Crime ein Experimentalfilm in dem die Handlung zweitrangig ist. In Interviews wird klar deutlich, das Lars von Trier gar nicht die Absicht verfolgte einen „echten“ Spielfilm zu machen. Der damals noch junge Regisseur vergleicht seinen Erzählstil sogar mit Kinderfilmen in denen aus dem Off eine Stimme kommt die sagt „Das ist ein Haus“. Doch Trier ergänzt, dass er eben nicht „nur“ ein Haus zeigt sondern ein besonderes Haus, was sich in seiner Liebe zum Detail in seinen Filmen ausdrückt.

In seiner Gänze ist dieser Film nicht in einer Rezension zu beschreiben. Fakt ist, dass er bei mir Staunen und Angst zu gleich ausgelöst hat, denn Trier beschreibt mit Element Of Crime auf eine mystische, bezaubernde Art und Weise seine Version einer Apokalypse die in der Realität nur durch einen Atomkrieg oder einer Seuche verbunden mit Naturkatastrophen ausgelöst werden könnte. Wichtig zu erwähnen ist, dass das Bild ständig einen Orange- oder Gelbstich hat da die Drehorte mit gelben Natriumlampen ausgeleuchtet wurden. Kameraführung und Schnitte sind exzellent ausgeführt und sehr abwechslungsreich. Trier hat mit diesem Film seine außergewöhnliche Kreativität unter Beweis gestellt und anderen Filmemachern das Tor zu neuen Welten eröffnet.

Element Of Crime ist der erste Teil der Europa-Trilogie (Epidemic, Europa) des Regisseurs in dem seine verschrobene Sicht von Deutschland, als Charakteristikum für Europa und seine Geschichte zum Vorschein kommt. Die Story handelt zwar in Deutschland, wird aber von britischen Schauspielern aufgeführt und hat außer den Ortsnamen kein Merkmal aufzuweisen, dass an Deutschland erinnert. Es gibt nicht einmal eine deutsche Synchronisation.

Die 104 Minuten Spielzeit sind meiner Meinung nach durchaus angemessen und waren nicht langweilig. Man sollte jedoch aufpassen was passiert, denn am Ende ist man leicht verwirrt und kaum in der Lage sofort über alles zu reflektieren. Die schauspielerische Leistung der Darsteller ist hervorragend, vor allem wenn man bedenkt unter welchen extremen Umständen gearbeitet wurde (Nässe, Kälte, Lars von Trier). Definitiv nicht jedem Menschen zu empfehlen, aber für den wahren Liebhaber des Mediums Film obligatorisch! Einfach ansehn, staunen und beim Abspann der Sängerin lauschen:

„Ich bin der letzte Tourist in Europa,
und wie ein Ruheloser irre ich umher.
Ich will nach Wien, um Mozart zu treffen,
Ich will nach Rom, vor Raffael zu knien.

Ich möchte überall dorthin nach Europa,
Wo die Liebe Schiffbruch erlitt.
Ans Grab von Julia und Romeo in Verona
Zu einem kleinen stillen Gebet.“

The Element Of Crime
3.33 (66.67%) 3 Artikel bewerten

The Element Of Crime
8von 10

Über den Autor

http://www.youtube.com/watch?v=Tn0_MWsyn7A&feature=fvw

7 Responses

  1. Der kleine Candide

    Wow. Nicht leicht zu rezensionieren? Mich hat dein Review jedenfalls verdammt neugierig gemacht. Es ist nicht etwa so, dass ich den Film nicht schon vorher sehen wollte, aber jetzt muss ich ihn definitiv nachholen.
    Freu mich schon auf die zwei anderen Teile, falls du dazu noch was schreibst…

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  2. parker

    Danke.

    Was ich vergessen habe ist, dass Fisher seine Geschichte über Europa eigentlich unter Hypnose erzählt. Die Stimme des Psychologen der ihn hypnotisiert ist manchmal aus dem Off zu hören.

    Hypnose ist ein zentrales Thema in der Europa-Trilogie.

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  3. Der kleine Candide

    Hab ihn jetzt gesehen. Ok, ich wurde zweifelsohne überfahren, platt gemacht, zum schweigen verdammt…
    Es wird wohl eine Zeit lang brauchen bis ich diesen Film wieder in meinen DVD-Player schieben werde, aber ich weiß schon jetzt, dass ich dann den Streifen mit ganz anderen Augen betrachten werde.

    Nachdem ich gleich danach deine Rezension gelesen habe muss ich etwas loswerden: brillant. Du fängst so ziemlich alles in deinen kurzen Text ein.
    Dein Tipp das Geschehen sehr aufmerksam zu verfolgen, kann ich nur weitergeben. Der Schluss überfordert einem wirklich, der tolle Song lässt kaum Platz zum reflektieren, erst als der Bildschirm komplett schwarz und stumm war konnte ich meine Gedanken bündeln.

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  4. schauzeit

    Bin zwar Jahre zu spät mit meinem Kommentar, aber das Internet hält ja frisch. Ich habe The Element Of Crime bestimmt seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesehen, aber die Bilder, die dunkle faszinierende Atmosphäre ist mir immer noch präsent. Da ich gerade erst einen Verriss über seinen aktuellen Film Melancholia gelesen habe, in dem von Trier als generell langweilig beschrieben worden ist, dachte es in mir direkt: neeee, warte mal! Glatt gelogen!

    Dogville hatte mich begeistert, besonders als 1a Schauspielertheater, quasi leinwandgewordenes Schauspiel. The Element Of Crime rangiert für mich deutlich weiter oben, natürlich bedingt durch die mittlerweile mystische Verklärung meiner Erinnerung. Ja. So.

    Was ich eigentlich sagen wollte: Du hast von einem eigentlich unbeschreibbaren Film eine kleine, feine Rezension geschrieben. Respekt. Der Film ist in der Tat wicked, wenn nicht sogar weird. Und dank Deiner – nicht gealterten Filmbesprechung – werde ich mich mal auf die Suche nach der DVD machen. Auch wenns ein optisches Verbrechen ist, diese gewaltigen Kinobilder auf ein Winzdisplay zu bannen.

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    • Parker

      Oh, danke für die Blumen. Hab Element of Crime seit her auch nicht mehr gesehn. Wär fast wieder eine Sichtung wert. Nach Triers Europa-Szenario sind die momentane Probleme Europas ja eher Peanuts. Wobei er ja zu Antichrist-Zeiten meinte, er gibt der Menschheit maximal noch zwei Jahre …

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