
Der Israeli Rami Elhanan und der Palästinenser Bassam Aramin haben beide ein Kind im Nahostkonflikt verloren. Elhanans 13-jährige Tochter Smadar kam 1997 bei einem palästinensischen Selbstmordanschlag in Jerusalem ums Leben. Aramins zehnjährige Tochter Abir wurde zehn Jahre später im Westjordanland von einem Gummigeschoss der israelischen Grenzpolizei tödlich am Kopf getroffen. Eigentlich gäbe es für beide Männer also genügend Gründe, die jeweils andere Seite zu hassen. Doch sie entscheiden sich für das Gegenteil. Über den Parents Circle, in dem israelische und palästinensische Familien zusammenarbeiten, die Angehörige im Konflikt verloren haben, lernen sie sich kennen. Aus der Begegnung entsteht eine Freundschaft. Gemeinsam treten sie öffentlich auf und versuchen, den Gedanken von Verständigung und Versöhnung weiterzutragen. Regisseur Florian Mebes begleitet die beiden Familien über viele Jahre. Dabei rücken zunehmend auch ihre Söhne Yigal Elhanan und Arab Aramin in den Mittelpunkt, die nach dem Tod ihrer Schwestern zunächst ganz andere Wege einschlagen als ihre Väter.
Zwei Väter gegen den Hass
An Geschichten wie der von Rami Elhanan und Bassam Aramin herrscht im Nahostkonflikt kein Überfluss. Seit Jahrzehnten bestimmen Gewalt, Terror, Besatzung und Vergeltung die Nachrichten. Until We Talk setzt dem zwei Männer entgegen, die nach dem denkbar größten persönlichen Verlust beschlossen haben, sich nicht dem Hass hinzugeben. Florian Mebes beschäftigt sich schon seit Ende der 2000er-Jahre mit ihnen. Bereits 2010 entstand daraus der Fernsehfilm Sie alle sind unsere Kinder – Zwei Väter gegen den Kreislauf der Gewalt. Für Until We Talk hat er seine Langzeitbeobachtung fortgesetzt und dabei einen interessanten zusätzlichen Fokus gefunden: Was wird aus der nächsten Generation?
Denn weder Arab noch Yigal übernehmen einfach die Haltung ihrer Väter. Arab reagiert auf den Tod seiner Schwester zunächst mit Wut und Gewaltfantasien. Yigal wiederum entscheidet sich trotz des Friedensengagements seiner Familie für den Dienst in der israelischen Armee. Verständigung wird hier nicht vererbt, sondern muss immer wieder neu erarbeitet werden. Gerade darin liegen die stärksten Momente des Films.
Formal erstaunlich konventionell
Filmisch kann Until We Talk mit der Bedeutung seines Stoffes allerdings kaum Schritt halten. Mebes hat außergewöhnliches Material gesammelt und über einen ungewöhnlich langen Zeitraum Zugang zu seinen Protagonisten gehabt. Umso erstaunlicher ist, wie konventionell er daraus erzählt. Interviews, Beobachtungen, Archivmaterial und gemeinsame Auftritte werden sauber miteinander montiert, entwickeln aber nur selten eine eigene filmische Kraft. Auch die Bildgestaltung von Kameramann Robin Scheller wird kaum zu einem erkennbaren gestalterischen Konzept. Für einen Film, der von Grenzen, Nähe und Distanz handelt, wäre gerade visuell deutlich mehr möglich gewesen.
Hinzu kommt, dass die Parallelisierung der beiden Familien gelegentlich sehr ordentlich gebaut wirkt: hier das israelische, dort das palästinensische Opfer, hier der Vater, dort der Vater, hier der Sohn, dort der Sohn. Emotional funktioniert das, politisch ist es komplizierter. Gleicher Schmerz bedeutet schließlich nicht automatisch gleiche gesellschaftliche oder politische Voraussetzungen. Immerhin vermeidet Mebes weitgehend, daraus ein allzu simples „beide Seiten sind gleich“-Narrativ zu machen.
Die große Leerstelle
Heute besitzt der Film außerdem eine Leerstelle, für die er selbst nichts kann. Die Dreharbeiten beziehungsweise die eigentliche Arbeit am Film endeten noch vor dem 7. Oktober 2023. Der Terrorangriff der Hamas, der Krieg in Gaza und die weitere Radikalisierung des Konflikts kommen deshalb nicht mehr vor. Gerade nach fast anderthalb Stunden mit diesen Familien möchte man aber unbedingt wissen, was danach geschehen ist. Wie haben Rami und Bassam auf den 7. Oktober und den folgenden Krieg reagiert? Hat ihre Freundschaft diese erneute Eskalation ausgehalten? Was bedeutet die Arbeit des Parents Circle heute, wenn Verständigung politisch möglicherweise noch schwieriger geworden ist als zuvor?
Dass Until We Talk diese Fragen nicht beantworten kann, macht ihn nicht schlechter. Es verändert jedoch seine Wirkung. Der Film erscheint 2026 beinahe wie ein Dokument aus einer anderen Epoche – obwohl zwischen seinem Ende und unserer Gegenwart nur wenige Jahre liegen. Vielleicht macht gerade das sein Anliegen umso dringlicher. Formal ist Until We Talk kein besonders bemerkenswerter Dokumentarfilm. Doch Rami Elhanan und Bassam Aramin erinnern daran, dass selbst nach einem unvorstellbaren persönlichen Verlust eine Entscheidung möglich bleibt: den anderen nicht zum Feind für immer zu erklären. Angesichts der Entwicklung der vergangenen Jahre scheint das ein notwendiger menschlicher Gedanke zu sein.
OT: „Until We Talk“
Land: Schweiz
Jahr: 2025
Regie: Florian Mebes
Buch: Florian Mebes, Yoav Parish
Musik: Finnek
Kamera: Robin Scheller
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