
Es ist 1862 auf den Färöern und ein Sturm zieht auf. Baldur (Egor Venned) ist ein junger Fischer und lebt zusammen mit seiner Mutter Ásla (Sofia Nolsøe Mikkelsen) in einem kleinen Dorf, die Fahrten auf hoher See sind oft beschwerlich und gefährlich. Besonders prekär wird es, als er den Hilferuf eines dänischen Walfänger namens Helge (Pilou Asbæk) hört. Bei der Rettungsaktion rammt er einen Felsen und droht, in den tosenden Wellen unterzugehen, bis Helge ihn aus dem Wasser fischt und bei Baldur und seiner Mutter einzieht. Dies soll sich als durchaus verhängnisvoll erweisen – es kommt zu feurigen Gefühlen zwischen den beiden Männern, die Kräfte entfesseln, die das ganze Dorf ins Unheil stürzen können.
Roh, leidenschaftlich, düster
Das Retten des Lebens eines anderen Menschen vermag es, untereinander direkt ein festes Band zu knüpfen; und so starten Helge und Baldur mit diesem starken Statement in ein Verhältnis, das nur kurz von vorsichtigen Blicken geprägt ist. Es dauert nicht lang, bis sie, von Leidenschaft durchdrungen, übereinander herfallen, ganz zum Trotz entgegen der dörflichen Community und Baldurs Mutter, die von schwulen Beziehungen wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben gehört haben. Die Begegnungen finden im Verborgenen statt, im dann nicht mehr ganz so stillen Kämmerlein, und schaffen es, von Anfang an glaubwürdige Intimität aufzubauen und darzustellen. Stellenweise vergisst man, dass es sich um einen Horrorfilm handelt, da der Romanzenaspekt so intensiv im Fokus steht und so gelungen umgesetzt ist, doch die Dunkelheit baut sich langsam auf, creept sich in die raue Landschaft und in sich geschlossene Dorfgemeinschaft hinein.
„Es muss sich sehr einsam angefühlt haben 1862 auf den Färöern schwul zu sein“, mutmaßt Regisseur Kasper Kalle, der selbst schwul ist und in einem kleinen Örtchen aufwuchs, in seinem Director’s Statement: „In vielerlei Hinsicht fühlte es sich an, als würde ich auf einer abgelegenen Insel leben, weit weg vom Rest der Welt, und ich kämpfte darum, von den Menschen um mich herum akzeptiert zu werden.“ Die Erfahrungen der Einsamkeit inkorporiert er in die Ästhetik des Films, die in der naturgegebenen Abgelegenheit, in den schroffen Klippen und dem unruhigen Meer rund um die Färöer eine passende, spektakuläre Heimat findet – ein einzigartiges Setting für eine wegweisende Geschichte, die auf der Erzählung Manor basiert, die 1884 von Karl Heinrich Ulrichs, einem Vorkämpfer für queere Rechte, geschrieben wurde. In der Rohheit und der Ungelenkigkeit, in der sich Baldur und Helge begegnen, zeigt sich abermals, wie wenig verbreitet das Bewusstsein um gleichgeschlechtliche Liebe in vergangenen Zeiten war. Umso erfreulicher, dass sich nach beispielsweise Rose ein weiterer Film in diesem Jahr der Aufgabe annimmt, historische Homosexualität zu repräsentieren.
Horror als Zeichen für Queerness?
Während die gelungene Darstellung eines Folk-Horrors ein Fest für die Augen ist und in seiner Machart an das atmosphärische Genie eines Robert Eggers herankommt, wird es auf den ersten Blick im Subtext brenzlig. Befremdlich könnte es wirken, Horror und Brutalität Queerness quasi gleichzustellen, als wäre schwule Liebe ein Monstrum, das eine unschuldige, christliche Dorfgemeinde terrorisiert. Regisseur Kasper Kalle subvertiert diese negative Lesart mit einer eigenen, persönlichen Sichtweise hierauf: Der Schrecken stamme bereits aus der Kindheit und der Jugend vieler schwuler Männer, die selbst voller Furcht vor Outing und Ausgrenzung aufwachsen würden; die Verbindung aus Horror und queerer Liebe spreche „die Sprache ihrer Ängste und ihrer Scham“. Analog zu den Naturgewalten der Färöer ließen sich Liebe und Sexualität dennoch nicht aufhalten und seien „für manche deshalb eine furchterregende Kraft“.
Der eigentliche Horror liegt nicht im Verlangen zweier Männer füreinander, sondern in den Reaktionen der Gesellschaft um sie herum, in denen Moralvorstellungen und Glaube als Katalysatoren dienen, die Liebenden auseinanderzureißen. Bevor die düstere, zersetzende Kraft im Film ihren Lauf nimmt, durchleben Helge und Baldur Repressionen, Zweifel, Gewalt, was alles in der Tragödie gipfelt, die den filmisch perzipierten visuellen Horror erst auslöst. Dabei spart Kasper Kalle an bekannten Tropen und an unnötiger Brutalität, setzt umso mehr auf Stimmung und Gefühl, auf einen Slow-Burn Approach und Dunkelheit. Auf letzteres setzt er vielleicht etwas zu viel: Weite Teile des Films ziehen sich von der majestätischen Natur der Färöer in kammerspielartige, kaum beleuchtete Zustände zurück, die zusammen mit einem Storytelling, das sich stellenweise verliert, für Längen sorgen, die das Seherlebnis am Ende schmälern. Eine Matrosengeschichte, dessen deutscher Titel abermals von Karl Heinrich Ullrichs Matrosengeschichten entliehen ist, bleibt dennoch ein origineller, mutiger und beeindruckender Film.
OT: „No Rest for the Wicked“
Land: Dänemark, Färöer, Island
Jahr: 2026
Regie: Kasper Kalle
Drehbuch: Rasmus Birch
Musik: Hettarher, Torleik Mortensen, Andreas Tykjær Restorff
Vorlage: Karl Heinrich Ulrichs
Kamera: Jacob Møller
Besetzung: Pilou Asbæk, Egor Venned, Sofia Nolsøe, Jóhannes Haukur Jóhannesson
Fantasia Film Festival 2026
Fantastic Fest 2026
queerfilmfestival 2026
Sitges 2026
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