
Laura (Agustina Liendo) verzweifelt langsam an ihrer Mutter Alicia (Carmen Maura). Zwar ist schon länger bekannt, dass diese an Demenz erkrankt ist und dass diese Krankheit mit der Zeit schlimmer werden wird. Bislang hatte sie das jedoch ganz gut im Griff. Doch nun scheint es einen Schub zu geben, wieder und wieder stellt sie ihrer Tochter dieselben Fragen, kann sich einige Minuten später schon nicht mehr daran erinnern. Das ist schon besorgniserregend, da Alicia noch immer allein lebt. Da Laura jedoch unterwegs ist, bittet sie ihren Ex Pedro (Daniel Hendler) nach dem Rechten zu sehen, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Der lässt sich darauf ein und stattet der alten Dame einen Besuch ab. Anfangs verläuft das Gespräch mit ihr auch ganz nett – bis Alicia wieder verwirrt ist und Pedro für ihren eigenen Ex hält. Und auf den ist sie gar nicht gut zu sprechen …
Der Horror der Demenz
Demenz ist ohne Zweifel eine der erschreckendsten Krankheiten, die man als Mensch haben kann. Körperliche Gebrechen sind das eine. Aber in sich selbst verlorenzugehen, seine Erinnerungen und seine Persönlichkeit zu verlieren, das ist ein Albtraum. Und es ist eine Krankheit, die immer häufiger wird, je älter die Menschen werden. Insofern ist es kein wirkliches Wunder, wenn Demenz nicht nur in ruhigen Dramen angesprochen wird, wo es um den Zerfall der Hauptfigur geht, alternativ auch um deren Familie. Auch Horrorfilme und Thriller haben das Thema für sich entdeckt. Bei The Creeping – Die Heimsuchung etwa muss sich eine Frau um ihre demente Großmutter kümmern und erlebt dabei Unheimliches. Relic – Dunkles Vermächtnis erzählt von Großmutter, Mutter und Tochter, die in einem Haus des Vergessens verloren sind. Mit Crazy Old Lady kommt nun ein weiterer Genrevertreter aus diesem Themenbereich zu uns.
Während die obigen beiden Filme jedoch eine übernatürliche Komponente hatten, die sich mit der Zeit offenbarte, da bleibt die argentinisch-spanische Coproduktion ganz im Irdischen. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Geschichte alltäglich oder glaubwürdig ist. Anfangs erweckt Crazy Old Lady diesen Eindruck noch, wenn Alicia immer wieder nach einem Rezept fragt und ihre Tochter Laura zu überspielen versucht, dass sie diese Konversation bereits geführt haben. Aber schon während dieses Telefonts gibt es erste Anzeichen, dass da noch etwas anderes ist. Denn die alte Frau spricht von einem Ex-Mann, von dem ihre eigene Tochter nichts weiß. Und auch als Zuschauer bzw. Zuschauerin ist man unschlüssig, wie das Ganze einzuordnen ist. Vielleicht bringt sie etwas durcheinander. Vielleicht wartet da aber auch eine romantische Geschichte, die erzählt wird.
Überraschende Abgründe
Aber nein, mit Romantik hat man es hier nicht so. Regisseur und Autor Martín Mauregui, der zuvor an zahlreichen Drehbüchern für Filme wie 27 Nächte oder Pickpockets – Meister im Stehlen gearbeitet hat und sich nun auch selbst zum Regieführen berufen fühlt, hat etwas anderes vor. So bringt die Protagonistin ihr Gegenüber immer wieder mit einem anderen durcheinander. Normalerweise wäre das ja nicht so schlimm. Da Crazy Old Lady aber ein Horrorthriller ist, muss diese Verwechslung üble Folgen haben. Viel mehr sollte man darüber vorab nicht erfahren. Nur so viel: Die alte Frau hat da offensichtlich einiges nicht ganz verarbeitet, was in der Vergangenheit vorgefallen ist. Und sie hat es geschafft, einige richtig üble Geheimnisse für sich zu bewahren, die von der Demenz gelockert wieder ans Tageslicht kommen.
Zeitweise ist der Genrebeitrag, der 2025 beim Fantastic Fest seine Weltpremiere hatte, richtig spannend geworden. Nicht nur, dass man neugierig darauf ist, welche Abgründe sich da noch in der Rückschau auf ein verheimlichtes Leben auftuen. Man will auch wissen, worauf das hinauslaufen wird, wenn die Situation eskaliert und Alicia nicht mehr die freundliche Oma ist. Ganz hält Crazy Old Lady diese Spannung aber nicht aufrecht. So dreht sich die Geschichte zunehmend im Kreis, die Handlung bleibt durch das Szenario bestimmt starr. Da kommt einfach zu wenig Neues. Insgesamt ist das aber durchaus ein solides Werk, welches von einer spielfreudigen Carmen Maura (Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger, Witching & Bitching) getragen wird. Wenn sie den im Titel angekündigten Wahnsinn aus ihrer Figur herauskitzelt, ist das schon beeindruckend – und fast so erschreckend wie die Krankheit an sich.
OT: „Vieja loca“
Land: Argentinien, Spanien
Jahr: 2025
Regie: Martín Mauregui
Drehbuch: Martín Mauregui
Musik: Pedro Osuna
Kamera: Julián Apezteguía
Besetzung: Carmen Maura, Daniel Hendler, Agustina Liendo
Fantastic Fest 2025
Sitges 2025
Fantasy Filmfest White Nights 2026
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