Die Aussprache Women Talking
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Die Aussprache

„Die Aussprache“ // Deutschland-Start: 9. Februar 2023 (Kino)

Inhalt / Kritik

Der Schock ist groß bei den Frauen einer mennonitischen Gemeinschaft, als sie feststellen, dass die Männer sie systematisch betäubt und vergewaltigt haben. Die Schuldigen wurden verhaftet und fortgebracht. Und doch ist klar, dass sie nicht lange wegbleiben werden, früher oder später werden die Peiniger wieder zurück sein. Was also tun? Eine Gruppe von Frauen, darunter Ona (Rooney Mara), Mariche (Jessie Buckley) und Salome (Claire Foy), treffen sich auf dem Heuboden, um dort das weitere Vorgehen zu diskutieren. Während die einen bleiben und für die Verbesserung ihrer Situation kämpfen wollen, sehen andere nur die Möglichkeit, die Gemeinschaft zu verlassen und ohne die Männer an einem neuen Ort von vorne zu beginnen. Neben den Frauen ist noch August Epp (Ben Whishaw) als einziger Mann anwesend, um für die anderen Protokoll zu führen, da die Frauen nie Lesen und Schreiben lernen durften …

Die Suche nach Verbesserung

Seit der #MeToo-Bewegung, welche systematischen Missbrauch in der Filmindustrie wie auch anderen Teilen der Gesellschaft öffentlich machte, werden auf der großen Leinwand immer wieder neue Geschichten aus diesem Themenbereich erzählt. Manche tun das ziemlich wörtlich, etwa She Said kürzlich, das von den Enthüllungen rum den Vergewaltiger-Mogul Harvey Weinstein berichtete. Promising Young Woman drehte den Spieß um und zeigte mit viel schwarzem Humor die Jagd auf Männer, die Frauen missbrauchen. Während dort jeweils Frauen die Sache selbst in die Hand nahmen und für Veränderungen sorgen wollten, da stecken die Protagonistinnen in Die Aussprache noch in der Phase davor. Dass die Handlungen der Männer falsch sind, das wissen sie. Aber welcher Schluss ist daraus zu ziehen? Wie schaffen sie es, ihre Situation zu verbessern?

Das Ergebnis wirkt wie eine Mischung aus Theateraufführung und Versuchsanordnung. Schon die Ausgangslage ist nicht sonderlich natürlich. Zwar verarbeitet Autorin Miriam Towes, auf deren Roman Women Talking der Film basiert, in ihrer Geschichte einen wahren Vorfall. Genauer nimmt sie Vorkommnisse in einer mennonitischen Gemeinde in Bolivien als Vorlage, in der tatsächlich einige Männer Frauen mithilfe von Tiermedikamenten betäubt und vergewaltigt haben. Dass aber in Die Aussprache alle Männer gleichzeitig fort sind und die Frauen so unter sich sind, ist schon ziemlich konstruiert. Auch bei den Figuren legte man weniger Wert darauf, tatsächliche Persönlichkeiten zu erschaffen. Sie sind vielmehr ein Mittel zum Zweck, damit die verschiedenen Argumente untergebracht werden können. Zum Teil wird das durch das starke Ensemble ausgeglichen. Aber eben nur zum Teil.

Diskussionen bis übers Ende hinaus

Bei den Argumenten ist aber tatsächlich viel dabei, über das man diskutieren oder zumindest nachdenken kann. Zwar sind die Optionen relativ einfach – bleiben, kämpfen oder sterben. Aber damit verbunden sind zahlreiche andere Themen und Überlegungen. Unter anderem geht es dabei um religiöse Konzepte, die Frage nach Vergebung, Verantwortung sich und anderen gegenüber, Geschlechterrollen oder auch wie sehr wir durch die Gesellschaft, in der wir aufwachsen, vorgeprägt sind. Das ist natürlich viel Stoff. Manchmal zu viel Stoff: Zuweilen hat man das Gefühl, dass Regisseurin und Autorin Sarah Polley (Take This Waltz) bei Die Aussprache eine Checkliste abarbeitet, ohne den einzelnen Punkten immer die Aufmerksamkeit entgegenzubringen, welche diese verdienen würden. Da bleibt einiges schon ziemlich an der Oberfläche.

Doch auch wenn das Drama, das auf dem Telluride Film Festival 2022 Weltpremiere hatte, unter den Möglichkeiten bleibt, sehenswert ist es auf jeden Fall. Da sind immer wieder vereinzelte starke Momente dabei, von dramatisch bis leise. Gerade das angesprochene versammelte Schauspieltalent, das sich auf engem Raum gegenseitig die Bälle zuspielt, ist Grund genug, sich an dieser Diskussion zu beteiligen. Neben den oben genannten Schauspielerinnen gehört auch die mitproduzierende Frances McDormand zum Ensemble und darf in einer kleinen, dafür umso prägnanteren Rolle Eindruck hinterlassen. Wichtig genug sind die Gedanken und Themen in Die Aussprache ohnehin, dass sie auch außerhalb dieses sehr eigenen Kontexts funktionieren. Obwohl am Ende des Films eine Entscheidung getroffen wurde, die Diskussionen sind damit noch nicht vorbei.

Credits

OT: „Women Talking“
Land: USA
Jahr: 2022
Regie: Sarah Polley
Drehbuch: Sarah Polley
Vorlage: Miriam Towes
Musik: Hildur Guðnadóttir
Kamera: Luc Montpellier
Besetzung: Rooney Mara, Claire Foy, Jessie Buckley, Judith Ivey, Ben Whishaw, Frances McDormand, Sheila McCarthy, Michelle McLeod, Kate Hallett

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2023 Bester Film Nominiert
Bestes adaptiertes Drehbuch Sarah Polley Nominiert
Film Independent Spirit Awards 2023 Bester Film Nominiert
Beste Regie Sarah Polley Nominiert
Bestes Drehbuch Sarah Polley Nominiert
Robert Altman Award Sieg
Golden Globes 2023 Bestes Drehbuch Sarah Polley Nominiert
Beste Musik Hildur Guðnadóttir Nominiert

Filmfeste

Telluride Film Festival 2022
Toronto International Film Festival 2022

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Die Aussprache
fazit
„Die Aussprache“ hört einer Gruppe von Frauen zu, die darüber diskutieren, wie sie mit den Männern umgehen sollen, die sie zuvor vergewaltigt haben. Das ist harter Stoff und geht mit vielen Themen und Fragen einher, ist zudem erstklassig besetzt. Richtig natürlich ist die Romanadaption aber nicht, sie geht auch nicht so sehr in die Tiefe, wie es die einzelnen Punkte verdient hätte.
Leserwertung27 Bewertungen
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