Wann kommst du meine Wunden kuessen Interview
Hanna Doose, Gina Henkel, Alexander Fehling, Bibiana Beglau und Katarina Schröter (v.l.n.r.) bei der Premiere von „Wann kommst du meine Wunden küssen?“ (© Filmfest München / Dominik Bindl)

Hanna Doose [Interview]

Mit ihrem Abschlussfilm Staub auf unseren Herzen setzte Hanna Doose 2012 ein Ausrufezeichen beim Filmfest München. Zwei Mal gab es für das intensive Mutter-Tochter-Drama den Förderpreis Neues Deutsches Kino, einmal in der Kategorie beste Regie und einmal in der Kategorie Produktion. Zudem gewann der Film den Publikumspreis. Der Favorit der Zuschauer war zehn Jahre später auch ihr zweiter langer Kinospielfilm, mit dem sie erneut in München vertreten war. Wann kommst du meine Wunden küssen erzählt vom komplexen Verhältnis dreier Frauen, von denen zwei Schwestern sind. Zu Beginn fährt Maria (Bibiana Beglau) mit dem Motorrad von Berlin in den Südschwarzwald, um dort ihre erkrankte Schwester Kati (Katarina Schröter) zu besuchen. Zugleich trifft sie zwei alte Bekannte wieder. Laura (Gina Henkel) und Jan (Alexander Fehling) sind aus dem Künstlermilieu ausgestiegen und wollen auf dem Hof der Schwestern eine Ziegenkäserei aufziehen. Nach und nach wird klar, dass Maria viele Rechnungen offen hat, mit ihrer Schwester, mit ihrer Freundin Laura und auch mit Jan. Aus Anlass des Kinostarts am 2. Februar 2023 sprachen wir mit Hanna Doose über platonische Frauenfreundschaften, über das Improvisieren am Set und über die faszinierende Verschmelzung von Bildsprache und Filmmusik.

Wie ist die Idee für den Film entstanden?

Ich interessiere mich sehr für Frauenfreundschaften. Der Film handelt von drei Frauen, die Freundinnen sind und in einem Fall auch Schwestern. Es geht um Missverständnisse und Lügen, die man lange nicht anspricht und an denen letztlich die Beziehung zerbricht. Die Frauen treffen nach einer langen kontaktlosen Zeit wieder aufeinander. Sie sind gezwungen, die alten Verletzungen zu bearbeiten und zu schauen, wo sie miteinander stehen.

Ich habe den Eindruck, die Figur der verstorbenen Mutter hat im Leben der beiden Schwestern tiefe Spuren hinterlassen. Dein erster Film Staub auf unseren Herzen drehte sich auch um eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung. Spielt die Thematik auch in deinen neuen Film hinein?

Absolut. Die Mutter hat sich umgebracht, als die beiden Töchter im Teenager-Alter waren. Das hat die beiden schwer traumatisiert und geprägt. Kati fühlt sich von ihrer Schwester Maria im Stich gelassen, weil sie das Gefühl hat, sie muss auf dem Hof der Familie im Schwarzwald bleiben und die Großeltern pflegen, während die Schwester nach Berlin geht, Party macht und ihre Künstlerkarriere beginnt. Als Kinder und Jugendliche waren die Schwestern eng miteinander, aber dann haben sie sich früh entzweit. Ähnlich ist das Verhältnis zwischen Maria und ihrer Freundin Laura. Erst waren sie innig verbunden, aber dann haben sie einander schwer verletzt.

Man hat den Eindruck, dass beide Schwestern von der Mutter nicht gerade mit einem Urvertrauen ausgestattet wurden.

Der Vater hatte die Familie früh verlassen und die Töchter hingen sehr an ihrer Mutter. Aber die Mutter war mit sich beschäftigt, mit ihrem Beruf als Künstlerin und mit ihren Depressionen. Jede Schwester geht anders mit dem Freitod der Mutter um. Kati schlägt den Weg einer Heilerin ein, sie lernt bei Schamanen auf der ganzen Welt und wird selber Schamanin. Maria wird Künstlerin und Regisseurin. Sie versucht, das Erlebte zu verdrängen. Beide Figuren sind wahnsinnig einsam. Wie die beiden verhärmten Schwestern wieder zueinander finden, möchte ich erzählen. Und wie viele Hürden sie dabei nehmen müssen.

Eine Art Mitspieler in der Handlung ist auch der einsame Bergbauernhof. Wie hast du den gefunden?

Der kam über mehrere Kanäle zu uns, weil dort schon mehrere Filme gedreht wurden. Als ich die Fotos gesehen habe, war ich begeistert und wusste sofort, dass der Hof genau in die Stimmung des Films passt. Die Natur und das Wetter spielen eine große Rolle, weil ich erzählen wollte, wie hart das Leben in dieser Einsamkeit ist. Ich wollte die Figuren quasi in ein nacktes Setting ohne äußere Ablenkungen setzen, damit ihre Konflikte und ihre Seelen sich ebenso nackt zeigen müssen.

Sind die Käserei und die Ziegenherde echt oder musstet ihr die dort hinbringen?

So leben die Betreiber dort. Die Inhaber des Hofs haben mich und vor allem die Schauspieler enorm unterstützt. Alexander Fehling, der Lauras Freund Jan verkörpert, lernte, wie man den Traktor fährt. Gina Henkel, die die Laura spielt, machte in der Vorbereitung auf die Rolle ein Praktikum auf dem Hof, wo sie das Melken und die Käseherstellung gezeigt bekam. Es war toll, das uns die Hofinhaber die Tiere nicht einfach nur zur Verfügung gestellt haben, sondern immer ansprechbar waren für Fragen und Probleme.

Wie hast du mit dem Kameramann gearbeitet, um die beeindruckenden Landschaftspanoramen hinzukriegen?

Ich arbeite mit Kameramann Markus Zucker schon seit 20 Jahren zusammen. Er wollte die Natur als weiteren Charakter miterzählen und sprechen lassen. Wir haben immer gesagt, dass wir keinen Sommerfilm wollen. Im Winter ging es aber auch nicht, weil da die Drehtage wegen des Lichts zu kurz sind. Deshalb entschieden wir uns für das Wechselhafte im Frühling, das Braune neben dem bereits Grünen. Die Natur sollte etwas Hartes und Unnahbares ausstrahlen, aber zugleich die Hoffnung vermitteln, dass hier demnächst doch etwas sprießen wird. Leben und Neugeburt sind möglich.

Schon in der Ankündigung kann man lesen, dass die Schauspieler improvisiert haben. Wie war das genau? Was war festgelegt und was spontan?

Schon bei meinem ersten Film habe ich so gearbeitet. Ich beginne mit einem Treatment, dass so weit ausgearbeitet ist, dass es fast einem Drehbuch gleicht. Nur die ausgeschriebenen Dialoge fehlen. Auf dieser Basis arbeite ich über Jahre mit den Schauspielern an den Figuren, an den Konflikten und Beziehungen. In dieser Zeit hole ich mir auch Hilfe von Dramaturgen und Ko-Autoren. Die Schauspieler wissen also genau, wer sie sind und was sie voneinander wollen. Dann gehen wir ans Set und ich drehe immer sofort los, ohne Proben, mit zwei Kameras. Ich suche das erste spontane Aufeinandertreffen, um eine möglichst starke Authentizität zu erzeugen. Was in diesem Moment aus den Schauspielern herauskommt, finde ich oft viel interessanter als das, was ich mir an meinem Schreibtisch ausdenken kann. Ich suche die Interpretation des Schauspielers, weil ich darauf setze, dass die tiefer greift als das Ausgedachte. Ich will, dass der Film voll von echtem Leben ist.

Manche Namen in deinem Ensemble kennt man gut, andere noch nicht so. Wie hast du die Rollen besetzt?

Mir ist wichtig, ein oder zwei Schauspieler und Schauspielerinnen dabei zu haben, die mich kennen. Katarina Schröter und Gina Henkel waren schon vorher Freundinnen von mir und sind großartige Künstlerinnen. Dadurch konnte ich die Rollen auf sie hin schreiben und mit ihnen jahrelang daran arbeiten. Bibiana Beglau war mir auch früh klar für die Rolle der Maria, und seit ich sie angesprochen habe, haben wir uns immer wieder getroffen und sind jetzt natürlich auch befreundet. Die Kombination aus etablierten Stars und persönlichen Vertrauten ergab schon bei meinem ersten Film Staub auf unseren Herzen sehr viel Sinn. Stefanie Stremler, die damals die Tochter spielte, war ebenfalls eine Freundin von mir, und Susanne Lothar war der Star. Meine Arbeitsweise sucht die Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit des Darstellers. Es gibt viel Raum, sich selbst hinein zu geben. Das wichtigste ist die tiefe und präzise Auseinandersetzung mit der Backstory, den Beziehungen und Konflikten der Figuren, alle Spieler*innen müssen das gemeinsam und für sich bis ins Detail durchdrungen haben. Dann können wir am Set wieder loslassen und improvisieren. Alexander Fehling kam erst kurz vor dem Dreh dazu. Er hat sich von null auf hundert enorm reingehängt, sich immer wieder mit unserem Musiker getroffen, von ihm gelernt, sogar einen Track für den Soundtrack mit ihm komponiert. Das fand ich großartig. Und es hat mir wieder gezeigt, dass es viele Möglichkeiten gibt, sich den Rollen zu nähern.

Würdest du sagen, dass dein Film auch eine Reflexion über Berlin ist, obwohl die Stadt praktisch nicht vorkommt, nur kurz am Anfang einmal?

Die Figuren kommen aus der Berliner Kunst- und Filmszene. Ich möchte davon erzählen, wie hart es dort zugeht. Gerade wenn du älter wirst, muss du irgendwann die Frage beantworten, ob du wirklich mit deiner Kunst Geld verdienen kannst oder ob das nur ein Traum ist und ich lediglich hin und wieder mal Erfolg habe mit einem kleinen Arthouse-Film. Um 40 herum gibt es eine Markierung, bei der man Bilanz ziehen muss. Deswegen sind Laura und Jan aufs Land gezogen. Sie wollen ein neues Leben beginnen, aber beide hängen an dem alten Traum, der zum Teil geplatzt ist. Mein Film handelt von einem Lebensalter, in dem Entscheidungen nicht mehr rückgängig zu machen sind. Die Figur Maria zum Beispiel hat keine Kinder. Alle Charaktere müssen sich damit auseinandersetzen, dass sie nicht mehr ganz jung sind. Ich kenne es aus meinem Bekannten- und Freundeskreis, dass man gefangen ist in einem Hamsterrad aus Arbeit und Patchworkfamilie und sich irgendwann fragt, was man eigentlich mal vom Leben wollte.

Sind da auch autobiografische Anteile dabei?

Vom Grundsatz her sind mir die Themen persönlich vertraut. Aber ich habe den Stoff dann doch sehr fiktionalisiert. Mit meinen Freundinnen habe ich keine Zerwürfnisse, die sind alle wie Familie für mich. Trotzdem war meine Inspiration, von platonischen Frauenfreundschaften zu erzählen, von Schwesternschaft im Sinne von Seelenschwestern. Und dass deren Liebe sie auch heilt und wieder zusammenbringt. Sie merken: Uns gibt es noch, auch wenn die Männer gehen und keine Kinder da sind. Das habe ich im Leben erlebt mit tiefen Freundschaften.

Die Männer stehen eher am Rande. Ist das so gewollt?

Die drei Frauen stehen im Zentrum und die Männer dürfen sich darum herumreihen. Natürlich spielen sie eine wichtige Rolle, weil sie zum Teil mit den Frauen zusammen sind und geliebt werden. Letztlich sind die Beziehungen zu den Männern aber nicht alles und helfen auch nicht über die eigenen Probleme hinweg. Wenn sie kaputtgehen, bleibt trotzdem die Freundschaft der Frauen untereinander.

Musik und Bildsprache bilden eine eng verwobene Einheit. Wie hast du mit dem Komponisten gearbeitet?

Die Filmmusik hat Kangding Ray komponiert, ein Künstler aus Frankreich, der schon lange in Berlin lebt. Den hat witziger Weise mein Kameramann ins Spiel gebracht. Wir haben uns schon Jahre vor dem Dreh kennengelernt und er hat sehr früh das musikalische Leitthema geschaffen, von dem ich total begeistert war. Die meisten Tracks waren in ihrer Grundlage schon vor Drehbeginn da. Das war nicht nur für die Kamera ganz wichtig, sondern vor allem für die Figur von Alexander Fehling. Er spielt ja diesen elektronischen Komponisten, der diese Musik in der Geschichte erschafft. In den verschiedenen Schnittfassungen wurde die Musik dann jeweils noch verändert und angepasst.

An welchem neuen Projekt arbeitest du gerade?

Es wird eine Geschichte über ein Paar werden. Inspiriert hat mich dazu eine Szene aus meinem aktuellen Film, über den wir gerade geredet haben. Es gibt da eine Szene zwischen Laura und Jan am Frühstückstisch. Jan hatte am Vorabend mit Maria Koks genommen und Laura stellt ihn nun zur Rede, indem sie ihn fragt, warum sie nicht einbezogen wurde in den Drogenkonsum. Wie sich die beiden dann streiten, fand ich anregend für einen Film über die Enttäuschungen, Probleme und Missverständnisse im Leben eines Paares.

Zur Person
Hanna Doose wurde 1979 in Köln geboren. Nach dem Abitur reiste sie für ein soziales Jahr nach Brasilien, wo sie mit Straßenkindern aus Favelas arbeitete. Im Anschluss studierte sie von 1999 bis 2000 am European Film College in Dänemark. Seit 2000 lebt sie in Berlin. 2012 schloss sie ihr Regiestudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin ab. 2004 und 2005 machte Doose Gaststudien an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin und am „dramatiska institutet“ in Stockholm im Fachbereich Schnitt. Ihr Debüt Staub auf unseren Herzen gewann nicht nur zwei Preise beim Filmfest München, sondern auch den „First Steps Award“ und den „Preis zur Förderung des künstlerischen Nachwuchses“ der DEFA-Stiftung.



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