Close
© Pandora Film
Close
„Close“ // Deutschland-Start: 26. Januar 2023 (Kino)

Inhalt / Kritik

Die beiden 13-Jährigen Léo (Eden Dambrine) und Rémi (Gustav De Waele) sind beste Freunde. In den Sommerferien verbringen sie jede freie Minute miteinander und streifen gemeinsam durch das flämische Land. Doch mit dem Wechsel auf eine neue Schule zum neuen Schuljahr verändert sich ihre Beziehung. Léo beginnt, die Intimität der Freundschaft infrage zu stellen, was dafür sorgt, dass die beiden sich mehr und mehr entfremden. Bevor sie sich versehen, begreifen sie, dass kein Sommer mehr so sein wird, wie der vergangene.

Männlichkeit und Intimität

In Close ist der Name Programm. Das Thema Nähe und Intimität bestimmt die erste Hälfte wie kein anderes. Geprägt ist alles von einem unterschwelligen Diskurs über Gender-Konformität. Denn Close spielt mit unseren heteronormativen Sehgewohnheiten und zeigt zwei pubertäre Jungs, die sich so nahestehen, wie wir es nicht kennen. Sie malen sich, schlafen im selben Bett oder kuscheln. Sie haben eine Intimität miteinander, die für manche sicherlich irritierend wirkt. Bei Kindern, Mädchen und Frauen sind wir so ein Verhalten gewohnt. Bei Männern kennen wir diese Nähe zu anderen aber nur aus romantischen Kontexten.

Die Frage, ob ein romantischer Kontext hier vorliegt, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Allgemein wird dem Thema Sexualität, zumindest auf einer individuellen Ebene, wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Es drängt sich eher die Frage auf, wo überhaupt der Unterschied von Romantik und Freundschaft liegt. Trotzdem bleibt der Hauptfokus auf dem Mannwerden und damit verbunden eben auch der Wandel im Verhältnis zu Intimität. Wobei dieser Wandel natürlich nicht als natürliches Phänomen vorkommt, sondern nur im sozialen Kontext stattfindet. Entsprechend zeigt sich darin am prägnantesten der Aspekt Anpassung an bzw. Konformität mit Erwartungen an die soziale Rolle Mann.

All diese angesprochenen Themen haben dabei aber ein Problem. Sie werden nicht zu Ende erzählt. Der Film hat in der Mitte einen sehr starken Bruch und verändert sich radikal. Das Tempo des Films verändert sich, aber vor allem auch die Handlung und mit ihr die angefangenen Diskurse. Viele der eben erwähnten Dinge werden nicht oder sehr simpel auserzählt, worunter der Film leidet. Es wirkt ein wenig so, als sei der Bruch zum Zwecke des Bruchs drin und nicht, weil das Angefangene narrativ davon profitieren würde. Zwar öffnet der Film seine Augen gegenüber neuen Aspekten, bleibt über weite Strecken weniger politisch und insgesamt uninteressanter.

Von Blumen und Blicken

Was aber den ganzen Film bestehen bleibt, ist die unfassbare Präsenz des Visual Storytelling. Jedes noch so kleine Detail erzählt hier mehr als die meist recht wortkargen Figuren aussprechen. Dass das funktioniert, liegt neben der Regie- und Kameraarbeit auch an den tollen Schauspielleistungen. Gerade Eden Dambrine schafft es, Léo eine unglaubliche Bildpräsenz zu geben und damit seine Körperhaltung und die vielen Feinheiten seiner Bewegungen toll zu untermalen.

Das wahre Highlight bleibt aber trotzdem die Inszenierung. Von Farben und Symbolen über die Positionierung der Figuren und die Blicke, die sie sich zuwerfen. Es gibt vermutlich kein Bild in Close, das nicht einen bestimmten Zweck erfüllt und das auf die eigene Art und Weise schafft. Besonders beeindruckende Beispiele sind die Inszenierung der roten Tapete in Rémis Zimmer und die vielseitige Verwendung von Blumenfeldern. Erstere zeigt sich dabei beeindruckend gefühlsverstärkend und wandelbar. Egal welches Gefühl vor dieser Tapete ausgelebt wird, Freude, Wut, Trauer oder etwas ganz Anderes, sie schafft es, jedes dieser Gefühle zu betonen. Ähnlich ist es bei den Blumenfeldern, die neben ihrer farblichen Komponente noch einen starken symbolischen Charakter durch die Phase ihres Lebenszyklus bekommen. Egal, ob sie in voller Blüte stehen, gerade welken, abgemäht werden oder keimen. All das reflektiert die Handlung und Gefühlslage der Figuren.

Dadurch zwingt Close uns Zuschauende, uns deutlich mehr auf seine Feinheiten zu konzentrieren und dadurch vieles Gezeigte zu intensivieren. Insgesamt ist Close ein sehr ruhiger Film, der keine lauten Töne von sich gibt. Doch durch seine Inszenierung muss er das auch gar nicht. Denn mit seinen vielsagenden Farben, Bildern und Blicken kann er eine emotionale Drastik entfalten, die es in sich hat.

Stille war selten lauter als in Close.

Am Rand der Suspension of Disbelief

Dennoch kann all das auch ein wenig erschlagen. Der Film ist mit dieser wahnsinnigen Überinszenierung zwar sehr immersiv, strapaziert die Suspension of Disbelief aber gewaltig. Sobald man aus dieser rausfällt, und bei seiner langsamen Erzählweise kann das durchaus passieren, kann der Film in seiner Melodramatik wahnsinnig nervtötend und prätentiös wirken. Auch kann das Verständnis für das Handeln der Figuren schnell aufhören. Denn die Unfähigkeit, ihre Gefühle für einander auszudrücken, ist zwar mit einer großen Tragik versetzt, bleibt aber immer auch stark konstruiert.

Léo und Rémi scheinen aus durchaus gutsituierten, gebildeten und emotional intelligenten Familien zu kommen, in denen offen miteinander kommuniziert wird. Auch stehen die Familien untereinander in Kontakt und bekommen die Entfremdung der beiden mit. Ein klärendes Gespräch und die potenzielle Lösung ihres Konflikts scheinen also immer, ironischerweise, nah. Ob man dem Film genau das positiv oder negativ auslegen will, ob man sich auf die Tragik einlassen kann oder sich über eine aufgeplusterte Dramatik echauffiert, ist sicherlich ein subjektives Erlebnis. Fest steht aber, dass sich Close die Kritik gefallen lassen muss, sich für das behandelte Szenario vielleicht zu sehr von der Realität entfremdet zu haben.

Credits

OT: „Close“
Land: Belgien, Frankreich, Niederlande
Jahr: 2022
Regie: Lukas Dhont
Drehbuch: Lukas Dhont, Angelo Tijssens
Musik: Valentin Hadjadj
Kamera: Frank van den Eeden
Besetzung: Eden Dambrine, Gustav De Waele, Émilie Dequenne, Léa Drucker, Kevin Janssens, Igor van Dessel

Bilder

Trailer

Interview

Wer mehr über den Film erfahren möchte: Wir hatten die Gelegenheit, uns mir Regisseur Luka Dhont zu unterhalten. Im Interview über Close reden wir über männliche Freundschaften, Normen und schmerzhafte Entfremdungen.

Lukas Dhont [Interview]

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Cannes 2022 Goldene Palme Nominiert
Europäischer Filmpreis 2022 Bester Film Nominiert
Beste Regie Lukas Dhont Nominiert
Bester Darsteller Eden Dambrine Nominiert
Bestes Drehbuch Lukas Dhont, Angelo Tijssens Nominiert
Golden Globes 2023 Bester fremdsprachiger Film Nominiert

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Close
fazit
„Close“ ist ein handwerklich wirklich beeindruckender Film, der auch thematisch durchaus begeistern kann. Sein Diskurs über Intimität in männlichen Freundschaften und damit verbundenen Gender-Normen ist dabei sicherlich ein Hochpunkt. Leider flacht die zweite Hälfte thematisch etwas ab, da der Film sich mit einer bestimmten Entwicklung viele spannende Möglichkeiten nimmt. Trotzdem kann „Close“ insgesamt sehr berühren, sofern man es schafft, sich auf ihn einzulassen.
Leserwertung18 Bewertungen
5.1
7
von 10