Kritik

La Palma

„La Palma“ // Deutschland-Start: 4. Juni 2020 (Kino)

Es war nur eine kleine, aber doch folgenreiche Verwechslung. Als Markus (Daniel Sträßer) für sich und seine Freundin Sanne (Marleen Lohse) den Flug zum herbeigesehnten Erholungsurlaub bucht, geht dieser versehentlich nach La Palma anstatt nach Las Palmas. Eine Bleibe haben sie auf der falschen Insel natürlich nicht, schon gar nicht so kurzfristig. Leider haben sie aber auch kein Geld, um überhaupt irgendwo anders unterzukommen. Aus der Not heraus steigt Markus in ein leerstehendes Ferienhaus ein und plant nun, den Urlaub einfach dort zu verbringen – zum großen Ärger von Sanne. Außerdem überredet er sie zu einem kleinen Rollenspiel: Er ist Pablo, Spanier und Besitzer des Ferienhauses, sie wird zu seiner Freundin Alba. Und tatsächlich: Die beiden sorgen auf diese Weise für dringend benötigten frischen Wind in ihrer kriselnden Beziehung …

Das mit dem Urlaub ist ja immer so eine Sache. Auf der einen Seite ist die Reise an einen fremden Ort eine wunderbare Gelegenheit, um sich mal ein bisschen vom Alltag zu lösen und etwas Neues zu sehen und zu probieren. Nur kann so ein Urlaub auch richtig viel Stress bedeuten, gerade wenn man ihn mit anderen verbringt und verschiedene Ansprüche unter einen Hut bekommen muss. Nicht ohne Grund gilt der gemeinsame Urlaub als einer der wichtigsten Prüfsteine für junge Beziehungen: Entweder schweißen einen die in trauter Zweisamkeit gemachten Erfahrungen zusammen oder man erkennt auf diese Weise, dass man vielleicht doch besser nicht so eng aufeinander hocken sollte, wie es in der Situation zwangsläufig der Fall ist.

Letzte Rettung Urlaub?
Was aber, wenn es um eine Beziehung geht, die ohnehin schon länger kriselt? Bei der überhaupt nicht klar ist, warum es sie eigentlich noch gibt? In seinem Langfilmdebüt erzählt Erec Brehmer von eben einem solchen Paar, das hofft, sich während des Urlaubs noch einmal neu zu entdecken. Er fackelt dann auch nicht lang: Noch bevor La Palma wirklich Fahrt aufnimmt und wir wissen, worum es überhaupt gehen soll, ist der Krach schon da, die Erholung futsch, ehe sie überhaupt eingesetzt hat. Anders als man an der Stelle vielleicht meinen könnte, ist der Film aber keine reine Urlaubskomödie im Stil von Die schrillen Vier auf Achse und den diversen Fortsetzungen, in denen die Familie von einem Chaos ins nächste stolpert und ein Missgeschick auf das andere folgt.

Humor gibt es schon auf La Palma, er fällt jedoch etwas leiser aus. Außerdem betrifft er eher das Zwischenmenschliche, wenn sich die beiden gegenseitig das Leben schwer machen, mal gewollt, mal unbewusst. Überhaupt ist die Beziehung der beiden sehr viel von Ungewissheiten und Unausgesprochenem geprägt. Brehmer erzählt die klassische Geschichte eines Paares, das nur aneinander vorbeiredet, sofern es überhaupt noch miteinander kommuniziert. Ein Paar, das nie die richtigen Worte findet, weil es selbst gar nicht so genau weiß, was es sagen soll – oder was es will. Das Rollenspiel bringt sie zwar zum Teil dazu, endlich doch mal ein bisschen offener zu sein, auch im Hinblick auf Wünsche und Enttäuschungen. Auf Dauer ist das aber natürlich ebenso wenig eine Lösung.

Ein Projekt mit Scheitergarantie
Dramaturgisch folgt das zumindest streckenweise dem in Filmen beliebten Prinzip, dass sich die Figuren ein Kartenhaus zusammenbasteln, das auf den ersten Blick ganz hübsch ist und von den eigentlichen Problemen ablenkt, von dem man aber als Zuschauer genau weiß: Das wird nix! Das kleine Rollenspiel, das es ihnen erlaubt, nicht nur von daheim Urlaub zu nehmen, sondern auch sich selbst, reicht für ein paar romantische Szenen, komische Szenen. Es füllt aber keine Beziehung. Es füllt auch keine Geschichte. Tatsächlich zieht La Palma, das beim Max Ophüls Preis 2019 Premiere hatte, diesen Aspekt erstaunlich schnell fallen, macht keine leichte Verwechslungskomödie aus dem Stoff. Die Fantasien der beiden sind so halbherzig umgesetzt, dass eigentlich niemand die Maskerade abkauft – nicht einmal sie selbst.

Auch wenn La Palma als Komödie verkauft wird und durchaus amüsante Momente hat, interessanter ist der Film als Porträt eines Paares, das sich an einem Scheideweg befindet. Nicht immer wird bei den immer mal wieder durchbrechenden Konflikten klar, woher sie eigentlich kommen – nicht zuletzt, weil es die beiden vermutlich selbst nicht so genau wissen. Brehmer tut einem weder den Gefallen, alles in leicht verdaulichen Häppchen anzurichten, noch sucht er das saubere Ende, das vielleicht in einem Hollywoodfilm an der Stelle warten würde. Stattdessen verbringen wir hier Zeit mit zwei Menschen, die sich gegenseitig, aber auch dem Publikum, tierisch auf die Nerven gehen können, die dadurch aber auch deutlich glaubwürdiger sind und auf ihre Weise eben sympathisch. Ob man ihnen unbedingt eine weitere gemeinsame Zukunft wünschen sollte, darüber kann man sich streiten. Aber es war doch eine lohnenswerte Zeit, die wir hier mit ihnen verbringen durften.

Credits

OT: „La Palma“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Erec Brehmer
Drehbuch: Erec Brehmer
Musik: David Reichelt
Kamera: Julian Krubasik
Besetzung: Daniel Sträßer, Marleen Lohse

Bilder

Trailer

Filmfeste

Max Ophüls Preis 2019
Filmfest Münster 2019

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La Palma
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La Palma
„La Palma“ erzählt von einem Paar, dessen Urlaub gleich mit einem Fiasko beginnt, das sich aber mithilfe eines Rollenspiels ein bisschen Freiraum von sich selbst schafft. Das hat einige amüsante Szenen, ist jedoch vor allem als Porträt einer Beziehung interessant, die von Krisen geprägt ist und nach einem Weg sucht, wieder zusammen zu finden – ohne zu wissen, was eigentlich das Problem ist.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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