The One Who Runs Away Is the Ghost
© DOK.fest München 2022

The One Who Runs Away Is the Ghost

The One Who Runs Away Is the Ghost
„The One Who Runs Away Is the Ghost“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Heimat und Kindheit sind zwei komplexe Konstrukte, eng verknüpft mit einem Bild, vielleicht auch einem Idealbild in unserer Erinnerung. Viele Künstler haben sich bereits mit der Verbindung der beiden Begriffe befasst, wobei die Definition des einen schon eine wahre Herausforderung darstellt. In seinem Tagebuch hat der Schweizer Autor Max Frisch einen ganzen Fragenkatalog zu dem Thema Heimat formuliert, der sich mit dem Begriff als rein metaphorischer Größe genauso befasst wie als eine ideologische oder eine geografische. Kehren wir in unsere Heimat zurück, ist dies mit einer Wiederbegegnung eines anderen, früheren Ichs verbunden, welches nun in der Erinnerung erscheint und uns an den Plätzen antrifft, die für uns eine besondere Bedeutung haben, wobei sich auch hier eben jene Aspekte begegnen, auf welche bereits Frisch in seinen Fragen anspielt. Bei einer langen Abwesenheit, wenn man seine Heimat aufgrund von Arbeit, Vertreibung oder anderer Gründe verlassen musste, ist ein solcher Prozess verständlicherweise mit sehr vielen gemischten Gefühlen verbunden. Die Entfremdung, die man spürt, die Distanzierung zu dem Kind oder dem Jugendlichen, der einst durch die Straßen dieser Stadt ging, mit anderen spielte oder Abenteuer erlebte, ist nicht zu verschweigen und kann zu einer Neudefinition führen.

Interessant ist diese Begegnung, wenn man sich nicht nur selbst entwickelt hat, sondern ebenso auch die Heimat, was in einer von Globalisierung, Digitalisierung und Gentrifizierung definierten Welt wohl nicht sonderlich erstaunt. Als Regisseurin Qinyuan Lei wieder zurückkam in ihre einstige Heimat Shenzen, in der sie ihre Kindheit und Jugend verlebte, hatte sich eine massive Veränderung in der Stadt vollzogen, denn die einstige Kleinstadt mit etwa 30.000 Einwohnern hatte sich zu einer blühenden Metropole mit 20 Millionen Einwohnern entwickelt und gilt nunmehr aufgrund seiner stetig wachsenden Software-Industrie als das „Silicon Valley Chinas“. So ist ihre Dokumentation The One Who Runs Away Is the Ghost, die derzeit auf dem DOK.fest München zu sehen ist, eine Spurensuche nach dieser alten Heimat, doch ebenso nach der eigenen Kindheit. Ihre Kamera begleitet hierzu die beiden Mädchen Haohao und Zhouzhou, die ihre Freizeit meist in Huaqiangbei, einem bekannten Markt für Elektronikartikel, verbringen und sich ihre ganz eigene Welt geschaffen haben.

Die Regeln des Spiels

Es sind scheinbar lange Tage, welche die beiden Mädchen und ihre Freunde in den Gängen des Marktes verbringen, in denen es wenig Tageslicht gibt und die Wände der Läden voll sind mit allerlei Produkten. Ihre Eltern tauchen immer wieder auf, sind aber zu beschäftigt mit dem Verkauf oder dem Verladen von Waren, als dass sie sich lange um die Kinder kümmern könnten. Um die Langeweile zu überbrücken, erfinden sich die beiden Mädchen eine Welt, zunächst spielerisch und experimentell, bis sie schließlich voll und ganz in ihre aufzugehen scheinen, sodass man als Zuschauer ausgeschlossen wird und eben nur beobachten kann, wie die Protagonistinnen der Dokumentation, sich in diese Fantasiewelt begeben, die nach wie vor durch ihr Neonlicht und ihre Kargheit besticht. Auch die Regisseurin, die aus dem Off einen Kommentar einspricht, der von dem Ankommen in dieser einstigen Heimat und dem Wiederbegegnen mit alten Erinnerungen berichtet, scheint zwiegespalten zu sein, und changiert zwischen der Faszination für die Fantasiewelt der Mädchen und der Distanz, die einen als Erwachsenen befällt, der naturgemäß nicht mehr in die Kindheit zurückkann.

Dieses Gefühl der Wehmut erfüllt The One Who Runs Away Is the Ghost, dessen Titel auf eines jener Spiele anspielt, welches die beiden Mädchen erfinden. Der Geist, der durch die Gänge des Marktes und der Stadt streift, ist ebenso die Kamera wie auch die Filmemacherin selbst, welche scheinbar ihre eigene Befindlichkeit schildern oder sich dieser zumindest annähern will. Dies macht zugleich den Reiz dieses Filmes aus, verbindet er den Zuschauer doch mit einer eigenen Kindheit, der Heimat und den Erinnerungen, die damit verknüpft sind. Neben dem Einblick in die Kindheit gibt es einen faszinierenden Einblick in Shenzen, unterstrichen durch die schönen Bilder, die Lei findet.

Credits

OT: „The One Who Runs Away Is the Ghost“
Land: China, Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Qinyuan Lei
Drehbuch: Qinyuan Lei
Musik: Hainbach
Kamera: Julian Moser

Bilder

Trailer

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The One Who Runs Away Is the Ghost
Fazit
„The One Who Runs Away Is the Ghost“ ist eine Dokumentation über Kindheit und Heimat. Regisseurin Qinyuan Lei beschreibt das Ankommen in einer Stadt, die ihre zugleich fremd und vertraut zu sein scheint und findet dabei einen Ton, der zwischen Distanz und Melancholie changiert.
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