Leben über Kreuz
Annette Frier (rechts) in dem TV-Drama "Leben über Kreuz" (© ZDF/Arte/Guido Engels)

Annette Frier [Interview]

Die beiden Paare Caren (Christine Hecke) und Sebastian Blumberg (Benjamin Sadler) sowie Birthe (Annette Frier) und Jan Kempe (André Szymanski) haben in dem Film Leben über Kreuz eines gemein: Sie brauchen dringend eine Niere. Leider sind Spenden innerhalb der beiden Paare nicht möglich, da sie nicht kompatibel sind. Doch dann erfahren sie voneinander und könnten die Lösung für das Problem sein: Die zwei Paare spenden sich einfach gegenseitig eine Niere. Nur hat die Sache einen Haken, müssen sie doch der Ethikkommission beweisen, dass sie befreundet sind. Nicht ganz einfach, da sie sich überhaupt nicht kennen. Anlässlich der Ausstrahlung des TV-Dramas am 9. Mai 2022 um 20.15 Uhr im ZDF unterhalten wir uns mit Annette Frier über Organspenden und das Wesen guter Freundschaften.

Was hat Sie an „Leben über Kreuz“ gereizt, dass Sie den Film drehen wollten?

Ich fand es interessant, einen ganz klaren Plot zu haben, nämlich diesen Krankheitsverlauf und diese Spenden über Kreuz. Ich konnte gar nicht glauben, dass es diese Art der Organspende tatsächlich gibt. Es gibt sie nicht oft, aber sie kommt vor. Einem Freund unserer Regisseurin, der ist Arzt, ist das schon einmal passiert. Da kommt auch die ganze Geschichte her. Der Ablauf des Films war schon da, den musste sich niemand erfinden. Abgetrennt von dieser Geschichte hat „Leben über Kreuz“ aber noch sehr viel mehr zu erzählen. Wir haben eine alte Ehe. Wir haben Menschen mit Kommunikationsproblemen. Und das haben wir eingebaut innerhalb dieser Wahnsinnsdramaturgie, die mit dem Verlauf der Krankheit einhergeht. Das war für mich als Schauspielerin ein großes Geschenk, da mitmachen zu dürfen.

Der Film endet mit der erschreckenden Zahl, dass allein in Deutschland mehr als 10.000 Menschen auf eine Organspende warten. In den letzten Jahren gab es zwar zahlreiche Aufrufe an die Bevölkerung, aber die meisten wollen sich nicht mit dem Thema befassen. Warum fällt uns das so schwer?

Da gibt es nicht die eine Antwort. Ich habe mit sehr vielen Leuten darüber geredet und die verschiedensten Antworten gehört. Manchen geht es um die Totenruhe. Andere haben religiöse Gründe oder ethische Bedenken. Es gibt aber auch Leute mit Sachargumenten. Da war wirklich ein Füllhorn. Es ist auch eine sehr intime Frage, die oft sehr stark mit Emotionen verbunden ist. Das Thema Tod ist allgemein ein sehr schwieriges. Und das ist etwas, das wir ganz klar akzeptieren müssen. Ich verstehe sehr gut, warum das für die Menschen aus den verschiedensten Gründen problematisch ist. Deswegen ist unser Film auch kein Aufruf: „Leute, ihr müsst das machen!“ Ich selbst habe einen Organspender-Ausweis, weil für mich klar war: Was ich mir für meine liebsten Menschen wünschen würde, dass sie im Fall einer Krankheit ein Organ bekommen können, das muss ich auch bereit sein selbst zu geben.

Hatten Sie sich schon vorher mit dem Thema befasst oder kam das durch den Film?

Ich habe vor einigen Jahren den Film „Zwei Leben. Eine Hoffnung“ gedreht, der sich auch um das Thema Organspende dreht, und habe mich damals schon intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Seither habe ich auch einen Organspender-Ausweis.

In „Leben über Kreuz“ erzählen Sie von dem Spezialfall Überkreuz-Spende, also dass man gezielt einem Menschen ein Organ spendet und dafür ein anderes Organ erhält. Intuitiv könnte man meinen, dass jeder über sein eigenes Organ verfügen kann, wie er will. Ihr Film zeigt jedoch, dass das mit größeren Hürden verbunden ist. Wie stehen Sie dazu?

Ich finde es richtig, dass eine Ethikkommission Richtlinien aufgestellt hat. Die finde ich wahnsinnig sinnvoll. Das ist eine Gemeinwohlfrage. Und das wird immer komplizierter, wenn jemand das für sich allein entscheiden will. Bis zu einem gewissen Punkt kann man relativ problemlos spenden, innerhalb der eigenen Familie. Es gibt also Möglichkeiten zu spenden, wenn wir spenden wollen. Diese Überkreuz-Spende kommt dann zum Einsatz, wenn innerhalb der Familie kein passender Spender da ist. Dafür braucht es aber Regeln, auch um Organhandel vorzubeugen. Die Kommission ist daher ein Kontrollmechanismus.

Was ich mich während des Films gefragt habe: Was ist seltsamer, einem anderen Menschen ein Organ zu geben oder ein fremdes Organ in sich zu haben?

Gute Frage. Da ich weder das eine, noch das andere selbst erlebt habe, kann ich darauf keine Antwort geben. Aber es ist auf jeden Fall ein sehr spannendes Thema, wie ich auch immer wieder festgestellt habe, wenn ich mich mit Leuten darüber unterhalte.

In „Leben über Kreuz“ sprechen Sie auch das Thema Freundschaft an, da die beiden Paare vor der Kommission beweisen müssen, dass sie befreundet sind. Kann man so etwas überhaupt beweisen? In dem Film wird diese Frage auch selbst gestellt.

Stimmt, diese Frage wird gestellt, aber nicht wirklich beantwortet. Ich glaube auch nicht, dass man das wirklich beweisen kann. Ich glaube aber trotzdem daran, dass es manchmal eine Wahrheit gibt in einem Raum, die sichtbar ist oder spürbar ist. Die Wahrheit einer Begegnung. Du fühlst, wie zwei Menschen zueinander stehen.

Leben über Kreuz
Auf der Suche nach Freundschaft und einer rettenden Niere: Sebastian (Benjamin Sadler) und Caren Blumberg (Christina Hecke) mit Jan (André Szymanski) und Birthe Kempe (Annette Frier) (© ZDF/Guido Engels)

Damit einher geht eine Frage: Was heißt das eigentlich, miteinander befreundet zu sein? Was macht Freundschaft aus?

Für mich macht Freundschaft extrem viel Lebenshilfe aus. Das Wesen einer Gemeinschaft ist, im Alltag nicht allein zu sein. Bei einer Freundschaft kommt noch hinzu, dass man im besten Fall miteinander vertraut ist. Echte Freundschaft geht nicht ohne Vertrauen. Das ist eine ganz wichtige Voraussetzung. Es kann nichts Schöneres geben als Vertrauen: Vertrauen in sich selbst, aber auch Vertrauen in andere Menschen. In dem Moment kannst du Ängste ausschalten. Du kannst Hoffnungen entstehen lassen. Du kannst Humor zulassen. Freundschaft bedeutet für mich, dass wir uns zusammen besser fühlen.

Ich habe mehrfach gelesen, dass feste Freundschaften umso wichtiger werden, je älter man wird, dass es gleichzeitig aber auch umso schwieriger wird, diese zu behalten. Würden Sie dem zustimmen?

Bei mir ist es so, dass ich im Zuge von Corona meine Freundschaften noch einmal sehr polieren konnte. Die sind dadurch nicht schwächer geworden, sondern im Gegenteil noch einmal intensiver, da diese Zeit uns auch wieder vor Augen geführt hat, wie wichtig diese Bindungen sind. Persönlich finde ich das mit der Freundschaft gar nicht so schwer. Es ist wie bei vielen Dingen: Freundschaft ist wie ein Pflänzchen, das viel Wasser und Zuwendung braucht. Wenn man das nicht kann oder will, wird es schwierig. Dann kann so eine Freundschaft auch schon mal eingehen, um im Bild zu bleiben. Dann sollte sie es vielleicht sogar, da bin ich ganz fatalistisch. Man kann nicht auf Biegen und Brechen eine Freundschaft am Leben erhalten. Aber ich stimme Ihnen zu, dass Freundschaften mit den Jahren immer wichtiger werden.

Wie pflegt man überhaupt eine Beziehung, egal ob nun Freundschaft oder Partnerschaft? Bei den Paaren im Film kriselt es inzwischen ja auch.

Ja, das stimmt. Eine wirkliche Antwort darauf habe ich aber nicht. Hätte ich eine, wäre ich längst ins Ratgebergeschäft eingestiegen und hätte damit ein Vermögen gemacht. Das kann ich Ihnen versichern. Im Ernst, ich kann da nur die üblichen Standardsätze mit Ihnen teilen, dass man sich darum kümmern muss. Dass es auch den Willen braucht und die Lust sich darum zu kümmern. Man muss sich Zeit nehmen dafür und sich auch gönnen, diese Zeit zu nehmen. Wenn man das einfach für selbstverständlich ist, ist es kein Wunder, wenn man irgendwann feststellt: Irgendwie macht das alles keinen Spaß mehr. Ich vergleiche das mit einem Raum. Den musst du inszenieren. Den musst du schmücken. Wenn du das nicht tust, dann wird es irgendwann einfach fad.

Gerade in jungen Jahren besteht Freundschaft auch darin, sich einen Alltag zu teilen. Geht das überhaupt als Schauspielerin, wenn Sie immer wieder fort sind und drehen?

Das ist das Tolle an der Jugend: Man probiert alles mal aus. Man hat mal die eine Clique, mal die andere Clique. Das war bei mir auch so, ich habe mit den verschiedensten Leuten abgehangen. In dem Alter sieht man das auch noch nicht so streng mit den Verabredungen. Ich sage das auch immer wieder meinen Kindern, dass es nicht schlimm ist, wenn man jemanden irgendwann weniger sieht. Man begegnet einfach so vielen Menschen in seinem Leben. Das muss nicht für die Ewigkeit sein. Irgendwann kommt man in ein Alter, in dem sich das ändert. Das hat auch viel mit Erfahrung zu tun und mit Verantwortung. Du weißt irgendwann einfach, für wen du Verantwortung übernommen hast. Das Tolle an meinem Beruf ist, dass du viele Freundschaften hast, für die du keine Verantwortung übernehmen musst. Du machst bei der Schauspielerei viele sehr intensive Erfahrungen, wenn du zusammen drehst. Bei „Leben über Kreuz“ durfte ich mit Christina Hecke, Benjamin Sadler und André Szymanski drehen. Das sind ganz tolle Leute, alle drei. Und wir treffen uns, wenn wir mal in derselben Stadt sind. Christina und Benjamin melden sich, wenn sie in Köln sind. Vor Kurzem habe ich André angerufen, als ich in Hamburg war. Eines der schönsten Attribute meines Berufes ist, dass man sich immer wieder trifft. Wir müssen uns aber nicht alle zwei Monate gegenseitig versichern, dass wir uns freuen, wenn wir uns wiedersehen. Und das ist ein echtes Geschenk.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Annette Frier wurde am 22. Januar 1974 in Köln geboren. Nach dem Abitur studierte sie klassisches Schauspiel an der Schauspielschule der Keller und arbeitete als Theaterschauspielerin in Köln. Gleichzeitig war sie schon früh im Fernsehen zu sehen. So spielte sie in 63 Folgen der Hinter Gittern – Der Frauenknast war Co-Moderatorin der Wochenshow und war auch in der Schillerstraße Stammgast. Bekannt wurde sie zudem durch die Serie Danni Lowinski  sowie die ZDF-Filmreihe Ella Schön in der Rolle der gleichnamigen autistischen Rechtsreferendarin.



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