Ende August, Anfang September Das Ende der Unschuld Fin août, début septembre
© 1999 Pathé Films/IMA Films

Das Ende der Unschuld

Ende August, Anfang September Das Ende der Unschuld Fin août, début septembre
„Das Ende der Unschuld“ // Deutschland-Start: 7. Oktober 1999 (Kino)

Inhalt / Kritik

Viele Jahre waren Gabriel (Mathieu Amalric) und Jenny (Jeanne Balibar) ein Paar. Doch das ist vorbei. Während Jenny die Beziehung noch nicht ganz aufgegeben hat, ist Gabriel längst mit Anne (Virginie Ledoyen) zusammen. Der Verkauf der gemeinsamen Wohnung ist auch schon geplant, selbst wenn der sich als etwas zäh erweist. Sein Freund Adrien (François Cluzet) hat derweil ganz andere Sorgen. So stieß der aktuelle Roman des Schriftstellers auf eine wenig positive Resonanz, das Buch verkauft sich bescheiden. Entsprechend schwierig ist seine finanzielle Situation, was ihn immer wieder an sich zweifeln lässt. Hinzu kommen gesundheitliche Probleme, die ihn plagen. Einziger Lichtblick ist seine Freundin Vera (Mia Hansen-Løve). Von der darf aber niemand etwas wissen, ist sie doch erst 15 Jahre alt …

Abschnitte aus mehreren Leben

2018 nahm uns Olivier Assayas in Zwischen den Zeilen mit in die Welt der Literatur, erzählte von kreativen Defiziten, wirtschaftlichen Nöten und den Schwierigkeiten, sich an eine sich verändernde Welt anzupassen. Dass dem französischen Regisseur und Drehbuchautor dieser Bereich am Herzen liegt, bewies er bereits zwanzig Jahre zuvor. So ist Das Ende der Unschuld eine recht bittere Abrechnung mit dem Literaturbetrieb. Vor allem zum Ende wird Adrien gnadenlos von seinem Verlag ausgenutzt. Die künstlerische Integrität spielt keine Rolle, Hauptsache die Kohle stimmt. Aber auch am Publikum äußert er Kritik, wenn äußere Faktoren bestimmend sind, nicht die Qualität des Textes. Lediglich Gabriel hält seinem Freund die Treue, ist daran interessiert, was der wirklich mit seiner Arbeit ausdrücken will, anstatt sich in Floskeln zu retten.

Das ist aber nur eines der vielen Themen, die Assayas hier anschneidet. Das Ende der Unschuld, alternativ auch unter dem Titel Ende August, Anfang September bekannt, ist eine Art Slice-of-Life-Episodenfilm, der in mehreren Abschnitten aus dem Leben der beiden Freunde erzählt, sowie der Frauen in ihren jeweiligen Leben. Chronologisch bauen diese Abschnitte aufeinander auf. Gleichzeitig ist die Erzählweise des Drama elliptisch. Manche Ereignisse werden nicht gezeigt, sondern nur nachträglich beschrieben. Wenn Gabriel irgendwann einen Anruf erhält und damit eine traurige Nachricht, wird erst einmal nichts gesagt. Wir sehen es nur an seinen Reaktionen, was Sache ist. Erst später wird er die Kraft finden darüber zu reden.

Sehnsucht nach einem Neuanfang

Nach dem Prinzip folgt der Film allgemein, wechselt zwischen Schweigen und Beichten, zwischen Erleben und Erinnern. Auf diese Weise ist Das Ende der Unschuld voller Details, aber ohne einen nennenswerten roten Faden, an dem sich das Publikum orientieren könnte. Entsprechend widersprüchlich sind deshalb auch die Reaktionen auf den Film. Während die einen die tatsächliche Geschichte vermissen, ein Thema, das die einzelnen Abschnitte zusammenhält, da schätzen andere die impressionistische Vorgehensweise von Assayas. Dabei dreht sich viel um die Suche nach dem Glück, um den Umgang mit der Vergangenheit und der Sehnsucht nach einem Neuanfang. Wie bei seinem zehn Jahre später veröffentlichten Ende des Sommers folgen wir Menschen, die sich in einer Übergangsphase befinden und noch gar nicht so genau wissen, was danach kommen soll.

Zwischendurch gibt es zwar immer mal wieder ausgelassene Momente, auch durch körperliche Anziehungskraft bedingt. Doch das ist kein Dauerzustand, so wie alles in Das Ende der Unschuld fragmentarisch und flüchtig bleibt. Der französische Titel Fin août, début septembre beschreibt dann auch schön die Stimmung, wenn der Sommer langsam vorbei ist und der Herbst sich nähert. Nichts ist hier von Bestand, weder beruflich noch persönlich. Das Drama ist die Geschichte von mehreren Leuten, die in der sich verändernden Welt bewegen, immer wieder nach hinten und nach vorne schauen und dabei von einer Melancholie ergriffen sind, aus der sie nicht so recht wieder herausfinden. Da ist das Gespür für das Verlorene, während nicht klar ist, was dem folgt. Die Suche nach einem Sinn, sie hat kein Ziel vor Augen, das wirklich in die Zukunft führen würde.

Credits

OT: „Fin août, début septembre“
AT: „Ende August, Anfang September“
Land: Frankreich
Jahr: 1998
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas
Musik: Ali Farka Touré, Elli Medeiros
Kamera: Denis Lenoir
Besetzung: Mathieu Amalric, Virginie Ledoyen, François Cluzet, Jeanne Balibar, Alex Descas, Arsinée Khanjian, Nathalie Richard, Mia Hansen-Løve

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Das Ende der Unschuld
Fazit
„Das Ende der Unschuld“ ist ein elliptisch erzähltes, impressionistisches Drama um Menschen, die nicht so recht wissen, wie es weitergehen soll. Da ist immer die Melancholie des Verlustes, verbunden mit einer Ungewissheit. Selbst die Momente des Glücks sind flüchtig und können mit dem nächsten Schnitt schon wieder vorbei sein.
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