The Tender Bar Amazon Prime Video
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The Tender Bar

Inhalt / Kritik

The Tender Bar Amazon Prime Video
„The Tender Bar“ // Deutschland-Start: 7. Januar 2022 (Amazon Prime Video)

Einfach hatte es J.R. Moehringer (Daniel Ranieri) nie. Dass sein Vater abgehauen ist kurz nach seiner Geburt, prägt ihn auch Jahre später. Dabei hat er eine Familie, die sich um ihn kümmert, allen voran seine Mutter Dorothy (Lily Rabe), die ihm unbedingt später einmal den Weg zu einer Universität ermöglichen will. Auch seine Großeltern (Christopher Lloyd, Sondra James), die mit ihnen unter einem Dach leben, sind für ihn da, mal mehr, mal weniger. Doch vor allem sein Onkel Charlie (Ben Affleck), der eine Bar besitzt, wird für ihn zu einem Ansprechpartner, da sein Vater nichts von ihm wissen will und nicht einmal Unterhalt zahlt. Nachdem er sich einigermaßen durch die Schulzeit gekämpft hat, steht J.R. (jetzt: Tye Sheridan) vor der schwierigen Frage, wie es weitergehen soll in seinem Leben. Sein Traum wäre es zu schreiben, am liebsten für eine große Zeitung. Aber der Weg dorthin ist steinig und erfordert die Unterstützung seiner ganzen Familie …

Zu früh gefreut

Während die schauspielerische Karriere George Clooneys von vielen Höhen geprägt war, sind seine Bemühungen, als Regisseur Fuß zu fassen, eher von gemischtem Erfolg. Seine ersten Werke waren durchaus erfolgreich, stießen bei den Kritiken auf positive Resonanz. Zuletzt waren die Reaktionen aber eher verhalten. Ob die Vorstadtsatire Suburbicon oder das Science-Fiction-Drama The Midnight Sky, richtig viele Fans fand er damit nicht. Und auch sein neuestes Werk The Tender Bar, die nunmehr achte Regiearbeit des Künstlers, scheint an der Flaute nichts zu ändern. Die Kritiken sind recht durchwachsen. Ein größerer Kinoerfolg wird ohnehin nicht draus, da der Film – von einer kurzen Stippvisite in die Lichtspielhäuser – eine reine Online-Angelegenheit ist. Dieses Mal landete sein Film bei Amazon Prime Video.

Dabei waren die Vorzeichen eigentlich ganz gut. So basiert The Tender Bar auf den Memoiren des Journalisten J.R. Moehringer, der einen Pulitzer Preis erhielt und auch an anderen Biografien beteiligt war. Wenn also jemand in der Lage ist, ein Leben spannend darzustellen, dann wohl er. Es mag auch durchaus sein, dass das 2005 veröffentlichte Buch dieses tut. Beim Film jedoch fragt man sich nach einem vielversprechenden Anfang die ganze Zeit, was genau Clooney in dem Werk gesehen haben mag, dass er dieses unbedingt verfilmen wollte. Vielleicht ist es aber auch Drehbuchautor William Monahan (Departed – Unter Feinden), der bei der Adaption der Vorlage nicht gesehen hat, was diese ausgezeichnet hat. Oder es ist ihm schlicht nicht gelungen, die geschriebenen Worte einer Erinnerung in beschreibende Worte der Gegenwart umzuwandeln.

Auf der Suche nach der Geschichte

So oder so: Es wird nie ganz klar, was genau an dem hier erzählten Leben so besonders und erzählenswert sein soll. Clooney versucht es daran aufzuziehen, dass Moehringer ohne Vaterfigur aufwuchs und sein Leben damit verbrachte, diese Lücke anderweitig schließen zu wollen. Das zweite große Trauma in The Tender Bar: Der Protagonist verliebt sich in seine Kommilitonin Sidney (Briana Middleton). Die mag ihn zwar, will mit ihm befreundet sein – aber eben nicht mehr. Immer wieder wird er es trotzdem versuchen, bei ihr zu landen und sie zu erobern, ohne Rücksicht auf den etwaigen Verlust seiner Würde. So etwas kann passieren. Vielen passiert es. Bei einem Biopic stellt sich aber schon die Frage: Inwiefern ist das relevant für die beschriebene Person? Wie hat ihn das als Journalist geprägt?

Irgendwie scheint sich dafür aber niemand zu interessieren. Natürlich muss nicht jedes Leben etwas Besonderes sein, selbst dann nicht, wenn die Person etwas in ihrem Leben erreicht hat. Coming-of-Age-Filme – und ein solcher ist das Drama ohne Zweifel – leben oft ja genau davon, dass das Publikum sich in den jungen Protagonisten und Protagonistinnen wiederfinden kann. Das Eigenartige an The Tender Bar ist aber, wie der Film darauf besteht, das Banale aufblasen zu wollen, während die eigentlich interessanten Faktoren ignoriert werden. Über J.R.s Zeit bei der New York Times erfährt man praktisch nichts. Auch nicht über die Geschichten, die er für sie schreibt. Verraten wird lediglich, dass er sich bei diesen wohl irgendwie von den Menschen in der titelgebenden Bar inspirieren ließ, seinem zweiten Zuhause.

Ein warmer grober Klotz

Einige schöne Momente gibt es in dem seltsam mäandernden Drama dabei aber schon. Viele von diesen gehen dabei auf das Konto von Ben Affleck, der nicht zu Unrecht eine Golden-Globe-Nominierung als bester Nebendarsteller erhalten hat. Er bringt eine Wärme in die Geschichte, welche dem Film gut tut. Ähnlich zu Good Will Hunting seinerzeit verkörpert er einen Menschen, der etwas gröber angelegt ist, aber zu einer wertvollen Stütze wird – allein schon durch seinen unerschütterlichen Glauben. Ansonsten fällt The Tender Bar schauspielerisch weniger auf. Christopher Lloyd (Zurück in die Zukunft) darf als verschrobener Opa noch mal sein komödiantisches Talent beweisen. Seine Figur bleibt aber wie vieles hier ohne echte Relevanz. Allgemein bleibt erstaunlich wenig zurück: Wo andere Biopics Lust darauf machen, die Werke der Porträtierten (wieder) zu entdecken, da verpasst es dieses hier, Moehringer zu einem Charakter auszuarbeiten, den man weiter kennenlernen möchte.

Credits

OT: „The Tender Bar“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: George Clooney
Drehbuch: William Monahan
Musik: Dara Taylor
Kamera: Martin Ruhe
Besetzung: Tye Sheridan, Daniel Ranieri, Lily Rabe, Ben Affleck, Christopher Lloyd, Sondra James, Briana Middleton

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Golden Globes 2022 Bester Nebendarsteller Ben Affleck Nominierung

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„The Tender Bar“ erzählt von der Kindheit und den Jugendjahren des späteren Pulitzer-Preis-Gewinners J.R. Moehringer. Dabei schwankt der Film zwischen dem Banalen und dem Besonderen, schafft es einfach nicht, die Relevanz der Ereignisse wirklich herauszuarbeiten. Der Auftritt von Ben Affleck als unterstützendem Onkel ist sehenswert. Davon abgesehen wird nie klar, was an der Geschichte jetzt unbedingt erzählenswert gewesen sein soll.
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