In dem auf zahlreichen namhaften Festivals gezeigten Pleasure spielt Sofia Kappel die junge Schwedin Linnéa, die nach Los Angeles geht, um dort unter dem Künstlernamen Bella Karriere als Porno-Darstellerin zu machen. Dabei findet sie schnell Anklang und bekommt erste Engagements. Gleichzeitig stößt sie in dem harten Geschäft auch immer wieder an ihre Grenzen. Zum Kinostart des Dramas am 13. Januar 2022 haben wir uns mit der Nachwuchsschauspielerin über ihre Rolle, die Herausforderungen beim Dreh und die Bedingungen an Pornosets unterhalten.

 

Könntest du uns ein bisschen über dich erzählen und wie du zu Pleasure gekommen bist? Das war schließlich dein erster Film.

Ich bin nur per Zufall zu dem Projekt gekommen. Ninja Thyberg, die Regisseurin von Pleasure, hatte schon anderthalb Jahre nach jemandem gesucht, der die Hauptrolle übernehmen könnte. Sie hat Tausende von Mädchen getroffen, war aber nie zufrieden. Also schickte sie eine Beschreibung der Figur an Freunde, von denen sie wusste, dass sie sehr viele Leute kennen. Es war also ein gemeinsamer Freund, durch den ich dazugestoßen bin. Er war der Ansicht, dass ich das hatte, wonach sie suchte. Zuerst wollte ich nicht mitmachen, weil ich damals in Therapie war und Situationen vermeiden wollte, in denen ich mich unwohl fühle. Ninja schaffte es aber, dass ich mich beim Spielen gut fühle. Also machte ich weiter und war bei den Vorsprechen dabei, bis sie irgendwann bei mir anrief und sagte, dass ich die Rolle hätte.

Wirst du dann auch weiter schauspielern?

Ja. Ich habe tatsächlich seither bei zwei weiteren Projekten in Schweden mitgemacht. Aber man wird sehen, was die Zukunft so bringt.

Und warum hat ausgerechnet Pleasure dich dazu gebracht zu schauspielern? Was hat dich daran interessiert?

Ich könnte da jetzt wahrscheinlich tausend Gründe aufzählen. Einer der wichtigsten war für mich, dass es eine große Herausforderung für mich war. Ich entblöße mich da auf der großen Leinwand, was mich viel Überwindung gekostet hat. Ich fand aber auch, dass es ein wirklich wichtiges Projekt ist. Wenn es einen Film wie Pleasure gegeben hätte, als ich jung war, hätte das einen großen Unterschied bei mir gemacht, wie ich mich selbst sehe, wie ich andere sehe, aber auch mein Verhältnis zu Sex und wie ich mich in intimen Beziehungen fühle. Deswegen fand ich es wichtig, den Film für eine jüngere Generation zu drehen. Außerdem ist Porno ein großer Teil unserer Gesellschaft und unserer Kultur und beeinflusst uns alle. Wir konsumieren Unmengen an Pornos, reden aber nicht darüber. Schweden ist zwar ein sehr fortschrittliches Land. Aber auch bei uns wird dann nur ein wenig drumherum gesprochen, ohne zum Kern vorzudringen und zu den Menschen, die da vor der Kamera stehen. Und das ist ein Problem, weil wir uns nie bewusst werden, wie wir Pornos konsumieren und wie man diese besser machen könnte. Wir wollten mit Pleasure weg von dem Schwarzweiß-Denken und mit Bella eine komplexere Figur erschaffen, die nicht unserem Bild einer Pornoschauspielerin entspricht. Wir wollten die verschiedenen Seiten dieser Industrie zeigen und auch der Menschen, die dort arbeiten. Klar hast du auch irgendwelche Verrückten, die Pornos machen. Die hast du aber genauso im Supermarkt.

Warum dreht Bella überhaupt Pornos? Sie wird ja nicht dazu gezwungen und hätte andere Optionen gehabt.

Das ist schwer zu beantworten, weil es in dem Film nicht darum geht zu sagen, warum sie Pornos drehen will. Als ich nach Los Angeles gegangen bin und an Porno-Sets war, wollte ich natürlich auch wissen, warum sie alle Pornos drehen und nicht etwas anderes machen. Aber diese Frage ist problematisch, weil du damit automatisch implizierst, dass da etwas falsch ist. Du suchst geradezu nach einem Problem, das erklären könnte, weshalb jemand Pornos dreht. Bella sagt an einer Stelle scherzhaft, dass sie von ihrem Vater missbraucht wurde, obwohl sie das nicht ist, weil das eines der Klischees ist. Letztendlich ist das eine ganz individuelle Entscheidung. Es gibt ebenso viele Antworten auf die Frage, wie es Menschen gibt. Bei Bella kommt hinzu, dass sie nicht einfach nur Pornos machen wollte. Sie wollte ein wirklicher Porno-Star werden, die beste der besten.

Dann kommen wir zum Titel Pleasure. Bella sagt an einer Stelle, dass sie das sucht, Pleasure, Vergnügen. Hattest du bei deinen Gesprächen am Porno-Set das Gefühl, dass die Leute bei der Arbeit Spaß haben? Im Film sieht das eher nicht so aus.

Auch das ist vermutlich individuell ganz unterschiedlich. Ich hatte schon den Eindruck, dass ihnen das Spaß macht, im Großen und Ganzen. Wobei es sicher auch Punkte gibt, die keinen Spaß machen. So ist es ja auch bei Bella. Es gibt Sachen, die sie genießt. Andere Sachen hingegen gar nicht. Das ist ein Spektrum wie bei anderen Berufen auch. Für viele ist es auch nicht mehr als ein Beruf. Letzten Endes ist es auch so, dass bei Pornos ja nur das produziert wird, was die Leute wirklich sehen wollen.

Und wie war das dann für dich, solche Szenen zu spielen? Pleasure ist zum Teil ja schon sehr intensiv bei den Darstellungen. Und auch sehr explizit. Das stelle ich mir ziemlich schwierig vor.

Das war es auch. Für mich war alles schwierig, weil ich keinerlei Schauspielerfahrung hatte. Aber ich habe nie etwas getan, das ich nicht tun wollte. Wenn du die erste Szene nimmst, bei der es eine Großaufnahme meiner Vagina gibt: Das ist gar nicht meine, weil ich mich geweigert habe das zu drehen. Es gab letztendlich auch kaum Szenen, in denen ich tatsächlich nackt war. Das sah oft nur so aus. Das waren oft Filmtricks. Mir half auch, dass die anderen am Set alles echte Porno-Schauspieler waren. Dadurch hatte das ein bisschen vom Besuch beim Frauenarzt. Klar ist das irgendwie unangenehm. Aber du weiß, dass die das alles schon viele Male gesehen haben und dass das für sie nicht die Bedeutung hat. Dadurch schämst du dich nicht, wenn du dich vor ihnen ausziehst. Und was die Gewaltszenen angeht: Die waren alle genau choreografiert und sehr technisch. Es war also nicht so, dass mir jemals etwas angetan oder weh getan wurde.

Wenn man Pornos und reguläre Filme vergleicht, dann sind da viele Gemeinsamkeiten: Es gibt Regisseure, es gibt Drehbücher, es gibt Settings, es gibt Schauspieler und Schauspielerinnen. Bella bezeichnet sich selbst auch an einer Stelle als Darstellerin. Was sind die Unterschiede zwischen Pornos und anderen Filmen? Sind Pornos nur ein Genre oder etwas ganz anderes?

Für die Porno-Darsteller, die ich getroffen habe, gibt es keine großen Unterschiede, abgesehen davon, dass sie wirklichen Sex haben. Du hast beim Porno keine Retakes, dass du Szenen also mehrfach drehst. Wenn Bella sagt, dass sie eine Darstellerin ist, dann bezieht sich das darauf, dass sie beobachtet wird. 95 Prozent aller Pornos werden von Männern für Männer gemacht. Für sie geht es also nicht darum, dass sie mit jemandem gerade Sex hat, sondern dass da draußen jemand ist, der ihr zusieht. Wenn sie am Set ist, dann nicht als privater Mensch, sondern als Darstellerin, die sich sehr bewusst ist, was sie da tut und auf diese Weise ein Stück weit die Kontrolle übernimmt. Wenn wir Pornos schauen, dann sehen wir nicht mehr den Menschen, obwohl sie das noch immer sind. Bella ist abseits vom Set ein kompletter Mensch und nicht zwangsläufig das, was sie vor der Kamera vorgibt zu sein. Das macht aus ihr eine Darstellerin.

Du hast gerade gesagt, dass es vor allem Männer sind, die Pornos konsumieren. Woran liegt das? Warum schauen nicht mehr Frauen Pornos?

Ich habe da natürlich keine Statistiken oder so. Und ich bin mir sicher, dass es auch viele Frauen gibt, die sich Pornos anschauen. Vermutlich mehr, als sie zugeben wollen. Nur eben weniger als Männer. Warum das so ist? Vermutlich gibt es da verschiedene Gründe. Es könnte damit zusammenhängen, dass Pornos eben für Männer gemacht werden und wir alles durch die Augen von Männern sehen. Es gibt dadurch einfach nicht so viele Pornos, die für Frauen gemacht werden. Vielleicht wollen Frauen auch einfach nicht für Pornos bezahlen, so wie sie nicht für Sex oder Stripper bezahlen. Und wenn sie nicht bezahlen wollen, dann sind sie als Zielgruppe uninteressant. Aber wie gesagt, da gibt es vermutlich ganz viele Gründe, die zusammenkommen.

Du hast am Anfang gesagt, dass du hoffst, mit dem Film dazu beitragen zu können, dass Pornos besser gemacht werden können. Könntest du das vertiefen? Wie sähe so eine Verbesserung aus?

Ich denke, dass die Arbeitsbedingungen in der Pornoindustrie allgemein verbessert werden müssten, für alle. Die Darsteller und Darstellerinnen brauchen mehr Mitspracherechte bei dem, was sie tun. Wobei es da natürlich große Schwankungen gibt. Bei den Vorbereitungen wurde ich nur zu den guten Pornosets eingeladen. Bei anderen wäre ich gar nicht reingekommen, weil da vieles nicht ganz sauber ist. So aber waren das schon die besseren Bedingungen. Einmal war im beim Dreh eines Bondage-Gangbangs dabei. Und es war die Frau, die bestimmen durfte, wie was gemacht wurde. Das hat mir imponiert. Ich habe auch das Gefühl, dass da insgesamt Fortschritte gemacht werden. Am Ende sind Pornos aber auch immer ein Spiegel der Gesellschaft. Wenn eine Gesellschaft frauenfeindlich ist und rassistisch, spiegelt sich das auch in den Pornos wieder, die sie hervorbringt. Wenn wir bessere Pornos wollen, müssen wir also auch an der Gesellschaft als solchen arbeiten.

Vielen Dank für das Gespräch!



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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