Inhalt / Kritik

Uta

„Uta“ // Deutschland-Start: 7. Oktober 2021 (Kino)

An biografischen Dokumentarfilmen, die irgendwelche Künstler und Künstlerinnen zum Inhalt haben, mangelt es nicht gerade. Je größer der Star ist, umso wahrscheinlicher ist, dass sich jemand findet, der diesem Star mit der Kamera folgt, immer mit dem Vorsatz, ganz neue Einblicke zu gewähren. Das geht dann meistens mit irgendwelchen Superlativen einher. Werke wie Suzi Q sind mehr nostalgisch gefärbte Idolverehrung als tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Menschen hinter der Kunst. Da fehlt dann oft der Mut, vielleicht auch das Interesse, um mal ein bisschen hinter die Kulissen zu schauen. Den ganzen Glitzer und Glamour abzuschütteln und etwas genauer hinzusehen.

Die Straße als Bühne

Uta ist das genaue Gegenteil davon. Zugeben, als Starporträt wäre das auch nicht wirklich durchgegangen. Die Protagonistin ist kein internationaler Star, der an der Spitze der Charts steht, unzählige Preise einheimst und durch die ganze Welt tourt. Ihre Bühne ist die Straße. Das Publikum Leute, die zufällig an ihr vorbeigehen und – wenn es gut läuft – vielleicht den einen oder anderen Euro da lassen. Auch optisch hat sie wenig mit den Porträtierten anderer Dokumentarfilme gemeinsam. 70 Jahre ist sie inzwischen, hat kaum noch Haare. Auch ihr Augenlicht hat sie mehr oder weniger verloren. Wer an ihr vorbeigeht, wird in ihr womöglich nur eine dieser vielen verrückten, etwas verkommenen Alten sehen, die nichts in ihrem Leben auf die Reihe bekommen hat.

Auch Mario Schneider kam eines Tages an ihr vorbei. Doch er blieb, hörte ihr zu. Uta, der Sängerin. Uta, dem Menschen. Und er kam wieder, mit einer Kamera bewaffnet, um auch anderen die Möglichkeit zu geben, der alten Frau zuzuhören. Das lohnt sich auch tatsächlich. Die Protagonistin hat jede Menge zu erzählen. Nicht alles davon ist schön. Tatsächlich hat sie in ihrem Leben eine Reihe von Schicksalsschlägen verkraften müssen. Wenn sie beispielsweise von dem Missbrauch in ihrer Familie erzählt, dann muss sich das Publikum auf richtig etwas gefasst machen. Die Geschichten sind die, wie man sie immer wieder hören muss, leider. Aber sie sind so lebendig erzählt, so voller Persönlichkeit, dass sie einem unweigerlich zu Herzen gehen.

Die reiche Persönlichkeit einer armen Frau

Überhaupt ist es die Persönlichkeit, welche den Beitrag vom DOK.fest München 2020 so sehens- und hörenswert macht. Die Musik spielt zwar in ihrem Leben eine große Rolle, im Film kommt das Thema aber eher kurz. Es gibt vergleichsweise wenige Szenen, in denen sie tatsächlich spielt und singt. Dafür erfahren wir umso mehr aus ihrer Vergangenheit. Wobei es in Uta nicht allein um das Private geht. Bei ihren Erinnerungen streift die Straßenmusikerin auch immer wieder gesellschaftliche Aspekte auf. So stand sie früher der DDR-Underground-Szene nahe, war damals wie heute ein kämpferischer Mensch, der offen das ansprach, was er sah.

Trotz der bitteren Erfahrungen, die sie gemacht hat und immer noch macht, trotz des offensichtlich fehlenden Geldes, ist Uta deshalb kein Film, der sich an dem Elend ergötzt. Hier gibt es keinen Armutstourismus, mit dem sich das Publikum für die Dauer eines Films auf die Niederungen einlässt, um danach ins eigene Leben zurückzukehren. Stattdessen ist ihre Geschichte auch die eines Triumphes. Selbst wenn sie nie den Durchbruch hatte und vieles schief ging, sie durchaus eigene Fehler machte: Sie gab nicht auf. Sie gab sich nicht auf, gab ihre Ideale nicht auf. Stattdessen geht sie noch immer offen durchs Leben, hat trotz des verlorenen Augenlichts einen scharfen Blick auf die Welt und die Menschen, denen sie begegnet – daheim oder auf der Straße.

Credits

OT: „Uta“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Mario Schneider
Drehbuch: Mario Schneider
Kamera: Friede Clausz

Bilder

Trailer

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Uta
„Uta“ begleitet eine nahezu blinde Straßenmusikerin und lässt diese aus ihrem Leben erzählen. Das beinhaltet viele Schicksalsschläge, aber auch Einblicke in die Gesellschaft. Dabei beeindruckt die Protagonistin durch ihre Persönlichkeit, ließ sich trotz allem nie unterkriegen.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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