Inhalt / Kritik

„Auf alles, was uns glücklich macht“ // Deutschland-Start: 14. Oktober 2021 (Kino)

Man könnte sie die „Viererbande“ nennen. Giulio (Pierfrancesco Favino), Gemma (Micaela Ramazzotti), Paolo (Kim Rossi Stuart) und Riccardo (Claudio Santamaria) sind mit 16 unzertrennlich. Die Welt liegt ihnen Anfang der 1980er zu Füßen, da können die Väter toben, wie sie wollen. Gemeinsam feiert das Quartett seine Jugend in einer verschlafenen italienischen Kleinstadt. Doch auch die Unbesiegbaren müssen erwachsen werden. Das Schicksal reißt sie auseinander, sie entwickeln sich in unterschiedliche Richtungen, manche gründen Familien. Beruflich geht es für den einen aufwärts, für den anderen abwärts und für die übrigen so lala. Aber selbst wenn sie sich jahrelang nicht sehen, führen sie der Zufall und die tiefe Freundschaft immer wieder zusammen. Sogar dann, als das Band zwischen Giulio, Gemma und Paolo auf die größtmögliche Zerreißprobe gestellt wird.

Zwischen Trinksprüchen und großen Momenten

In der Autowerkstatt des Vaters: Giulio hat den schrottreifen Mercedes 450 SL Cabrio in mühevoller Kleinarbeit auf Vordermann gebracht. Jetzt warten die vier Freunde auf den großen Moment. Giulio setzt sich hinters Steuer, die Zündung orgelt und orgelt, die Stimmung kippt, Giulio flucht und schreit. Doch dann, als er gerade aufgeben will, macht der Motor einen lauten Knall. Das feuerrote Traummobil springt endlich an. Raus geht’s auf einen Feldweg, jeder darf mal ans Steuer. Dann halten sie irgendwo in der Prärie, tanzen zum aktuellen Hit aus dem Autoradio und jubeln sich die Kehle heiser. Irgendwann kommt ein Radfahrer vorbei. Den bitten sie, ein Foto zu machen. Es wird das ikonografische Bild einer großen Freundschaft werden. Und dann stoßen sie zum ersten Mal mit dem Trinkspruch an, der dem deutschen Filmtitel der Namen gab: „Auf alles, was uns glücklich macht“.

Es sind solche Episoden, aus denen Regisseur Gabriele Muccino (Zuhause ist es am Schönsten) seine flott erzählte Tragikomödie zusammenstrickt. Über 40 Jahre erstreckt sich die Handlung, von den 1980ern bis heute. Aber die werden nicht im Detail nacherzählt, sondern stets verdichtet zu Wegmarken, an denen sich Weichen stellen: Hoffnungen gehen flöten, Ehen zerbrechen, Jobs werden gekündigt. Aber auch: Eine neue Liebe wartet am Horizont, Träume verwirklichen sich, zwei der Freunde sehen sich irgendwo wieder, frischen die Beziehung wieder auf. Es geht um die typischen Aufs und Abs in vier Biografien, die getragen sind von einem durchgehend optimistischen Grundton und auch in tieftraurigen Momenten nicht depressiv durchhängen. Und es geht um das spezifisch Italienische daran, um überschäumende Temperamente, lautstarke Auseinandersetzungen und ebenso leidenschaftliche Versöhnung. Der Film liebt die großen Dramen, schon ganz zu Beginn, als die Freunde unabsichtlich in eine Demo geraten und Riccardo den Querschläger aus einer Polizeipistole in den Bauch bekommt.

 

Die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe spielen hinein, aber Muccino und Drehbuch-Koautor Paolo Costella vermeiden den Fehler, die Freunde zu bloßen Symbolträgern gegensätzlicher Überzeugungen oder Milieus verkommen zu lassen. Das Soziale und Geschichtliche ist lediglich einer unter mehreren Faktoren, die den Lebensweg jedes einzelnen beeinflussen. Wichtiger sind der familiäre Hintergrund und am Wichtigsten die individuelle Freiheit: die ureigenen Entscheidungen, die man in einer bestimmten Situation trifft. Und die sich im Nachhinein oft als Fehler erweisen. Kurz gesagt: Giulio, Gemma, Paolo und Riccardo sind pralle Figuren, die man so eigentlich nicht erfinden kann, sondern aus eigenen Erfahrungen und realen Menschen zusammensetzen muss. Ihre Schicksale gehen unter die Haut und man gewinnt sie schon in den ersten Filmminuten lieb, wenn sie immer wieder die Illusion brechen und sich direkt an den Zuschauer wenden, um das Geschehen aus eigener Sicht zu kommentieren. So verknüpfen sich vier Sichtweisen zu einem komplexen, mit epischem Atem erzählten Sittengemälde.

Man könnte fast ein wenig enttäuscht sein, wenn das Presseheft auf die Verwandtschaft zu Wir hatten uns so geliebt (1974) von Ettore Scola hinweist. Auch dort gibt es drei Männer und eine Frau mit ähnlichen Hintergründen, ähnlichen Biografien und ähnlichen Verwicklungen. Gabriele Muccino, der lange in den USA arbeitete, hat also nicht alles selbst erfunden. Er hat sich anregen lassen oder – wenn man es negativ ausdrücken möchte – bloß eine Art Remake gedreht. Doch die Anleihen bei Ettore Scola (Die Familie, 1987, Wie spät ist es, 1989) lassen sich auch lesen als Verbeugung vor dem goldenen Zeitalter des italienischen Kinos. Als Hommage an das Talent, große Bögen zu schlagen, sinnliche Gemälde zu entwerfen, in denen Familiengeschichten sich zu Erzählungen eines ganzen Zeitalters weiten, wie etwa in Bernardo Bertoluccis Monumentalwerk 1900. Mit großer Klarheit zitiert Muccino auch Federico Fellinis La dolce vita – Das süße Leben(1960) mit dem berühmten Bad von Anita Ekberg im römischen Trevi-Brunnen. Als Gemma und Riccardo ins Wasser steigen, sagt Paolo: „Fehlt nur noch Mastroianni“ (der bei Fellini die männliche Hauptrolle spielte).

Credits

OT: „Gli anni più belli“
Land: Italien
Jahr: 2019
Regie: Gabriele Muccino
Drehbuch: Gabriele Muccino und Paolo Costella
Musik: Nicola Piovani
Kamera: Eloi Moli
Besetzung: Pierfrancesco Favino, Micaela Ramazzotti, Kim Rossi Stuart, Claudio Santamaria, Nicoletta Romanoff, Emma Marrone

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8von 10
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7.5

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