The Morning Show thematisierte in der ersten Staffel, wie sexuelle Übergriffe bei einer morgendlichen Nachrichtensendung im Fernsehen stattfanden und zum Teil vertuscht wurden. Zum Start der zweiten Staffel am 17. September 2021 auf Apple TV+ unterhalten wir uns mit Karen Pittman, die in der Serie eine Produzentin der Show spielt, über die Arbeit an der Serie, die Popularität solcher Morgensendungen und die Herausforderungen von Frauen in diesem Bereich.

 

Warum bist du Teil der Morning Show geworden? Was hat dich daran gereizt?

Als ich einige der Szenen gelesen habe, fand ich, dass sie außergewöhnlich gut geschrieben wurden. Außerdem arbeiteten einige großartige Leute an der Show, die ich zum Teil kannte, zum Teil nur über Umwege. Deswegen war das für mich eine fabelhafte Gelegenheit, eine tolle Geschichte über sehr unterschiedliche Menschen zu erzählen. Und diese Gelegenheit wollte ich unbedingt nutzen.

Könntest du uns ein wenig über deine Figur verraten, die du spielst?

Ich spiele die Produzentin Mia Jordan. In der ersten Staffel hatte sie vor allem mit den Auswirkungen von Mitch Kessler auf ihre Arbeit und ihre Karriere zu kämpfen. In der zweiten Staffel wurde sie zur ausführenden Produzentin der „Morning Show“ befördert. Das sieht zuerst danach aus, als sei jetzt alles gut für sie. Dafür kommen jetzt andere Probleme und wir zeigen auf, womit eine dunkelhäutige Frau in einer Machtposition zu kämpfen hat. Die Morning Show hat an Popularität eingebüßt, die Einschaltquoten sinken, alle suchen nach einer Lösung. Wie betrachten also die Zustände in einem News-Unternehmen vor dem Hintergrund von Geschlecht und Hautfarbe. Und ich habe mich sehr darauf gefreut, eine so vielseitige und tiefgründige Geschichte zu erzählen.

Für diejenigen unter uns, die sich so gar nicht in diesem Bereich auskennen: Was macht eine ausführende Produzentin einer solchen Show genau?

Das musste ich auch erst recherchieren. Ich bin im Februar 2020 zu einer wirklichen Morgen-Nachrichtenshow gegangen und habe mir das dort einmal angesehen. Dabei habe ich festgestellt, dass die wirklich alle sehr sehr früh aufstehen müssen, gegen 3 Uhr oder 3.30 Uhr. Sie arbeiten letztendlich mit Produzenten und Journalisten zusammen, um darauf eine zwei Stunden lange Nachrichtensendung zu basteln. Und das ist gar nicht so einfach, wie es sich anhört. Solche Sendungen müssen gleichzeitig ernst und unterhaltsam sein. Und sie müssen relevant sein: Solche Morning Shows sind die Goldesel der Nachrichtenorganisationen. Damit machen sie mehr Geld als mit jeder anderen Nachrichtensendung am Tag. Entsprechend wichtig ist die Position der ausführenden Produzentin, die alles überwacht.

Weshalb sind diese Sendungen denn so populär? Vor einigen Jahren dachte man noch, das Fernsehen sei ein Auslaufmodell, weil es durch das Internet überflüssig gemacht wurde. Danach sieht es aber nicht aus.

Auf keinen Fall! Ich denke, dass ein Reiz dieser Shows darin besteht, dass sie eine so große Vielfalt an Themen abdecken, von Kochtipps über Interviews mit dem Präsidenten bis zu Sport und Interviews mit Leuten von der Straße. Solche Shows geben dir einen Querschnitt davon, was das Leben in den USA bedeutet, in all seinen Facetten. Für viele bedeuten sie den Start in den Tag, weshalb sie zumindest im Bestfall wirklich alle Leute ansprechen.

Und siehst du dir auch selbst solche Shows an?

Absolut. Ich sehe mir eine Reihe dieser Shows an. Meine Figur ist auch inspiriert von mehreren Leuten, die tatsächlich beim Fernsehen an solchen Shows arbeiten.

Jetzt, da du eigene Erfahrungen mit diesen Shows gesammelt hast, sowohl bei deinen Recherchen wie auch in deiner Arbeit als Schauspielerin, siehst du sie jetzt mit anderen Augen?

Ich bin jetzt auf jeden Fall stärker an den Menschen interessiert, die an solchen Shows arbeiten. Ich habe festgestellt, dass die Leute, die da jeden Tag dem Publikum da draußen die Welt näherbringen, sehr spannend sind. Sie führen ein sehr eigenes, oft auch isoliertes Leben. Gleichzeitig interessiert mich der Alltag von diesen Leuten und wie dieser sie auch für Leute zur Identifikationsfläche macht, die weit entfernt leben, zum Beispiel in Deutschland oder auch in Brasilien.

Mit der Popularität dieser Shows kommt aber auch eine größere Verantwortung, wenn es darum geht Themen zu finden oder wie diese präsentiert werden. Zu Beginn der zweiten Staffel wird beispielsweise darüber diskutiert, ob Corona in der Show thematisiert werden sollte. Sind solche Shows ein reiner Spiegel der Außenwelt oder sollten sie sich aktiv einbringen?

Das ist eine spannende Frage, die sich im Grunde alle Journalisten und Journalistinnen stellen müssen, die in diesem Bereich arbeiten. Sollten sie die Geschichten präsentieren, die wichtig sind? Oder ist es wichtig, die Themen anzuschneiden, die gerade besonders populär oder gefragt sind? Da heißt es wirklich immer abwägen, wie sehr die Bedürfnisse des Publikums befriedigt werden müssen und wie sehr man der eigenen Verantwortung gerecht werden muss. Gleichzeitig muss aber auch das Publikum überlegen, wer diese Leute eigentlich sind, die uns da die Nachrichten präsentieren, da sie doch einen großen Einfluss haben. Und eben das ist eines der Themen in der zweiten Staffel der Morning Show.

In den letzten Jahren wurde viel über die Ungleichbehandlung von Frauen im Filmbereich gesprochen, zum Beispiel wenn es um Regisseurinnen ging und deren geringere Chancen. Wie sieht es beim Fernsehen aus, nachdem du viel in diesem Bereich unterwegs warst?

Nicht anders als bei anderen Bereichen. Es gilt auch hier, dass Frauen sehr viel weniger Chancen erhalten als Männer. Und wenn sie doch mal eine Chance bekommen, dann oft in schwierigen Zeiten, wo sie sich besonders beweisen und Unmögliches leisten müssen. So wie Mia, die die Verantwortung für die Morning Show bekommt, als die in einer tiefen Krise feststeckt, und die nun alles wieder richten soll, was vorher schief gelaufen ist. Das ist es, was mir bei der zweiten Staffel so gut gefällt: Es geht um die speziellen Herausforderungen von Frauen in solchen Machtpositionen, gerade auch für dunkelhäutige Frauen. Da geht es ja auch um Erfahrungen, die ich selbst gemacht habe. Ein Teil meiner Arbeit als Schauspielerin besteht darin, die Welt zu beobachten. Und das betrifft natürlich auch afroamerikanische Journalistinnen und wie diese von anderen wahrgenommen werden.

Hast du denn den Eindruck, dass sich die Situation für Frauen verbessert hat in den letzten Jahren? Oder blieb es bei Lippenbekenntnissen?

Ich glaube schon, dass sich da derzeit etwas tut. Es gibt dieses Bewusstsein für die Missstände. Und dieses Bewusstsein ist die Voraussetzung für echten Wandel. Du hattest diese Solidarität weltweit, unabhängig wo die Leute herkamen, weil alle wussten, dass das so nicht gerecht ist und sich etwas ändern muss. Und diese Veränderung kannst du spüren. Der Wandel mag noch langsam sein. Aber er ist da, du kannst die Zeit nicht mehr zurückdrehen.

Und was lässt sich tun, damit dieser Wandel auch tatsächlich stattfindet?

Ein Weg ist für mich, die eigene Stimme zu erheben und Missstände offen anzusprechen. Da spielt es keine Rolle, wo diese gerade stattfinden. Ob da etwas am Set schiefgeht oder wenn ich in Gesprächen mit meinen Agenten klar mache, wie ich behandelt werden möchte. Oder auch in Gesprächen, die ich mit meine Kindern führe. Es ist so wichtig, die Stimme zu erheben, selbst in den kleinsten, unbedeutendsten Kontexten. Denn auf diese Weise schaffst du das Bewusstsein, von dem ich sprach, und trägst dazu bei, dass andere darauf aufmerksam werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Karen Pittman wurde am 12. Mai 1986 in Mississippi, USA geboren. Nach dem Schulabschluss erwarb sie einen Bachelor of Science in Oper und Gesang von der Northwestern University und anschließend den Master of Fine Arts von der New York University. 2009 gab sie ihr Schauspieldebüt in der Serire 30 Rock. Auch im Anschluss war sie überwiegend in Serien zu sehen, darunter in Luke Cage (2016-2018) und The Morning Show (seit 2019).



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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