In ihrer Dokumentation Be Natural – Sei Du Selbst: Die Filmpionierin Alice Guy-Blaché blickt die amerikanische Regisseurin Pamela B. Green ein Jahrhundert zurück in die Vergangenheit und verschafft Alice Guy, um 1900 einflussreichste Frau im Filmgeschäft, nun endlich die Anerkennung, die sie verdient. Anlässlich des Kinostarts am 5. August 2021 hatten wir die Gelegenheit mit Pamela Green einmal näher über den nostalgischen Trip in die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts zu reden.

Wann haben Sie das erste Mal von Alice Guy gehört und wie ging es bis zu der Entscheidung, einen Dokumentarfilm über sie zu machen, weiter?

Ich habe zuerst über Alice in einer Show namens Reel Models erfahren, in der Pioniere der Kinogeschichte vorgestellt werden. Ich arbeite in der Unterhaltungsindustrie und war überrascht, dass ich vorher nie von ihr gehört habe. Ich habe daraufhin andere Kollegen in der Industrie gefragt und keiner wusste über sie Bescheid. Ich konnte es nicht fassen, dass so eine wichtige Pionierin nicht die Anerkennung bekommt, wie es beispielsweise bei bekannten Namen wie Méliès der Fall ist. Mir wurde sofort klar, dass ich etwas tun musste, um dies zu ändern.

Sicherlich ist Alice Guy die einflussreichste Frau in der Filmgeschichte aber angenommen wir ignorieren das Geschlecht, ist Alice generell die einflussreichste Person oder gibt es da einen anderen Regisseur, dem so etwas nachgesagt wird?

Ich würde nicht sagen per se. Sie war definitiv eine der einflussreichsten, wie alle, die in der Kreierung des Kinos beteiligt waren: Méliès, Pathé, Lumières, Gaumont, etc. Sie sah das Potential des Kinos als Künstler und Unterhalter und wurde eine der ersten Regisseure aller Zeiten, unabhängig vom Geschlecht.

Beim Vergleich zwischen den damals gewagten Filmen von Alice Guy und dem gegenwärtigen Kino, in dem scheinbar immer weniger Waghalsigkeit auftritt, handelt Be Natural auch über den Stand des modernen Kinos, neben der Geschichte über Alice Guy?

Ich denke die Neuproduktion Promising Young Woman ist ähnlich gewagt wie die Produktion Consequences of Feminism von Alice Guy. Ebenso wie die Filme Get Out, The Florida Project und Du hast das Leben vor dir, die sind allesamt mutig auf ihre eigene Art. In Be Natural wollte ich vordergründig zeigen, dass die Themen in Alice’ Filmen auch heutzutage noch relevant sind, darunter Immigration, Rassismus, Antisemitismus, geplante Elternschaft, Sexismus, etc.

Be Natural erwähnt an einer Stelle, dass die Welt damals eine gewagte und mutige Person wie Alice Guy brauchte, andernfalls wäre die Geschichte des Kinos ganz anders abgelaufen. Beim Blick auf einflussreiche Filmemacher der Gegenwart, wer ist die Alice Guy im modernen Kino?

Viele Regisseure kommen hierbei infrage, es ist schwer nur eine Person an dieser Stelle zu nennen. Es gibt aber wahrscheinlich niemandem, der es auf ein Level wie Alice schafft.

Nachdem Sie für ihre Dokumentation halb um die Welt gereist sind und auf die letzten 10 Jahre zurückschauen, wie viel wurde vom Gesamtwerk der Alice Guy mittlerweile gefunden und ist Be Natural das Ende dieser Reise?

Ich würde sagen, dass Be Natural 70% an vorher unbekanntem Material enthält. Die achtjährige Recherche liefert in der Hinsicht jetzt ein vollständigeres Bild über Alice’ Lebenswerk. Wir entdeckten während der Produktion wirklich eine Menge, darunter 12 Alice Guy-Blaché Filme, die bis zu dem Punkt als „makers unknown“ (unbekannter Direktor) kategorisiert wurden. Darüber hinaus fanden wir Familienfotos, Briefe und am wichtigsten: Interviews zwischen ihr und ihrer Tochter Simone. Die hat vorher noch nie jemand zu Gesicht bekommen. Und wir fanden Beweise, dass sie andere Regisseure künstlerisch beeinflusste, darunter Sergei Eisenstein und Alfred Hitchcock. Und eine neue Edition von Eisenstein Memoiren wurde überarbeitet, diese erwähnt jetzt Alice Guy als Inspirationsquelle. Die Liste geht weiter und weiter, es gibt immer mehr zu entdecken. Das ist bei weitem nicht das Ende der Reise.

Welche Filme oder Dokumentationen hatten Sie bei der Produktion von Be Natural als Inspirationsquelle und welche Filme können Sie generell empfehlen?

Unter den Filmen, die mich prägten befinden sich Die fabelhafte Welt der Amélie, Moulin Rouge, Die Braut des Prinzen und Verblendung (2009). Bei den Dokumentarfilmen fällt mir Searching for Sugar Man und The Art of the Steal (2009) ein. Es sind aber eher Spielfilme als Dokumentationen, die mich inspirieren.

Was waren die größten Schwierigkeiten bei der Produktion von Be Natural?

Die Finanzierung. Am Anfang wollte niemand die Geschichte einer alten Dame aus den 1800er Jahren finanzieren. Das änderte sich, als ich die Kickstarter-Kampagne startete. Die Historiker zu überzeugen, sich mit Alice Guy näher zu befassen und ihre Wichtigkeit für das Kino zu akzeptieren, stellte sich als eine weitere Hürde heraus. Und das Lizenzieren von Alice’ Filmen aus Archiven aus aller Welt war eine besonders große Herausforderung. Es war mir diesbezüglich sehr wichtig so viel wie möglich an altem Filmmaterial zu zeigen, weil man an diese Werke sonst nur schwer herankommt. Die Lizenzkosten haben tatsächlich das meiste des Budgets verschlungen.

Nachdem ich gelesen habe, dass nach Be Natural jetzt noch ein Feature-Biopic über Alice Guy folgen soll, was genau ist hierbei die Vision? Wird es wie in der Dokumentation mehr um die generellen Lebensphasen von ihr gehen oder liegt der Fokus mehr auf ihrer Blütezeit?

Das ist eine Überraschung! Ich verrate aber, dass es ganz anders als Be Natural sein wird und darüber hinaus Entdeckungen und Material enthält, das es nicht in die Dokumentation geschafft hat.

Angenommen Geld würde keine Rolle spielen, welche Schauspielerin würde Ihrer Meinung nach in dem Biopic eine fantastische Rolle als Alice Guy abgeben?

Saoirse Ronan. Sie ist eine hervorragende Schauspielerin und wächst mit jedem neuen Charakter. Und sie spricht französisch.

Nachdem Sie mit Alice Guy abgeschlossen haben, was können wir als nächstes von Ihnen erwarten. Irgendwelche Ideen für künftige Dokumentarfilme?

Ich entwickle eine Dokumentar-Serie und arbeite an der Umsetzung diverser Drehbücher.

Vielen Dank für das Gespräch!

© Filmperlen, Courtesy of Be Natural Productions

Zur Person
Pamela B. Green ist eine Emmy-nominierte amerikanische Regisseurin und Produzentin und für ihre Arbeit im Bereich Title Design und Motion Graphics bekannt. 2020 wurde sie für ihre Produktion Be Natural mit dem Jane Mercer Researcher of the Year award ausgezeichnet.



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Über den Autor

Freier Autor

Ich bin freiberuflicher Autor und seit vielen Jahren leidenschaftlicher Filmfan, wobei mein Fokus den kleineren Filmperlen gilt.

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