inhalt / Kritik

„Abseits des Lebens“ // Deutschland-Start: 5. August 2021 (Kino)

Nachdem sie einen schmerzlichen Verlust erlitten hat, braucht Edee Holzer (Robin Wright) Abstand von all dem, was sie mit ihrem bisherigen Leben verbindet, will auch die Menschen hinter sich lassen. Und so fasst sie den Beschluss, in eine Hütte in den Rocky Mountains zu ziehen, wo sie ganz allein in der Wildnis leben und die Außenwelt vergessen möchte. Viel Erfahrung hat sie dabei jedoch nicht. Tatsächlich dauert es nicht lang, bis sie in ernste Schwierigkeiten gerät, aus denen sie nur dank des Jägers Miguel (Demián Bichir) wieder herausfindet. Der bietet ihr daraufhin an, sie auf ein Leben inmitten der Natur vorzubereiten, was sie nach einigem Zögern annimmt. Ihre Bedingung: Sie möchte ansonsten unbehelligt bleiben und nichts mehr von der Welt der Menschen erfahren …

Zurück zur Natur

Während die Menschheit im Laufe der letzten Jahrzehnte zunehmend in die Städte drängte, mit all den damit verbundenen Problemen, hat zuletzt eine gegenteilige Bewegung Anhänger und Anhängerinnen gefunden: zurück zur Natur. Bei vielen ist der Wunsch entstanden, wieder ein ursprünglicheres Leben zu führen. Die Motivation hierfür kann vielfältige Hintergründe haben. Bei manchen mag der gesundheitliche Aspekt überwiegen oder es handelt sich um eine Form der Gesellschaftskritik. Bei anderen ist es eher eine psychologische Sache, die den Rückzug antreibt. Selbst der Zeitgeist spielt da mit rein: Bei vielen gibt es eine sehr romantische Vorstellung davon, was es heißt, tatsächlich in der Natur zu leben – was zu manch bösem Erwachen führt.

Bei Abseits des Lebens geht das in eine ähnliche Richtung, wenn Edee so gar nicht darauf vorbereitet ist, in der Wildnis der Rocky Mountains zu überleben. Sie hat keine Ahnung von Tieren, kann mit den Werkzeugen nicht umgehen, weiß nicht, was ein Leben in einer zwar schönen, aber doch gefährlichen Natur mit sich bringt. Anders als so manche Aussteiger und Aussteigerinnen, die sich das alles irgendwie ganz toll vorstellen, ist die Protagonistin jedoch eine Getriebene. Dass sie in der Wildnis umkommen könnte, ist ihr im Gegensatz zu anderen durchaus bewusst. Mehr noch: Sie scheint es ein wenig darauf anzulegen, wenn eine persönliche Krise offenkundig suizidale Tendenzen in ihr wachgerufen hat. Sie kommt zwar nicht mit dem festen Ziel in die Berge, um dort zu sterben. Das wäre einfacher gegangen. Sie hätte aber offensichtlich auch nichts dagegen, wenn es dazu kommen soll.

Die Suche nach Antworten

Das Drama, welches auf dem Sundance Film Festival 2021 Weltpremiere hatte, lässt dabei zunächst offen, was genau diese Krise ausgelöst hat. Ein kurzer Prolog zeigt Edee beim Streitgespräch, später kommen noch Flashbacks hinzu. Ansonsten vertraut Robin Wright, die hier nicht nur die Hauptrolle übernahm, sondern auch ihr Regiedebüt abgibt, stärker der Kraft der Bilder. Das ist sicherlich die bessere Entscheidung, auch wenn Teile des Publikums es gerade in dem dialogarmen ersten Drittel lieber etwas konkreter gehabt hätten. Tatsächlich überzeugt Abseits des Lebens stärker in den Szenen, in denen die Zuschauer und Zuschauerinnen mit der Protagonistin und ihrem Überlebenskampf in der Wildnis alleingelassen werden.

Das liegt zum einen, klar, an den Bildern an sich. Wundervolle Aufnahmen der Berge und Wälder wecken selbst bei weniger naturaffinen Leuten eine gewisse Sehnsucht, mal alles hinter sich zu lassen und sich in den Weiten der unberührten Natur zu verlieren. Gleichzeitig macht Abseits des Lebens auch immer klar, dass diese Schönheit ihren Preis hat. Eine zufällige Begegnung mit einem wilden Tier und alles kann vorbei sein. Ebenso muss man selbst zum Töten bereit sein, wieder und wieder, um über die Runden zu kommen. Und selbst wenn es mal nicht um die Fauna der Wildnis geht, ist die abgelegene Gegend mit dem Gefühl verbunden, ihr ausgeliefert zu sein. Die Menschen mögen Teil von Mutter Natur sein. Das bedeutet aber nicht, dass sie sich sonderlich darum kümmert, was mit ihnen geschieht.

Von äußeren und inneren Überlebenskämpfen

Ein reines Survivalabenteuer ist der Film dennoch nicht. Es geht hier weniger um einen Überlebenskampf à la Cast Away – Verschollen und die damit verbundenen psychologischen Herausforderungen. Die Herausforderung liegt eher darin, inmitten der Einsamkeit wieder einen Lebenswillen zu entwickeln. Abseits des Lebens erzählt daher von einer Entfremdung, die einem Schicksalsschlag geschuldet ist, und gleichzeitig von einer Annäherung. Wenn überhaupt ist das Drama also kein Plädoyer für mehr Natur im Leben, sondern die Erinnerung daran, dass Menschen soziale Wesen sind. Diese Erkenntnis wird im Laufe der anderthalb Stunden gut herausgearbeitet, auch wenn die Entwicklung zum Schluss schon ein bisschen sehr schnell ist. Und auch bei den Dialogen gibt es die eine oder andere Stelle, wo es nicht ganz so natürlich zugeht. Insgesamt ist der Film aber ein gelungenes Regiedebüt von Wright, welches gleichermaßen von dem Ensemble wie auch dem Drumherum getragen wird.

Credits

OT: „Land“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: Robin Wright
Drehbuch: Jesse Chatham, Erin Dignam
Musik: Ben Sollee, Time for Three
Kamera: Bobby Bukowski
Besetzung: Robin Wright, Demián Bichir, Sarah Dawn Pledge

Bilder

Trailer

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

3.9/5 - (25 votes)
Abseits des Lebens
In „Abseits des Lebens“ zieht es eine Frau nach einem tragischen Ereignis in die Wildnis, wo sie in Zukunft alleine leben und sterben will. Der Film steht dabei weniger in der Tradition verklärender Naturliebesbekundungen, sondern zeigt klar die Grenzen der Menschen auf. Sehenswert ist das dennoch für die tollen Landschaftsaufnahmen, aber auch wegen der schauspielerischen Leistungen rund um zwei Menschen, die sich allmählich annähern und dabei ihren Wunden stellen.
7von 10
Leserwertung: (1 Judge)
7.0

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort