Inhalt / Kritik

Die Ungewollten Die Irrfahrt der St. Louis

„Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ // Deutschland-Start: 21. Oktober 2019 (Das Erste)

Schon seit einer Weile wurde die Situation Deutschland für sie immer brenzliger. Und so beschlossen im Jahr 1939 mehr als 900 Juden und Jüdinnen, ihre Heimat hinter sich zu lassen, um in Kuba ein neues Leben zu beginnen. Mit einer Mischung aus Wehmut und Vorfreude betreten sie daher die MS St. Louis, welche sie von Hamburg aus über den Ozean bringen soll. Doch auch wenn sie alle ordnungsgemäß bezahlt haben und die notwendigen Papiere dabei haben, Teile der Besatzung würden sie am liebsten gleich ins Meer werfen. Kapitän Gustav Schröder (Ulrich Noethen) ist aber fest entschlossen, den ihm anvertrauten Passagieren zu helfen. Und Hilfe können sie gebrauchen, als es in Kuba plötzlich heißt, dass sie nicht an Land gehen dürfen und das Schiff umkehren soll …

Flucht ins Ungewisse

In den letzten Jahren war es eines der ganz großen Thema in Europa: die Flüchtlingskrise. Als Millionen von Menschen sich auf den Weg machten, um Armut, Unterdrückung oder Krieg zu entkommen, fielen die Reaktionen sehr unterschiedlich aus. Während ein Teil die Flüchtlinge willkommen hieß, lehnte ein anderer es kategorisch ab, jemanden bei sich aufzunehmen. Unterstützt wurde dies durch die Politik, welche sich teilweise die Ängste und die Unsicherheit der eigenen Bevölkerung zunutze machte. Dabei wurde dann gerne vergessen, wie auch aus Europa zu den unterschiedlichsten Zeiten Leute ihre Heimat verließen, um woanders ihr Glück zu suchen. An einen solchen Fall erinnert der 2019 entstandene TV-Film Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis.

Darin erzählt Regisseur Ben von Grafenstein, wie 937 deutsche Juden und Jüdinnen an Bord eines Kreuzfahrtschiffes gingen, in der Annahme, dadurch Nazi-Deutschland entkommen zu können. Doch daraus wurde eine Odyssee, als das Zielland Kuba auf einmal niemanden mehr aufnehmen wollte. Und auch andere Länder, darunter die USA und Kanada, verweigerten MS St. Louis die Erlaubnis, die Flüchtenden von Bord zu lassen, weshalb das Schiff über Wochen umherfuhr, auf der Suche nach einem rettenden Hafen. Erzählt wurde diese Geschichte schon mehr, sowohl in Spielfilmform wie auch als Dokumentation. Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis wählte eine Mischform. Während ein Großteil durch nachgespielte Szenen veranschaulicht wird, kommen zwischendurch auch Überlebende zu Wort und schildern in Interviews ihre Erfahrungen.

Die Suche nach der persönlichen Tragik

Solche Hybriden gibt es immer wieder mal. Die Unsichtbaren – Wir wollen leben nutzte einen ähnlichen Ansatz, um die Geschichte mehrerer Juden und Jüdinnen zu erzählen, die sich während des Dritten Reiches innerhalb von Deutschland verstecken konnten. Bei Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis sind die nachgestellten Szenen jedoch deutlich zahlreicher, bilden praktisch das Hauptwerk. Das hat den Vorteil, dass das Ganze in emotionalisierter Form gezeigt werden kann. Unterstützt von einer nicht unbedingt zurückhaltenden Musik soll das Publikum hier entsprechend manipuliert werden, damit die Tragik der Ereignisse auch ja an niemandem unbemerkt vorübergehen.

Dennoch: So richtig mitreißend ist Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis nicht. Zwar wird durch die Fokussierung auf einige wenige Figuren Identifikationsfläche geschaffen. Vor allem die Geschichte von Martha Stern (Britta Hammelstein), die mit ihrem Sohn Leo (Elgar do Rosário) übersiedeln und endlich ihren Mann Walter (Golo Euler) wiedersehen möchte, wird dabei in den Mittelpunkt gerückt. Eine tatsächliche Charakterisierung findet aber nicht statt. Die Figuren haben zu sehr Symbolcharakter, darunter auch der obligatorische Nazi an Bord, der erst hinter vorgehaltener Hand gegen die Juden hetzt, später auch direkt die Rettungsaktion sabotieren will. Denn was ein guter Deutscher ist, so seine Ansicht, der kann nicht tatenlos bei einem derartigen Vaterlandsverrat zusehen. Mehr als das erfahren wir über ihn nicht.

Die Qual des Wartens

Einen stärkeren Eindruck hinterlässt da schon Ulrich Noethen (Deutschstunde, Deutschland 83), was aber auch mit der dankbaren Rolle zusammenhängt. Ein Mann, der sich selbst in Gefahr bringt, um Hunderte von Fremden zu retten, das darf man schon einmal als Held bezeichnen. Aber auch ihm gelingt es nicht so recht das Ruder rumzureißen. Im Grunde waren der Kapitän ebenso wie die Passagiere zum Nichtstun verdammt, während sie quälend lang darauf warten mussten, wie es weiter geht. Kurzzeitig kommt noch einmal Spannung auf, wenn diverse Verzweiflungstaten auf dem Programm stehen. Aber viel geschieht dann doch nicht. Emotional wird es dafür zum Schluss, wenn es um die Folgezeit geht. Gerade die Verbindung zur Gegenwart lässt einen die Schande spüren und schlägt damit auch die Brücke zu den Menschen heute.

Credits

OT: „Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Ben von Grafenstein
Drehbuch: Susanne Beck, Thomas Eifler
Musik: André Feldhaus
Kamera: Raphael Beinder
Besetzung: Ulrich Noethen, Britta Hammelstein, Golo Euler, Elgar do Rosário, Johannes Kienast, Florian Panzner, Gabriela Barros

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Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis
„Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis“ erinnert an die über 900 Juden und Jüdinnen, die 1939 an Bord eines Kreuzfahrtschiffes aus Deutschland fliehen wollten, aber nirgends anlegen durften. Der Film versucht eine Mischung aus Dokumentation und Emotionalität, wobei der zweite Aspekt aufgrund der schwachen Figuren wenig erfolgreich ist und die Geschichte zum Großteil aus quälender Warterei besteht.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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