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Schlafschafe ZDF Neo

„Schlafschafe“ // Deutschland-Start: 12. Mai 2021 (ZDFneo)

Bislang waren Lars (Daniel Donskoy) und Melanie (Lisa Bitter) eigentlich ein glückliches Paar gewesen. Doch dann stellt Lars eines Tages fest, dass seine Frau diversen Verschwörungstheorien folgt. So soll der gemeinsame Sohn Janosch (Emil Brosch) keine Maske tragen, weil sie gelesen hat, dass dies schädlich ist für seine Lunge. Als Lars dies hört, fällt er aus allen Wolken. Wie kann es sein, dass Melanie so einen Quatsch glaubt? Das muss doch jeder vernünftige Mensch einsehen, dass das so gar nicht stimmen kann! Aber so sehr er auch insistiert, sie bleibt hartnäckig bei ihrem Standpunkt. Und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich mit ihren Ängsten auseinanderzusetzen. Denn nur wenn er versteht, wie sie auf solche Ideen kommt, kann er ihr da vielleicht wieder heraushelfen …

Verschwörungstheorien im Trend

Klar, Verschwörungstheorien hat es schon immer gegeben. Ob es nun die Anschläge von 9/11 waren oder die vermeintlich gefälschte Landung auf dem Mond: Es finden sich nur zu gerne Leute, welche hinter den öffentlichen Geschichten noch ganz andere vermuten. In den letzten Jahren sind solche Theorien jedoch immer weiter in die Mitte der Gesellschaft rückt. Neben den bizarren Mutmaßungen von QAnon haben sich vor allem Ideen rund um das Corona-Virus wie ein Lauffeuer verbreitet. Die können beispielsweise den Ursprung des Virus betreffen. Die einen glauben, es handele sich um eine chinesische Waffe, die zu früh gezündet wurde, andere halten die gesamte Pandemie für eine Lüge, mit der die Menschen gefügig gemacht werden sollten. Aber auch andere Punkte wie Impfung oder Schutzmaßnahmen werden misstrauisch beäugt.

Die ZDFneo Serie Schlafschafe nimmt sich nun dieses Themas an. Anstatt aber ein Gesellschaftsporträt aus dem Stoff zu machen, zieht sie die Geschichte exemplarisch an einem Paar auf. Während Lars von den Ereignissen rund um Corona unberührt blieb und rational mit der Situation umgeht, hängt Melanie plötzlich irgendwelchen kruden Theorien nach. Aber wie kann es sein, dass zwei Menschen, die seit Jahren zusammen sind, sich an dem einen Punkt so unterscheiden? Was lässt die einen anfällig sein für solche Aussagen, während andere darüber nur lachen? Das sind Fragen, die in der Serie durchaus auch gestellt werden, zumindest implizit, wenn wir gemeinsam mit Lars versuchen, aus dieser Entwicklung schlau zu werden.

Keine einfachen Antworten

Eine einfache Antwort gibt Regisseur und Co-Autor Matthias Thönnissen (Von Bier und Macht) dabei gar nicht. Er vermeidet es auch, den Zeigefinger auf Melanie zu richten und sie zu verurteilen. Stattdessen regt er dazu an, zwingt gewissermaßen, sich irgendwie mit der Gegenposition auseinanderzusetzen. Schließlich liebt Lars sie und will sie nicht verlieren. Und auch Sohn Janosch ist ein Grund dafür, nicht die Flinte ins Korn zu werfen. Wo wir in der freien Welt nur zu gern Leute wie Melanie zu den bekloppten Aluhüten degradieren, die im schlimmsten Fall auch noch mit rechtem Gedankengut ihre Umwelt vergiften, da ist das hier keine Option.

Das erklärte Ziel bei Schlafschafe ist dann auch, diese allgegenwärtigen Gräben zu überwinden und einen Dialog anzustreben. Wegzukommen von den Schwarzweiß-Bildern, die beide Seiten in sich tragen. Das soll jedoch nicht bedeuten, dass Thönnissen und seine Co-Autorin Zarah Schrade nicht auch direkte Kritik üben würden. An einer Stelle gerät Lars beispielsweise mit einer Frau aneinander, die diese Verschwörungstheorien und Ängste nutzt, um die Menschen übers Ohr zu hauen und kräftig auszunehmen. Auch ein aktiver Verbreiter solcher Theorien kommt später an den Pranger. Dass das Drehbuchduo von den Theorien selbst nichts hält, das wird ohnehin schnell klar. Melanie gibt derart abstruse Sachen von sich, dass man fast schon meinen könnte, das hier wäre eine Comedy.

Als Diskussionsgrundlage sehenswert

Das ist manchmal etwas überzogen. Auch die Idee, die beiden Hauptfiguren regelmäßig in die Kamera schauen zu lassen und das Publikum direkt anzureden, trägt dazu bei, dass die Serie nicht so ganz aus dem Leben gegriffen scheint. Die Geschichte ist mehr Diskussionsgrundlage als wirkliche Stichprobe. Als solche ist Schlafschafe aber auf jeden Fall sehenswert. Dazu tragen auch die überzeugenden Auftritte von Daniel Donskoy (Crescendo #MakeMusicNotWar) und Lisa Bitter (Tatort: Der böse König) bei, deren Figuren sich voller Liebe gegenüberstehen und doch jeweils am anderen verzweifeln. Zwei Menschen, die sich gern gegenseitig retten wollen, den eigenen Sohn noch dazu, aber nicht wissen, wie das gehen soll. Das ist dann letztendlich auch das Tragische an der Serie: Hier bricht eine Beziehung nicht aufgrund mangelnder Gefühle auseinander, sondern weil da auf einmal ein Graben zwischen ihnen liegt, von dem niemand genau sagen kann, woher er kam.

Credits

OT: „Schlafschafe“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Matthias Thönnissen
Drehbuch: Zarah Schrade, Matthias Thönnissen
Musik: Florian Kreier, Cico Beck
Kamera: Sebastian Bäumler
Besetzung: Daniel Donskoy, Lisa Bitter, Emil Brosch, Anton Fatoni Schneider, August Zirner, Amanda da Gloria, Jonas Holdenrieder

Bilder

Interview

Schlafschafe ZDF NeoHat er selbst schon einmal mit Verschwörungstheorien zu tun gehabt? Und was veranlasst Menschen dazu, an solche Theorien zu glauben? Diese und weitere Fragen haben wir Hauptdarsteller Daniel Donskoy in unserem Interview zu Schlafschafe gestellt.

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Schlafschafe
„Schlafschafe“ nimmt sich des Themas der Verschwörungstheorien rund um Corona an, wenn ein Paar an diesen zu zerbrechen droht. Die Serie vermeidet es dabei, einseitig jemanden verteufeln zu wollen, sondern zeigt zwei Menschen, die sich aufrichtig lieben – was die Situation umso tragischer macht. Auch wenn da manches konstruiert ist, als Diskussionsgrundlage ist das exemplarische Schicksal sehenswert.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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