In der ZDFneo Serie Schlafschafe (Start: 12. Mai 2021) spielt Daniel Donskoy den glücklichen Familienvater Lars, der eines Tages feststellt, dass seine Frau Melanie (Lisa Bitter) an Verschwörungstheorien glaubt, und dabei aus allen Wolken fällt. Wie konnte es dazu kommen? Und wie kann er sie da wieder herausholen? Wir haben uns im Interview mit dem Schauspieler über die Verbreitung solcher Theorien, gesundes Misstrauen und die Begegnung mit eigenen Ängsten unterhalten.

Warum hat es dich gereizt, bei Schlafschafe mitzuspielen?

Ganz grundsätzlich reizt mich am künstlerischen Arbeiten, für andere Menschen neue Perspektiven zu schaffen. Ich hatte das große Glück, in meinem Leben sehr viele verschiedene Perspektiven erlangen zu dürfen durch meinen Migrationshintergrund. Da ich in vielen Ländern unterwegs war, hat sich meine Umgebung ständig geändert und damit auch meine Identität. Das hat mich so geprägt als Mensch, dass ich mir gezielt Projekte suche, die genau das schaffen. Die eben nicht nur mit dem Finger zeigen und sagen, das ist gut und das ist schlecht, sondern dem Publikum eine Möglichkeit geben, sich selbst eine ganzheitliche Meinung zu bilden. Bei vielen Projekten gibt es aber nur eine Sicht von außen. Man schaut von außen auf andere Menschen. Das sind die und das sind wir. Momentan ist das auch in der Corona-Politik zu beobachten. Da sind die Allwissenden auf der einen Seite, die genau sagen können, was richtig ist. Und da ist die braune Soße auf der anderen Seite, die alles ablehnt. Da geht es nur noch um Spaltung. Umso wichtiger war es für mich, bei einer Serie mitzuwirken, in der das Thema auf emotionale, menschliche und humanistische Weise behandelt wird, anhand eines Paares, das in dieser Diskussion auseinandergerissen wird.

In der Serie geht es aber nicht allein um die Diskussion über die Sinnhaftigkeit der Corona-Maßnahmen, sondern auch um die diversen Verschwörungstheorien, die im Umlauf sind. Gehört haben wir von denen alle. Hast du selbst mit solchen Erfahrungen gemacht?

Ich kenne tatsächlich ein Paar, das deswegen auseinandergegangen ist. Dort war es jedoch der Mann, der solchen Verschwörungstheorien verhaftet war. Aber das muss ja nicht immer so enden. Das fängt oft alles ganz klein an. Ich hatte in meinem Freundeskreis mal jemanden, der gesagt hat: „Daniel, du kannst aber nicht bestreiten, dass es jüdische Eliten gibt, die im Hintergrund mitbestimmen.“ Verschwörungstheorien hat es schon immer gegeben. Ich denke, dass wir alle in unserem Umfeld Leute haben, die Gedankengut vertreten, dem wir nicht zustimmen können. Mehr als wir glauben. Jeder hat irgendwo jemanden, der AfD wählt oder für Leute ist, die uns nicht sympathisch sind. Das Wichtigste ist nur wie gesagt, sich dann nicht zu segregieren und einfach zu sagen: Du bist ein Arschloch. Wenn man die emotionale Kapazität hat, dann ist es wichtig, über diese Themen zu reden, sich gegenseitig zuzuhören und vielleicht auch die Ängste zu nehmen. Denn das geschieht alles aus Angst. Wenn Melanie (meine Filmfrau) diesen Verschwörungstheorien glaubt, dann nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Liebe und Angst um ihr Kind. Und das musst du erst einmal verstehen. Wir beschäftigen uns viel zu selten damit, was andere antreibt, sondern beschränken uns darauf, die Gegenseite zu beschimpfen. Wir diskutieren nicht miteinander, sondern schreien uns gegenseitig an. Damit ist aber niemandem geholfen.

Sind diese Verschwörungstheorien heute zahlreicher? Gibt es mehr, die daran glauben? Oder ist das Thema einfach nur präsenter?

Ich glaube, dass es einfach nur präsenter ist. Dass das derzeit so explizit ist, liegt daran, dass wir uns alle seit einem Jahr mit diesem einen großen Thema auseinandersetzen. Wenn du dir anschaust, was unser Leben als moralischer Kompass geprägt hat, dann waren das vor allem zwei Bücher: das Alte Testament, das vor 5700 plus Jahren geschrieben wurde, und das Neue Testament, das vor 2021 Jahren geschrieben wurde. Unser westliches Gedankengut basiert auf Geschichten wie der unbefleckten Empfängnis von Maria oder dass Jesus auf dem Wasser gelaufen ist. Das könnte man auch als Verschwörungstheorien bezeichnen. Man könnte ganz allgemein die Kirche den größten Verschwörungstheoretiker nennen. Das tun wir aber nicht. Wir tun das nur bei Menschen, die wir erkennen können und mit einem spezifischen Label versehen haben.

Welche Rolle spielen bei dieser verstärkten Präsenz die neuen Medien?

Eine sehr große. Wir haben es uns zumindest im digitalen Bereich angewöhnt, uns nur noch von Menschen zu umgeben, die derselben Meinung sind wie wir. Wir lynchen im Internet auch ganz gerne die andere Seite, die eben nicht dieser Meinung sind. Wenn du dir beispielsweise die Sendung Die letzte Instanz anschaust, die vor ein paar Wochen so in den Schlagzeilen stand: Da waren einige dabei, die problematische Sachen von sich gegeben haben. Und die wurden im Anschluss von der sozialen Medien Gemeinschaft gelyncht. Manche haben Morddrohungen bekommen. Entschuldigen hilft dann auch nicht mehr. Du bist als Rassist gekennzeichnet und kommst aus dieser Rolle nicht mehr raus. Das finde ich schwierig. Du kannst dich im Internet zusammenraufen mit anderen, die derselben Meinung sind. Dabei ist die Gemeinsamkeit oft nicht, dass man dasselbe gut findet, sondern dasselbe hasst. Da wird der eigene Hass zum Identitätsfaktor. Das kann dann in alle Richtungen gehen.

Du hast schon gemeint, dass man vieles als Verschwörungstheorie bezeichnen könnte, selbst wenn es nicht üblich ist. Ein wiederkehrendes Motiv ist dabei, dass irgendwelche Leute im Geheimen etwas tun, um sich zu bereichern oder anderen zu schaden. Und dafür gab es schon reale Beispiele in den letzten Jahren, siehe der Korruptionsskandal um die Masken oder die Facebook-Ausspähung.

Stimmt. Das liegt daran, dass wir in einem korrupten System leben, das von Geld regiert wird. Und es liegt daran, dass wir dazu genötigt werden, uns von diesem Geld etwas zu kaufen, und unsere Identität dadurch definiert wird, was wir besitzen. Deshalb gibt es überall Korruption. Auf Korruption basiert alles. Wir waren bislang nur zu naiv, um das zu erkennen. In der Mitte unserer westlichen liberalen Welt steht Machismos, steht Rassismus, steht Homophobie. Da steht vor allem Egozentrismus. Darauf basiert ganz viel unseres Gedankenguts. Wir gegen die anderen.

Also ist der Mensch deiner Meinung nach von Grund auf egoistisch?

Das ist zumindest eine philosophische Grundsatzfrage. Ist der Mensch zu einem tatsächlichen gemeinschaftlichen Leben in der Lage oder entwickelt er nur dann Gefühle für jemanden, wenn es ihn persönlich betrifft?

Schlafschafe ZDF Neo

Melanie (Lisa Bitter), Janosch (Emil Brosch) und Lars (Daniel Donskoy) bildeten eine glückliche Familie, bis die Verschwörungstheorien kamen (© ZDF/Raymond Roemke)

Wenn du sagst, dass es naiv ist, von einer nicht-korrupten Welt auszugehen: Wo hört ein gesundes Misstrauen gegenüber den anderen auf, wo beginnt eine Verschwörungstheorie?

Misstrauen ist gut und wichtig. Misstrauen bedeutet zunächst aber nur, dass du nicht alles glaubst, was man dir sagt. Wenn du dich beispielsweise in ein Thema einarbeiten willst und sagen wir mal vier verschiedene Zeitungen liest, dann bekommst du vier verschiedene Versionen derselben Wahrheit. Also suchst du dir die aus, die deinem sozialen Konstrukt am nächsten ist. Wenn ich zum Beispiel wissen will, ob eine Impfung schädlich ist, würde ich einen Arzt fragen und ihm vertrauen. Wäre ich hingegen ein Freund von Attila Hildmann, würde ich vielleicht ihm vertrauen. Wichtig ist es herauszufinden, ob eine Quelle vertrauenswürdig ist. Wir haben zum Beispiel alle ganz viel mit sozialen Medien zu tun. Aber nicht jeder, der soziale Medien folgt, hat die nötige Bildung, um das alles einzuordnen und zu erkennen, was vielleicht eine sponsored ad ist. Was ist Meinung? Was ist Information? Das unterscheiden wir heute gar nicht mehr, auch weil wir oft nur ganz schnell lesen und vielleicht sogar nur die Headline überfliegen. Dadurch fehlt die inhaltliche Auseinandersetzung.

Wenn die Leute sich unterschiedliche Quellen aussuchen, denen sie vertrauen: Warum greifen manche zu Verschwörungstheorien und andere zu faktenbasierten Quellen? Was macht die einen anfälliger als die anderen?

Das ist zum einen die Angst und Unsicherheit, wie ich vorhin bei Melanie meinte. Aber ich denke, dass auch Menschen, die jetzt zum Beispiel in der Pandemie alles verloren haben, dafür anfälliger sind. Denn sie wollen jemanden haben, der schuld ist. Menschen suchen immer nach einer Schuld, im Idealfall bei anderen. Das bedeutet, sich selbst und die eigene Realität nicht mehr hinterfragen zu müssen. Letztendlich gibt es aber viele Faktoren, nicht nur den einen. Zwar wird gern immer wieder behauptet, dass Bildung allein entscheidend ist. Aber das glaube nicht. Wenn du dir den Nationalsozialismus anschaust: Das waren nicht alles ungebildete Leute, die daran geglaubt haben.

Wie oft kommt es vor, dass du dich und deine eigene Realität hinterfragst?

Das tue ich durch meinen Beruf die ganze Zeit. Ich drehe dieses Jahr sehr gesellschaftsrelevante Projekte und bin mit ganz vielen politisch ausgerichteten Thematiken konfrontiert. Wenn ich in meiner neuen Late Night Talkshow Freitagnacht Jews andere jüdische Menschen zu ihrer Identität befrage, muss ich mich natürlich auch fragen, was denn meine eigene ist. Ein anderes Beispiel: In meiner Musik befasse ich mich viel mit dem Thema der Freiheit. Wann bin ich frei? Kann ich überhaupt wirklich frei sein? Bei Schlafschafe musste ich darüber nachdenken, was denn genau meine Meinung zu Corona und Verschwörungstheorien ist. Das brauche ich zum Beispiel bei der Figurenzeichnung. Ich brauche es aber auch, um mich jetzt mit dir zu unterhalten. Denn nur wenn ich bereit bin über etwas nachzudenken und meine Meinungen zu hinterfragen, kann es einen Austausch geben.

Bringt es also der Beruf der Schauspielerei mit sich, dass man offener durch die Welt geht?

Für mich ja. Aber das ist bei jedem bestimmt anders. Es hängt auch davon ab, was man spielen mag, ob du als Schauspieler unterhalten willst oder mehr erwartest. Ich selbst bin zum Beispiel großer Fan von den Sozialdramen von Ken Loach, wo es um gesellschaftsrelevante Themen auf humanoider Ebene geht. Das ist mein Faible. Deswegen suche ich selbst nach solchen Projekten, um mehr über die Menschen zu lernen. Denn du kannst letztendlich anderen Menschen nicht in die Köpfe schauen. Du kannst vielleicht mit einem MRT irgendwelche Hirnwellen messen. Doch schon so ein einfacher Satz wie „Ich liebe dich“ bedeutet bei zwei Menschen was völlig anderes. Und das finde ich wahnsinnig spannend.

Wir haben uns jetzt viel zu Verschwörungstheorien im Rahmen von Corona unterhalten. Aber wie sieht es mit der gesamten Situation aus? Hat dich die Corona-Pandemie verändert?

Sie hat mir den Nährboden gegeben, um mich mit diesen ganzen Themen zu befassen. Aber sie hat mir auch vor Augen geführt, was es heißt, allein mit mir und der Stille zu sein, und welche Gedanken dabei aufkommen. Ich bin jemand, der sich gern selbst reflektiert. Das hat mir Spaß gemacht. Es hat mir aber auch Angst gemacht, weil ich feststellen musste, dass in mir Ängste sind, die du im Alltag gar nicht bemerkst. Normalerweise kannst du dich in einer kapitalistischen Welt so beschäftigen, dass du alles Mögliche verdrängst. Das ging in der Pandemie nicht mehr. Bei mir hat es die Sinne geschärft, was ich vom Leben möchte und was nicht. Aber ich kann auch gut nachvollziehen, wenn viele damit gar nicht klarkommen und unter ihren plötzlich hervorkommenden Ängsten leiden.

Jetzt, da wir endlich wieder ein Licht am Ende des Tunnels sehen: Worauf freust du dich nach Corona am meisten? Was heißt du am meisten vermisst?

Spontanität. Ich liebe es, mich ganz spontan in Situationen zu begeben. Wenn du abends durch Berlin läufst ohne ein bestimmtes Ziel und dann ruft dich jemand an und überredet dich, irgendwo hinzugehen, das ist schon toll. Durch Bars ziehen, neue Leute kennenlernen, neue Geschichten hören, am nächsten Morgen dann zum Frühstücken zu deiner Familie gehen, am Leben anderer physisch teilhaben zu können, darauf freue ich mich am meisten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Daniel Donskoy wurde am 27. Januar 1990 in Moskau geboren. Kurz nach seiner Geburt zog die Familie nach Berlin. Er interessierte sich schon früh für die Musik, sang in mehreren Chören und spielte Klavier und Gitarre. Von 2011 bis 2014 absolvierte er eine Schauspiel- und Musicalausbildung an der Arts Educational School in London. Sein Theaterdebüt gab er 2014 in dem Stück Porn Virgins. Später verlagerte er seinen Schwerpunkt stärker in Richtung Fernsehen, spielte beispielsweise den Kleinkriminellen und Priesters wider Willen Maik Schäfer in der RTL-Serie Sankt Maik. Aber auch der Musik blieb er treu. Im Januar 2019 veröffentlichte er seine erste Single Cry by the river.



(Anzeige)

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort