In dem satirischen TV-Film Goldjungs (Sendetermin: 5. Mai 2021 um 20.15 Uhr auf Das Erste) spielt Michelle Barthel die junge und naive Bank-Sekretärin Marie Breuer. Anfangs noch sehr vorsichtig und zurückhaltend erliegt die aus einfachen Verhältnissen stammende Marie zunehmend den Verlockungen der Bank, in der auf der Jagd nach dem schnellen Geld kein Risiko zu groß ist. Wir haben uns mit der Schauspielerin über ihre Rolle, menschliche Gier und ein Leben mit dem Risiko unterhalten.

Was hat dich an Goldjungs gereizt, dass du da mitmachen wolltest?

Der Film erzählt die Geschichte der Herstatt-Pleite aus dem Blickwinkel einer jungen Frau, die gerade erst in der Bank angefangen hat. Marie Breuer kommt aus einem sehr behüteten, bescheidenen Zuhause und ist ausgestattet mit einer guten Portion Liebe und Bodenständigkeit. Sie taucht in eine Welt ein, die ihr zu Beginn fremd ist und die sehr von Männern dominiert wird, von Macht, Geld und Gier. Ich fand es sehr spannend zu erzählen, was mit dieser jungen Frau passiert und wie sie irgendwann die Lust verspürt, selbst an diesem Spiel teilzunehmen. Sie denkt sich: Was die Jungs können, das kann ich auch! Sie wächst mit den Erfahrungen, die sie dabei macht, und wird zu einer erwachsenen Frau.

Der Film spielt dabei in den 1970ern. Wie aktuell ist der Film deiner Meinung nach, trotz dieses historischen Settings?

Sehr aktuell! Der Crash der Herstatt-Bank war damals der erste große Bankencrash der deutschen Nachkriegsgeschichte. Diese Strukturen von damals haben immer noch Bestand. Man sieht immer wieder die gleichen Schemata. Zur Zeit ist die Wirecard-Affäre wieder sehr präsent in den Medien und es wird deutlich, dass sich jene Krisenart im Laufe unserer Geschichte immer wiederholt hat, bis heute.

Damit diese Mechanismen greifen, braucht es aber auch Menschen, die sich mit dem Versprechen des schnellen Geldes verführen lassen. Ist es heute leichter oder schwieriger, sich verführen zu lassen?

Gute Frage. Ich denke, dass sich da nicht viel verändert hat. Die Versuchung, in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen, ist nach wie vor sehr groß. Am Beispiel der Herstatt-Pleite stellt sich ebenfalls die spannende Frage: Ab wann wird es kriminell? Bei Marie ist es auch nicht so, dass sie sich von einem Moment zum nächsten hineinstürzt. Das ist ein schleichender Prozess. Das ist wie ein Sog, der einen immer weiter zum nächsten Schritt zieht. Wenn man dort reingerät, lässt sich, denke ich, schwer der eine Moment bestimmen, in dem einem bewusst wird: Ab dieser Grenze ist das eindeutig kriminell.

Goldjungs

Die Verführung des schnellen Geldes: Sekretärin Marie Breuer (Michelle Barthel) und Devisenhändler Mick Sommer (Tim Oliver Schultz) träumen von einem Leben in Luxus .(© WDR/Frank Dicks)

Wenn du sagst, dass auch Menschen, die sich dagegen wehren, wie eben Marie, langsam hineingezogen werden, ist der Mensch damit ein von Natur aus gieriges Wesen?

Ich glaube, dass diese Tendenz zumindest in jedem Menschen steckt. Geld bedeutet Macht, es bedeutet aber auch Freiheit. Wenn man so viel Geld hat, dass man alles tun kann, was man will, dann übt das schon eine Anziehungskraft aus. Eine ultimative Freiheit, die dir mehr oder weniger alles erlaubt. Es bleibt eine Entscheidung, ob man sich dieser Gier bewusst hingibt und damit in Kauf nimmt, dadurch großes Leid zu erzeugen.

Hättest du in dieser Situation widerstehen können? Das ist natürlich reine Spekulation. Aber du wirst dir die Frage vermutlich selbst gestellt haben.

Klar, das habe ich. Ich denke, dass ich mich am Anfang wie Marie einfach nicht getraut hätte, ein solches Risiko einzugehen. Das Geld meiner Mutter würde ich vermutlich nie einsetzen, da wäre eine Grenze überschritten. Aber auch bei meinem eigenen Ersparten wäre ich vermutlich vorsichtig und würde nur einen Teil davon nehmen. Meiner Meinung nach ist es wichtig, sich schon früh mit dem Thema Geld und der Verantwortung auseinanderzusetzen, die dieses mit sich bringt.

Nehmen wir an, du hättest dich getraut und wärst tatsächlich plötzlich zu einem Vermögen gekommen: Was würdest du mit dem Geld anfangen?

Ich würde vermutlich erst einmal meine mir lieben Menschen, meine Familie und meine Freunde, so versorgen, dass es ihnen gut geht. Den Rest würde ich dann einer wohltätigen Organisation spenden oder eine Partnerschaft mit ihnen eingehen. Es gibt so viele wichtige Projekte, die zu unterstützen sind.

Noch einmal zum Thema Risiko: Muss man als Schauspieler bzw. Schauspielerin nicht ohnehin ein gewisser Weise ein Risikomensch sein?

Das ist eine schöne Frage. Klar, sich für einen Künstlerberuf zu entscheiden, ist immer mit einem Risiko verbunden. Wenn ich von außen darauf schaue und sehe, was es heißt, in diesem Bereich zu arbeiten, dann stimme ich dir da zu. Aus der Innenperspektive heraus muss ich aber sagen, dass ich gar keine andere Wahl habe, weil die Schauspielerei meine Berufung ist und ich gar nichts anderes machen wollte. Dafür liebe ich sie zu sehr. Insofern gehe ich gern das Risiko ein.

Am Ende des Films entscheidet sich deine Figur, nach ihren Erfahrungen in der Bank noch einmal etwas komplett Neues machen zu wollen. Für dich kam das also nie in Frage, etwas anderes als die Schauspielerei machen zu wollen?

Ich bin grundsätzlich schon sehr neugierig, was andere Berufe angeht. Was ich an der Schauspielerei so spannend finde, ist dass man viele verschiedene Leben führen kann. Ich kann in dem einen Film die Sekretärin einer Bank spielen, beim nächsten bin ich vielleicht eine Mechanikerin oder eine Politikerin. Auf diese Weise kann ich ganz unterschiedliche Bereiche entdecken und für einen Moment in diese Welten eintauchen. Darüber hinaus engagiere ich mich sehr gerne ehrenamtlich. Momentan arbeite ich beispielsweise mit Jugendlichen, um kleine Kurzfilme zu kreieren, weil mir das wahnsinnig viel Spaß macht, wie Kinder und junge Menschen mit dieser Kunstform umgehen.

Hattest du vor Goldjungs einen Bezug zur Finanzwelt oder hast du dir das alles erst für den Film angeeignet?

Tatsächlich hatte ich überhaupt keine Idee von Aktien oder Investitionen. Für den Film habe ich dann sehr viel Recherchearbeit betrieben. Ich wollte schließlich die einzelnen Schritte nachvollziehen können, die in dieser Bank passieren. Aber ich habe mich auch nach dem Film noch intensiv mit dem Thema beschäftigt und Bücher gelesen, weil ich es wichtig fand, selbständig zu sein und Verantwortung für meine Finanzen übernehmen zu können. Da gibt es natürlich tausend Wege, die man gehen kann. Aber ich kann jedem nur empfehlen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es war eine tolle Reise, die für mich noch weitergeht.

Nun hat aber nicht jeder die Möglichkeit, selbst Geld zu investieren. Ein Thema, das der Film auch immer mal wieder anspricht, ist die Schere zwischen Arm und Reich. Das Thema ist heute ja wieder sehr aktuell. Glaubst du, dass sich diese Schere wieder schließen lässt?

Ich glaube, dass da auf jeden Fall noch sehr viel Arbeit vor uns liegt. Wir müssen alles dafür tun, dass in unserer Gesellschaft auch die Schwächeren mitgenommen werden. Wir brauchen einen Lebensstandard, mit dem alle leben können. Früher war ich sehr pessimistisch, dass wir so etwas hinbekommen können. Inzwischen hat sich das etwas geändert. Gerade durch die Corona-Krise kommt so viel ans Licht und es werden Debatten geführt über Chancengleichheit, die vorher nicht geführt wurden. Das Bewusstsein für diese Probleme ist größer geworden. Deswegen bin ich positiv gestimmt, was die Zukunft angeht, auch wenn der Weg noch weit ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Michelle Barthel wurde am 30. Juli 1993 in Remscheid geboren. Während der Schulzeit spielte sie in einer Theater AG, später trat sie mit in der Theatergruppe Bühnenecho in Nottuln-Schapdetten auf. Ihre erste größere Kinorolle spielte sie in dem Kinderfilm Der zehnte Sommer (2003). Anschließend war sie vor allem im Fernsehen zu sehen, etwa in dem TV-Drama Keine Angst (2009), wofür sie mehrere Preise erhielt, sowie der Netflix-Serie Wir sind die Welle (2019).Neben ihrer schauspielerischen Arbeit ist sie auch musikalisch unterwegs (Gesang, Gitarre und E-Bass).



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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