Die Apple TV+ Serie Mythic Quest nimmt uns zu einem Spielestudio, welches mit dem gleichnamigen Online-Rollenspiel Erfolge feiert, und erzählt von den Menschen dahinter. Zum Start der zweiten Staffel am 7. Mai 2021 haben wir im Interview mit Showrunnerin Megan Ganz sowie Oscar-Preisträger F. Murray Abraham gesprochen, der in der Comedy Serie den Autor C.W. Longbottom spielt. Dabei reden wir nicht nur über die Serie, sondern auch ganz allgemein über die Geheimnisse und Anforderungen des Geschichtenerzählens.

Megan, könntest du uns als Teil des Kreativteams verraten, wie es zu Mythic Quest kam?

Megan: Ubisoft, einer der größten Videospielhersteller der Welt, kam auf uns zu und schlug uns das Thema vor. Es kommt oft vor, dass Leute dir sagen, sie hätten einen so unglaublich lustigen Job und dass du unbedingt eine Serie darüber machen solltest. Ubisoft hatte damit aber sogar recht. Der Bereich Videospiele ist ein interessantes, dynamisches Arbeitsumfeld und wir fanden, dass sich in diesem Kontext eine Komödie anbieten würde, bei der eine Gruppe von Leuten mit riesigen Egos zusammenkommen und einen Weg finden müssen zusammenzuarbeiten, trotz der vielen Schwierigkeiten.

Murray, warum wolltest du Teil dieser verrückten Welt werden?

Murray: Das Drehbuch ist großartig, ein echtes Geschenk für einen Schauspieler. Longbottom ist unter all den Figuren, die ich im Laufe der Zeit gespielt habe, einer meiner Favoriten. Es macht einfach wahnsinnig viel Spaß ihn zu spielen. Und ich mag es, andere zum Lachen zu bringen. Ich mag es auch, sie zum Weinen zu bringen. Aber ich ziehe am Ende das Lachen doch vor.

Hat einer von euch selbst Erfahrungen mit Videospielen?

Murray: Flipperautomaten.

Megan: Ich habe schon Videospiele gespielt, als ich aufgewachsen bin. Ich hatte aber keine Erfahrung damit, wie diese gemacht werden. Das war also ganz neu für mich. Ubisoft war in der Hinsicht aber sehr hilfreich und hat uns Leute vorgestellt, die in allen möglichen Bereichen arbeiten. Auf diese Weise konnten wir uns einen guten Einblick verschaffen. Ashly Burch, die in der Serie die Rolle der Rachel spielt, ist selbst eine große Gamerin und hat bei vielen Videospielen eine Synchronsprecherrolle übernommen. Sie hat uns eine Reihe von Videospielen vorgeschlagen, die wir als Vorbereitung spielen konnten. Das war nicht schlecht: in der Freizeit irgendwelche Spiele spielen und das dann Recherche nennen zu dürfen.

Ihr erzählt in euer Serie die Geschichte von Leute, die mithilfe eines Spieles Geschichten erzählen. Wie unterscheidet sich das Erzählen von Geschichten in einer Serie von dem in einem Spiel?

Murray: Als Schauspieler ist die Vorstellung einer Geschichte eine sehr altmodische. Ich glaube, dass wir Menschen Geschichten brauchen. Das liegt in unserer Natur. Nimm die Höhlenmalereien, eines der frühesten Beispiele dafür, dass Menschen Geschichten erzählen. Eine Geschichte muss dabei eine Form der Reise enthalten. Eine Distanz, die überwunden wird. Ich liebe Geschichte. Ich liebe es sie zu erzählen, zum Beispiel Ereignisse aus meinem Leben. Ich liebe es aber auch sie zu hören und mehr über andere zu erfahren. Darüber, wer sie wirklich sind. Denn die Geschichten, die du erzählst, verraten, wer du bist.

Megan: Was wir durch die Arbeit an der Serie gelernt haben, ist dass Videospiele von heute einen stärkeren Dialog mit den Spielern bilden. Wenn früher Spiele veröffentlicht wurden, dann waren sie in der Form fertig. Sie wurden nicht upgedatet, wurden nicht verändert. Sie waren, wie sie sind. In Massive Multiplayer Online Games sind die Spieler viel stärker involviert. Sie stellen Welten vor, in denen die Spiele viel Zeit verbringen, teilweise mehrere Jahre. Aber auch Spiele wie Red Dead Redemption werden kontinuierlich weiterentwickelt und an die Weise angepasst, wie die Spieler sie spielen. Bei TV-Serien versuchen wir das auch. Wenn die erste Staffel draußen ist, schauen wir, wie die Leute darauf reagiert haben, was sie mochten und wollen das dann weiter verstärken. Es wird also eine Geschichte erzählt, die gemeinsam von den Leuten hinter der Serie und dem Publikum entwickelt wird. Ian und Poppy haben in Mythic Quest etwas erschaffen, das für die Spieler mehr ist als nur ein Spiel. Es ist eine richtige Welt, weshalb manche dann auch ziemlich sauer sind, wenn du etwas an daran veränderst. Die beiden machen also eine recht ähnliche Erfahrung, wie wir sie mit der Serie machen.

Wenn Geschichten für uns so wichtig sind: Was ist das Geheimnis einer guten Geschichte?

Murray: Das ist eine gemeine Frage, auf die es so keine Antwort gibt. Ich habe eine Sammlung mit den 50 besten Kurzgeschichten der Welt. Jede davon ist komplett anders, auch weil sie aus der ganzen Welt stammen. Die Geschichte eines Südafrikaners ist beispielsweise anders als die eines Südamerikaners. Das Geheimnis einer guten Geschichte bleibt deshalb ein Geheimnis.

Megan: Und wenn Murray das Geheimnis nicht kennt, dann kann es niemand kennen.

Murray: Ha, das ist der Vorteil davon, wenn du so alt bist wie ich! Du kannst alles Mögliche sagen und die Leute bezeichnen dich als weise, selbst wenn du nicht die geringste Ahnung hast. Ich weiß nur, dass es toll ist, das wir inmitten dieser bescheuerten Pandemie immer noch Geschichten erzählen können. Denn das brauchen wir.

Megan, du hast vorhin gemeint, dass ihr bei der Serie Bezug nehmt auf die Welt da draußen. Es gibt beim Geschichtenerzählen ja verschiedene Richtungen. Die einen wollen etwas über die Welt sagen, die anderen eine temporäre Flucht bieten, um die Welt vergessen zu können. Ist es dabei überhaupt möglich, eine Geschichte zu erzählen, die komplett unabhängig von unserer Welt ist?

Megan: Möglich ist es wahrscheinlich. Ich selbst habe aber keine Ahnung, wie man das macht. Vielleicht bin ich nicht kreativ genug, aber ich lasse mich immer von meinem Leben oder Menschen inspirieren, die ich kenne. Die lustigsten, verrücktesten und interessantesten Dinge in meinem Leben sind eigentlich ganz gewöhnlich. Und ich denke, dass es auch das ist, was das Publikum anspricht. Die Leute wollen immer ein bisschen von sich selbst in einer Figur sehen, selbst wenn es sich dabei um ein Alien handelt. Deswegen haben wir in der zweiten Staffel von Mythic Quest auch bewusst Bezug zu Covid genommen. Es hätte sich einfach falsch angefühlt, eine Welt zu zeigen, in der die Pandemie nicht stattgefunden hat. Deswegen haben wir das Thema mehrfach aufgegriffen. Gleichzeitig wollten wir aber auch die Freude zeigen, dass wir das jetzt langsam hinter uns lassen können. Wir wollten eine Welt, in der wir wieder das tun können, was wir lieben.

Welche Arten von Geschichten mögt ihr selbst?

Murray: Ich mag Geschichten, die mich zum Lachen oder zum Weinen bringen. Und ich mag Geschichten, die mich zum Nachdenken bringen und die meine Welt erweitern. Die mir andere Menschen vorstellen und andere Lebensstile.

Megan: Ich mag Geschichten über Menschen, die irgendwie kaputt sind, die nicht so schlau und clever sind, wie sie es gerne wären. Menschen, die Fehler machen und hinfallen, die aber wieder aufstehen und es besser machen wollen.

Du wirst uns also keine Superheldengeschichten erzählen?

Megan: Nun, jeder Superheld braucht eine Schwachstelle. Irgendetwas, das dich drankriegen kann. Das kleine bisschen Kryptonit. Nur dann ist die Geschichte interessant. Sonst hast du nur eine perfekte Figur, bei der sich nie etwas ändern wird. Das wäre mir zu langweilig.

Das Erzählen einer Geschichte besteht immer aus zwei Elementen: das „was“ der Geschichte und das „wie“, also die konkrete Ausführung, zum Beispiel die Schauspielerei. Da ihr aus unterschiedlichen Bereichen des Geschichtenerzählens kommt: Welches der beiden Elemente ist am Ende wichtiger, das Material oder die Umsetzung?

Murray: Ich sage dir etwas, das Miloš Forman einmal gesagt hat. „Wenn du ausprobieren willst, ob ein Dialog gut ist, dann gib ihn keinem guten Schauspieler. Ein guter Schauspieler kann selbst schlechte Dialoge gut rüberbringen. Gib ihn einem Laien zum Vorlesen. Wenn ein Dialog aus dem Mund eines Laien überzeugt, dann ist er gut geschrieben.“ Deswegen denke ich, dass beides gleich wichtig ist.

Megan: Ich stimme da Murray zu. Das sind zwei Seiten derselben Medaille. Du kannst das nicht wirklich voneinander trennen. Kein Schauspieler ist gut genug, um eine schlechte Geschichte zu retten, und umgekehrt. Deswegen versuchen wir am Set möglichst offen zu sein. Wir haben eine Idee, was wir am Set erreichen wollen, sind aber nicht sklavisch an das Papier gebunden. Komödien sind von Grund auf unbeständig und wankelmütig. Da kann es schon mal sein, dass du spontan Sachen änderst, um das zu finden, was in dieser Situation wirklich komisch ist. Es ist in Ordnung, den Text zu ändern, um ihn an die Szene anzupassen. Denn auf diese Weise hast du am Ende ein besseres Ergebnis.

Wie viel von Mythic Quest ist dann am Ende Improvisation?

Megan: Ein guter Teil. Wenn du mit jemandem wie F. Murray Abraham arbeitest, dann lässt du ihm Freiraum.

Murray: Es gab beim Dreh Improvisation. Aber die Grundlage bildet immer das Drehbuch. Denn das ist so stark, dass du darauf aufbauen kannst.

Ein Reiz von Mythic Quest war es, wie du vorhin gesagt hast, einen Einblick in die Welt der Videospiele zu bekommen und zu verraten, wie das dort abläuft. Wie schwierig war es, eine zweite Staffel zu entwickeln, die automatisch nicht mehr dieses Element des Neuen hat?

Megan: Ich fand es tatsächlich viel einfacher. Bei der ersten Staffel mussten wir noch die ganzen Grundlagen schaffen, etwa die Einführung der Figuren. Wir mussten sagen, wer sie sind, was sie tun. Das brauchten wir dieses Mal nicht. Bei der zweiten Staffel konnten wir einfach Spaß haben. Außerdem hat das uns ermöglicht, die einzelnen Figuren zu vertiefen. Während sich Mythic Quest letztes Jahr sehr auf Ian und Poppy konzentrierte, können wir jetzt auch die Hintergründe der anderen vorantreiben. Wir lernen zum Beispiel C.W. näher kennen und wo er herkommt.

Letzte Frage: Wenn ihr in dem Spiel Mythic Quest eine Figur übernehmen müsstet, welche wäre das?

Megan: Ich wäre wahrscheinlich ein Zauberer. Ich mag Zaubersprüche und die Vorstellung zaubern zu können.

Murray: Bei mir wäre es ebenfalls ein Zauberer.

Vielen Dank für das Gespräch!



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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