Inhalt / Kritik

Brief Encounter Begegnung

„Begegnung“ // Deutschland-Start: 30. August 1946 (Kino)

Nach Außen hin wirkt Laura Jesson (Celia Johnson) wie eine glückliche Ehefrau und fürsorgliche Mutter, doch eine zufällige Begegnung lässt sie ihre Ehe hinterfragen. Wie jeden Donnerstag geht sie zunächst einkaufen und danach ins Kino, wonach sie den Zug zurück nach Hause nimmt. Doch während sie im Warteraum sitzt, begegnet sie Alec (Trevor Howard), einem Arzt, der in einer hiesigen Klinik aushilft. Obwohl auch Alec verheiratet ist, sind beide fasziniert voneinander und beschließen, sich nächste Woche wiederzusehen und dieses Mal den Tag miteinander zu verbringen. Gegenüber ihrem Mann verheimlicht Laura das Treffen, schämt sich sogar ein wenig dafür und fühlt sich schuldig, freut sich aber genauso ihn endlich wiederzusehen. Alec erging es ähnlich, während der langen Woche Wartezeit, wie er Laura beim Wiedersehen gesteht. Sowohl für Alec wie auch für Laura wird dieser Donnerstag zu einem besonderen Tag, denn beiden werden die Gefühle klar, die sie füreinander empfinden, wobei vor allem Lauras Pflichtgefühl und Scham gegenüber ihrer Familie, sie noch davor bewahrt, sich auf diese Liebe einzulassen.

Dennoch setzen beide die Treffen jeden Donnerstag fort und auch Laura will ihre Liebe für Alec nicht mehr länger geheim halten, zumindest nicht für diesen einen Tag in der Woche. Auch die Angst, bei diesen Treffen von Bekannten gesehen zu werden, nimmt ab, wollen doch beide die Zeit, die sie haben, so gut es geht nutzen. Als Alec dann von einem Bekannten dessen Wohnung in seiner Abwesenheit bezieht, ist dies ein weiterer entscheidender Schritt für ihre Beziehung, der von beiden eine Entscheidung für ihre Familien oder ihre neue Liebe verlangt.

Eine Liebe auf Zeit

Neben Lawrence von Arabien gehört Begegnung wohl zu den bekanntesten Werken des britischen Regisseurs David Lean, der die Geschichte auf einem Theaterstück des Dramatikers Noël Coward (Geisterkomödie) basierte. Kurze Begegnung, wie das Stück Cowards heißt, beschreibt eben jenes entscheidende Treffen der beiden Hauptcharaktere, was für die Adaption auf Spielfilmlänge noch ausgebaut und erweitert wurde. Der Film wurde zu einem großen Erfolg bei Kritik und Publikum, und es folgten Oscarnominierungen für Celia Johnson in der Rolle der Laura, wie auch Nominierungen für das Drehbuch und die Beste Regie. Für viele Kritiker gilt Begegnung bis heute als einer der besten britischen Filme, so platzierte ihn beispielsweise das British Film Institute auf Platz zwei einer Liste der besten Filme des Landes.

Die besondere Leistung von Leans Inszenierung liegt gerade in der Ökonomie der Mittel. Auch wenn naturgemäß viel mehr Orte und Charaktere zu der Geschichte hinzukommen, wenn man sie von der Theaterbühne für den Film adaptiert, behält Lean die Begrenztheit des Raumes bei. Gerade Räume wie der Warteraum des Bahnhofs, dem innerhalb der Handlung eine entscheidende Bedeutung zukommt, verändert sich mit der Zeit, wird zu einem Platz, an dem sich Laura und Alec ihre Gefühle erlauben, der aber auch verdeutlicht, wie vergänglich diese Momente eigentlich sind. Immer mehr wird der Raum, in Kombination mit der Kameraarbeit Robert Kraskers, zu einem Ausdruck der Intensität der Gefühle, welche beide füreinander empfinden, doch auch für die Notwendigkeit einer Entscheidung, entweder für ihre Beziehung oder für ihre Familien.

Diverse Signale, Bilder wie auch Geräusche, dienen innerhalb der Geschichte als Erinnerungen an die Grenzen dieser Beziehung, aber auch als Symbole für die leidenschaftlichen Gefühle der beiden Liebenden. Das sich wiederholende Bild einer Uhr oder das Signal eines in den Bahnhof einfahrenden Zuges scheint sowohl Alec wie auch Laura an ihr anderes, bürgerliches Leben zu erinnern, in dem ihre Beziehung keinen Platz hat oder gar einen gesellschaftlichen Affront darstellt. Ihre Liebe ist auf Zeit und es liegt an ihnen über die Begrenzung hinauszugehen und etwas mehr zu wagen.

Die Alternativen eines Lebens

Über die Struktur der Liebesgeschichte ergibt sich ein sehr hellsichtiges und teils noch heute relevantes Bild über gesellschaftliche Konventionen. In der Inszenierung, die sich vor allem auf Lauras Sicht auf die Ereignisse konzentriert, wird der scharfe Kontrast von ihrem bürgerlichen, mittelständischen Zuhause hin zu ihrer Beziehung zu Alec immer wieder in den Vordergrund gestellt. Abermals hervorgehoben durch die Wahl der Kameraperspektive erscheinen die so bekannten Räumlichkeiten ihres Zuhauses wie eine Art Gefängnis, die gewohnten Abläufe mit ihrem Mann begrenzend, der teils nichts anderes wahrnimmt als das Kreuzworträtsel, welches er gerade ausfüllt.

In der Darstellung Celia Johnsons und Trevor Howards als Laura und Alec zeigen sich zwei Menschen, die konfrontiert sind mit einer Alternative für ihr Leben. Insbesondere über das Voice-Over, das die Gedanken Lauras wiedergibt, aber genauso ihr Schauspiel zeigen jenen Widerspruch zwischen Gefühl, Handeln und eben jenen Konventionen, denen sie wegen ihres Berufes, ihres Standes und ihres Geschlechts gegenüber verpflichtet sind. Die Entscheidung für oder gegen ihre Beziehung wird in Leans Film nicht nur zu einer Liebesgeschichte, sondern eine für oder gegen jene Werte, die gesellschaftlich akzeptiert sind.

Credits

OT: „Brief Encounter“
Land: UK
Jahr: 1945
Regie: David Lean
Drehbuch: Noël Coward, Anthony Havelock-Allan, David Lean, Ronald Neame
Musik: Sergei Rachmaninow
Kamera: Robert Krasker
Besetzung: Celia Johnson, Trevor Howard, Stanley Holloway, Joyce Carey, Cyril Raymond, Everley Gregg, Margaret Barton

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1947 Beste Regie David Lean Nominierung
Beste Hauptdarstellerin Celia Johnson Nominierung
Bestes Drehbuch Anthony Havelock-Allan, David Lean, Ronald Neame Nominierung

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Begegnung
"Begegnung" ist ein inszenatorisch wie schauspielerisch brillanter Liebesfilm. David Lean erzählt von einer Beziehung, die sich immer mehr gegen die Konventionen der Zeit stellt, und von Figuren, die mit sich im Konflikt stehen, ob sie sich ihren Gefühlen hingeben oder sich in ihre bürgerliche Existent zurückziehen sollen. Das ist packend inszeniert und gehört völlig zu recht in die lange Liste von außergewöhnlichen, zeitlosen Klassikern der Filmgeschichte.
10von 10

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