Inhalt / Kritik

Niagara

„Niagara“ // Deutschland-Start: 9. Oktober 1953 (Kino) // 20. Juli 2012 (DVD)

Eigentlich wollten Polly (Jean Peters) und Ray Cutler (Max Showalter) nur ihre Flitterwochen nachholen und hatten sich dafür ein Zimmer in einem Motel bei den Niagarafällen reserviert. Zu ihrer großen Überraschung ist dieses aber nach wie vor durch das Paar Rose (Marilyn Monroe) und George Loomis (Joseph Cotten) belegt, die ebenfalls dort ausspannen wollen. Dieses Missverständnis ist schnell geklärt, die Cutlers nehmen stattdessen einfach ein anderes Zimmer. Doch damit fängt die Geschichte erst an, denn Polly wird Zeugin, wie die attraktive Rose ihren durch den Krieg traumatisierten und rasend eifersüchtigen Mann mit einem anderen Mann betrügt. Und es soll nicht bei einer kleinen Affäre bleiben: Kurze Zeit später wird eine Leiche gefunden …

Düsteres in knallbunten Farben

Was genau macht ein Genre eigentlich zu einem Genre? Während viele ein intuitives Verständnis davon haben, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, zeigt sich doch oft am Einzelfall, dass die Sache etwas komplexer ist. Siehe den Film noir. Während dieser inhaltlich durch Verbrechen und eine oft zynische Weltsicht geprägt war, assoziieren wir mit dem Begriff visuell dunkle Schwarzweiß-Bilder. Schließlich wurde die Bezeichnung für eine Reihe von Kriminalfilmen ausgedacht, die in den 1940ern und 1950ern populär waren und sehr mit Kontrasten und Schatten spielten. Wörtlich aus dem Französischen übersetzt waren die „schwarzen Filme“ sehr düstere und zugleich ausdrucksstarke Werke in der Tradition klassischer Detektivgeschichten.

Aber es geht auch anders, wie Niagara beweist. Der Thriller aus dem Jahr 1953 wird zwar ebenfalls dem Film noir zugerechnet, könnte aber optisch gesehen kaum weiter von dem entfernt sein, was ursprünglich damit beschrieben wurde. Düster ist das Werk auf seine Weise schon, vor allem im Bezug auf den Inhalt. Statt kaum beleuchteter Gassen und finsteren Hinterhöfen gibt es hier jedoch Farben ohne Ende und viele weite Plätze. Die titelgebenden Niagarafälle an der Grenze zwischen den USA und Kanada werden in all ihrer Pracht inszeniert. Die Aufnahmen sind dabei so überwältigend und gleichzeitig idyllisch, als hätte Regisseur Henry Hathaway (23 Schritte zum Abgrund, True Grit – Der Marshal) eigentlich einen Werbefilm drehen wollen.

Abgründe hinter der Kulisse

Entsprechend groß ist der Kontrast dann auch zwischen dem Setting von Niagara und dem, was dort geschieht. Ausgerechnet die berühmten Wasserfälle, seit jeher ein prominentes Ausflugsziel von Paaren und Sinnbild verkitschter Liebeserklärung, wird zum Schauplatz eines Gewaltverbrechens, das muss man sich erst einmal trauen. Produzent Charles Brackett, der selbst längere Zeit in der dortigen Gegend gelebt hatte, war es, der die bekannten Bilder mit einer unerwarteten Geschichte verbinden wollte. Schon gleich zu Beginn macht der Film, an dessen Drehbuch Brackett auch mitgearbeitet hatte, deutlich, dass es hinter der bunten Fassade nicht ganz so schön zu sich geht. Die Ehe der Loomis ist von Misstrauen und Verrat geprägt, George selbst leidet an psychischen Erkrankungen, die Folgen seiner Kriegseinsätze.

Während die Figuren so mit geheimen Gefühlen und verborgenen Leiden zu kämpfen haben, ist die Geschichte an sich nicht übermäßig geheimnisvoll. Was es über die Figurenkonstellation zu sagen gibt, das erfährt das Publikum praktisch gleich zu Beginn. Dass diese kein gutes Ende nehmen wird, ist ebenfalls klar. Da wird so offensiv mit einer bedrohlichen Atmosphäre gearbeitet, dass es keine realistische Alternative dazu gibt. Zwischenzeitlich wird zwar schon mit einer kleinen Ambiguität gespielt. Dennoch: Niagara ist kein Film, von dem man sich unglaubliche Wendungen oder große Überraschungen erwarten sollte. Als einigermaßen genreaffiner Zuschauer bzw. Zuschauerin weiß man hier schon recht genau, worauf das alles hinauslaufen wird.

Fatale Ungewissheit

Spannend ist Niagara aber durchaus. Denn auch wenn man das meiste vorhersehen wird, so bleibt doch zumindest offen, ob es bei dieser einen Leiche bleiben wird. Zum Ende hin gibt es zudem ein paar Situationen, bei denen noch damit gespielt wird, ob sie tatsächlich brenzlig sind oder Teil einer einsetzenden Paranoia. Das tatsächliche Finale ist ohnehin für ein bisschen Nervenkitzel gut, wenn das idyllische Setting noch eine ganz andere Seite von sich zeigen darf. Da das Ensemble zum Teil gut mitspielt – darunter Marilyn Monroe in einer damals für sie untypischen Rolle der Femme fatale – ist der Film bald 70 Jahre später durchaus noch sehenswert, selbst wenn man bei der Geschichte und den Figuren doch eher genügsam war und sich zu sehr auf die tollen Kulissen verließ.

Credits

OT: „Niagara“
Land: USA
Jahr: 1953
Regie: Henry Hathaway
Drehbuch: Charles Brackett, Walter Reisch, Richard L. Breen
Musik: Sol Kaplan
Kamera: Joseph MacDonald
Besetzung: Marilyn Monroe, Joseph Cotten, Jean Peters, Max Showalter

Bilder

Trailer

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Niagara
„Niagara“ dreht sich um ein Paar, das in schöner Umgebung den eigenen hässlichen Seiten nachgibt. Der Thriller ist aufgrund der tollen Bilder noch immer sehenswert, an manchen Stellen auch spannend. Die Geschichte selbst gibt aber ebenso wie die Figuren nicht ganz so viel eher. Das ist alles recht simpel gestrickt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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