Inhalt / Kritik

Tödliche Gier

„Tödliche Gier“ // Deutschland-Start: 24. Februar 2021 (ZDF)

Der Haussegen hängt mal wieder schief bei Familie Bahnert. Vater Manfred (Harald Krassnitzer), der als Pastor arbeitet, wurde erneut versetzt, diesmal in ein kleines Dorf bei Hamburg. Das bedeutet für ihn und die anderen, wieder einmal von vorne anfangen müssen. Und das ist nicht einfach, da die örtliche Bevölkerung nicht viel von Fremden hält. Während Manfreds Frau Claudia (Ann-Kathrin Kramer) versucht, die frisch von ihr übernommene Apotheke auf Vordermann zu bringen, haben Tochter Svenja (Sofie Eifertinger) und Sohn Marius (Johannes Geller) ganz eigene Probleme. Bald wird das Quartett jedoch von anderen Sorgen getrieben, als die Gangster Hanno Pottek (Dirk Borchardt), Armin Wiesner (Thomas Sarbacher) und Robert Vollmer (Leonard Carow) vor ihnen stehen. Ihr Ziel sind die Diamanten, die irgendwo in der Kirche versteckt sein sollen. Und sie schrecken vor nichts zurück, um an eben diese Steine zu kommen …

Die Krise als Chance

Wenn es zwischen Menschen richtig kriselt, dann gibt es oft zwei Möglichkeiten, diese Krise hinter sich zu lassen. Das eine ist, eine schöne neue Erfahrung zu machen und damit die weniger schönen vergessen zu können. Urlaube sind an der Stelle immer wieder beliebt, etwa um scheiternde Beziehungen zu retten. Die andere ist, dass die Menschen in eine noch viel größere Krise geraten, welche sie zusammenschweißen. Denn wer erst einmal gemeinsam durch die Hölle gegangen ist, der nimmt die nicht mehr ganz so existenziellen Probleme weniger wichtig. Ein Beispiel hierfür ist der ZDF-Thriller Tödliche Gier, bei dem eine Familie, bei der eigentlich gar nichts mehr geht, durch eine Geiselnahme wieder zusammenfindet.

Ein bisschen Drama und Reibereien finden sich in solchen Geschichten natürlich fast immer. Und doch ist es offensichtlich, dass Regisseur und Drehbuchautor Thorsten Näter (Stumme Schreie) an dieser Stelle deutlich mehr will. Tatsächlich lässt er sich schon einiges an Zeit, um die Figuren vorzustellen, vor allem aber die diversen Konflikte. Da ist so viel Sprengstoff drin von den ehelichen Problemen über die Drogenneigung der Tochter bis zum pubertierenden Sohn, dass man den Thrillerpart sogar ganz hätte weglassen und trotzdem eine spannende Geschichte erzählen können. Wer Filme über Familien mag, die sich in den Haaren liegen, auch schon mal laut werden können, weil sie das mit der Kommunikation nicht so richtig hinbekommen, der kommt bei Tödliche Gier auf jeden Fall auf seine Kosten.

Jeder gegen jeden

Wobei auch der Thriller selbst unterhaltsam ist. Das liegt jedoch weniger an der Geschichte an sich. Gangster, die auf der Suche nach einer Beute sind, das ist jetzt nicht die hohe Kreativitätskunst. Dass der Schauplatz von Tödliche Gier ausgerechnet eine Kirche ist, sticht dabei natürlich schon hervor, ist für die Handlung aber mehr oder weniger irrelevant. Das hätte man auch austauschen können, ohne dass es viel ändert. Gleiches gilt für das dörfliche Setting. Das führt zwar zu weiteren Konflikten, wenn die Bahnerts nicht wirklich ankommen, und trägt somit zur angespannten Atmosphäre bei. Der Ablauf der Geiselnahme hätte aber auch anderweitig funktioniert.

Stark ist hingegen, auch während der Geiselnahme, der persönliche bzw. zwischenmenschliche Aspekt von Tödliche Gier. Das betrifft hier nicht nur die Familie, die sich zwar versucht zusammenzureißen, deren Nerven aber schnell blank liegen. Auch bei den Gangstern ergibt ein Wort schon mal das andere. Das Trio ist eben nicht aus gegenseitiger Sympathie zusammen unterwegs, sondern weil sie alle auf die Diamanten aus sind. Die anderen sind bestenfalls ein Mittel zum Zweck, oftmals ein Ärgernis. Immer wieder kommt es deshalb zu Bewegungen innerhalb der beiden Gruppen, die aneinander gefesselt sind und dabei doch am liebsten die anderen zum Teufel schicken würden.

Spannung bis zum Schluss

Das ist alles nicht ganz frei von Klischees, so manche Szene kommt einem dann doch bekannt vor. Dennoch: Gerade weil bei den Gangstern so manche Nerven blank liegen und das alles andere als eine eingeschworene Gruppe ist, kann man sich nie ganz sicher sein, wie das alles am Ende ausgeht. Hinzu kommt, dass die Bahnerts nicht ganz so unterwürfig und fügsam sind, wie sich ihre Geiselnehmer das wünschen würden. Immer wieder versuchen einzelne Familienmitglieder, den Ausgang der Geschichte zu beeinflussen, mit mal originellen, dann wieder waghalsigen Methoden, die gleichermaßen ein Happy End wie eine Katastrophe zur Folge haben könnten. Dass da noch das letzte Quäntchen Mut fehlt, ist bei einem Film des öffentlich-rechtlichen Fernsehens leider nicht überraschend. Zum Schluss machte man es sich schon recht einfach. Die Spannung stimmt aber, Tödliche Gier ist kurzweilige Abendunterhaltung mit einem engagierten Ensemble.

Credits

OT: „Tödliche Gier“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Thorsten Näter
Drehbuch: Thorsten Näter
Musik: Axel Donner
Kamera: Joachim Hasse
Besetzung: Harald Krassnitzer, Ann-Kathrin Kramer, Sofie Eifertinger, Johannes Geller, Thomas Sarbacher, Dirk Borchardt, Leonard Carow

Bilder

Interview

Tödliche GierWie bereitet man sich als Schauspielerin auf eine solche Extremsituation wie eine Geiselnahme vor? Und was ist das Geheimnis einer erfolgreichen Familie? Diese und weitere Fragen haben wir Hauptdarstellerin Ann-Kathrin Kramer in unserem Interview zu Tödliche Gier gestellt.

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Tödliche Gier
In „Tödliche Gier“ wird eine Familie in der Krise von Gangstern als Geisel genommen, während die nach versteckten Diamanten suchen. Die Geschichte an sich ist dabei nichts Besonderes, da kommt einem schon so manches bekannt vor. Dafür überzeugt der TV-Thriller mit der zwischenmenschlichen Dynamik, wenn eigentlich ständig die Fetzen fliegen und man nur darauf wartet, dass das alles in einer Katastrophe endet.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

3 Responses

  1. Theis

    „An einem Tag wie jeder andere“ aus dem Jahr 1955 mit Humphrey Bogart und Fredric March in den Hauptrollen lässt grüßen.
    Aber recht ordentliche Neuverfilmung des Stoffes.

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  2. Mocoho

    Das war KEIN Thriller, das war einfach nur schlecht! Allein, als alle Dorftrottel zum Einsatz kamen, für mich einfach nur dämlich! Albern und dümmlich.

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