In Tödliche Gier (TV-Termin: 24. Februar 2021 um 20.15 Uhr im ZDF) erzählt die Geschichte einer vierköpfigen Familie, die ein neues Leben in einem kleinen Dorf beginnen will. Doch das Glück wird früh gestört, als eine Gruppe von Verbrechern auftaucht, die ausgerechnet in der Kirche, in der der Vater als Pastor arbeitet, versteckte Diamanten sucht und deswegen die Familie als Geisel nimmt. Wir haben uns mit Ann-Kathrin Kramer, die in dem TV-Thriller die Rolle der Mutter spielt, über den Film, wertvolle Lektionen fürs Leben und Familienprobleme unterhalten.

In Ihrem Film Tödliche Gier spielen sie eine Frau, die zusammen mit ihrer Familie als Geisel genommen wird. Was hat Sie an dem Stoff gereizt?

Zum einen habe ich mit dem Regisseur Thorsten Näter schon mehrere Male zusammengearbeitet und hatte mit ihm im Laufe der Jahre immer wieder schöne Projekte. Ein weiterer Grund war natürlich, dass ich mit meinem Mann Harald Krassnitzer zusammen spielen durfte. Außerdem habe ich eine Schwäche für solche Ensemblefilme, wo man in einem Team zusammenarbeitet und den Film gemeinsam trägt. Das ist immer sehr spannend. Es waren auch wirklich tolle Kollegen dabei wie zum Beispiel Thomas Sarbacher, mit dem ich ebenfalls schon mehrfach gedreht habe und den ich sehr schätze. So etwas ist dann einfach schön.

Der Film erzählt von einer Extremsituation, wie sie zum Glück kaum einer von uns je selbst erleben muss. Wie bereitet man sich als Schauspielerin darauf vor, so etwas zu spielen?

Man entwickelt eigentlich bei jeder Rolle erst einmal mehrere Gedankenmodelle, um sich auch ein bisschen frei zu halten und nicht in ähnliche Muster zu fallen. Natürlich hat jeder eine Vorstellung davon, wie er reagieren würde. Das ist ein ganz normaler Reflex. Davon muss man sich dann aber meiner Meinung nach wieder freimachen, denn es geht bei dieser Rolle ja nicht um dich. Irgendwann kommen dann auch die Visionen des Regisseurs dazu oder die, die sich beim Spielen entwickeln. Das ist also eher eine Art ständiger Prozess. Am Ende ist es natürlich ein Herantasten an etwas, das Fiktion ist. Irgendwann musst du dich beim Dreh entscheiden, wer dein Charakter ist und wie er sich verhält. Und das kann schon ganz anders sein als das, was du im ersten Moment dachtest. Was mich bei einem Film wie Tödliche Gier besonders interessiert, ist sich von einem einfachen Heldentum zu entfernen. Von dieser Annahme, dass du in einem solchen Moment, der so extrem ist, weißt, was du zu tun hast. Das weiß in dem Moment niemand. Es kann auch keiner wirklich vorhersagen, wie er da reagieren würde.

Sie werden sich das aber sicher auch selbst gefragt haben. Wenn Sie spekulieren müssten, wie würden Sie Ihrer Meinung nach reagieren?

Ich weiß es wirklich nicht. Wenn ich aber unbedingt spekulieren müsste, könnte ich mir vorstellen, dass ich irgendetwas total Unvernünftiges tue. Ich bin jetzt zwar niemand, der an das Horoskop auf der letzten Seite in Zeitschriften glaubt. Aber ich merke schon, dass ich ein Widder bin und gelegentlich mit einer Impulskraft handle, bevor ich lange überlege. Das könnte mir da auch passieren. Aber das wäre wie gesagt reine Spekulation. Vielleicht säße ich auch nur völlig verängstigt in einer Ecke.

Glauben Sie, dass das Durchspielen einer solchen Situation, wenn auch in einem fiktiven Rahmen, darauf vorbereiten kann, wenn eine solche Situation wirklich einmal passieren sollte?

Das ist ein interessanter Gedanke. Ich habe einmal eine Frau gespielt, die Opfer eines Übergriffes wurde. Mit Stuntleuten und Kollegen sind wir dann durchgegangen, wie man sich in einem solchen Fall verhält, wie man sich wehrt, wohin man hauen muss, um sich zu verteidigen. Nachher habe ich mich gefragt, ob mir das im Ernstfall einfiele, was ich an dem Drehtag gelernt habe.

Was haben Sie ganz allgemein durch die Schauspielerei für das Leben gelernt?

Das ist schwer zu sagen. Unser Beruf ist insofern etwas gemein, weil du eigentlich gar nichts kannst, aber lernst, so zu tun als ob. Du bist immer wie ein leeres Gefäß, in das etwas rein darf. Das ist am Ende gar nicht so erfüllend, weil du immer schauen musst, wo du diesen Inhalt dann herbekommst. Was ich aber gelernt habe, und das ist vermutlich gar nicht so unwichtig: den eigenen Spieltrieb beizubehalten, sich immer in Bewegung zu halten. An nichts so festzuhalten, dass du denkst, das hat jetzt Bestand. Immer im Fluss zu bleiben, wie es dieser Beruf erfordert, das ist etwas, das für ein Leben nicht unwesentlich ist.

Kommen wir noch einmal zu dem Film zurück. Neben der Geiselnahme gibt es in Tödliche Gier noch diverse andere Themen. Eines davon ist, dass die Familie neu in dem Dorf ist, von der einheimischen Bevölkerung aber nicht angenommen wird. Wo ist es Ihrer Meinung nach schwieriger anzukommen, in der Stadt oder auf dem Land?

Das ist natürlich extrem abhängig von den Menschen. Ganz pauschal kann man das daher nicht sagen. Ich glaube, das sind ganz unterschiedliche Herausforderungen und Lebensansätze. Wenn man in die Stadt geht, hat man vielleicht auch Lust auf eine bestimmte Anonymität oder hat das Gefühl, dort freier sein zu können, mehr Möglichkeiten zu haben. Das verspricht man sich ja von einer Stadt, dass sie einen so ein bisschen verschluckt. Bei einem Dorf hat man hingegen vielleicht das Bild einer heileren Welt oder einer anderen Form von Kommunikation, von einer Gemeinschaft. Davon möchte man dann auch ein Teil werden. Ob diese beiden Lebensbedürfnisse und die Erwartungen aber aufgehen, das hängt letztendlich davon ab, auf welche Menschen man trifft. Wenn du in einer Stadt stirbst und dann vier Wochen tot in deiner Wohnung liegst, ist das natürlich furchtbar. Genauso kannst du aber auch im Dorf in die Mangel genommen werden und du fängst an, dich zum Beispiel anders anzuziehen, um dem Bild dort zu entsprechen. Aber das sind Schreckensszenarien, die nicht eintreffen müssen. Du kannst sowohl in der Stadt wie auf dem Land wundervollen Menschen begegnen.

Wie ist es denn bei Ihnen? Sind Sie Stadt- oder Landmensch?

Ich bin ein bisschen beides. Ich habe lange in der Stadt gelebt und das genossen. Jetzt leben wir etwas dörflicher, was auch sehr schön ist. Durch meinen Beruf bin ich ohnehin immer wieder oft in Städten und habe deshalb diesen Ausgleich. Ich freue mich, wenn ich in Berlin drehen darf, freue mich aber auch, wenn ich wieder zurück darf. Ich brauche da schon irgendwie beides.

Tödliche Gier

Familie Bahnert in den Fängen skrupelloser Gangster (© ZDF/Hans-Joachim Pfeiffer)

Ein anderes großes Thema in Tödliche Gier ist die Dynamik innerhalb der Familie und die Probleme, die dort herrschen. Durch die Geiselnahme ist sie gezwungen, auf engem Raum zu sein, wodurch viele Konflikte hervorbrechen. Welche Probleme hat diese Familie? Wie würden Sie sie beschreiben?

Ich denke, dass die Familie ein bestimmtes Bild hat, wie eine gute Familie zu sein hat. Das betrifft vor allem den Pastor, aber seine Frau schon auch. Sie gefallen sich in der Idee, tolerant zu sein und offen zu sein und andere aufzufangen. Sie gehen dabei aber nicht in die Tiefe. Sie reden nicht wirklich darüber, warum die Tochter wieder Drogen nimmt, oder versuchen einen neuen Ansatz zu finden. Für mein Gefühl ist das eine Familie, die von sich denkt, dass sie das alles gut und richtig macht. Und doch funktioniert da vieles nicht. Wenn der Vater beispielsweise von Ort zu Ort zieht und sie es nie schaffen, sich so richtig einzuleben, und dadurch so ein kleines Nomadentum entsteht, dann muss das die Frau mittragen. Das müssen dann aber auch die Kinder mittragen. Und das ist über die Jahre wahrscheinlich nicht angesprochen worden.

Was hätte anders laufen müssen, damit das funktioniert? Was ist das Geheimnis einer erfolgreichen Familie?

Ich glaube, je weniger hierarchisch Familien aufgebaut sind, umso besser funktionieren sie. Sie müssen sich auch wirklich füreinander interessieren und genau hinschauen. Ich sehe immer wieder, wie Eltern ihre Kinder erziehen und versuchen, das so gut wie möglich zu machen. Der Wille ist also schon da. Aber ich frage mich manchmal, ob sie sich wirklich genug für ihre Kinder interessieren. Dass sie sich für sie als Menschen interessieren und nicht dafür, wie die Noten sind oder worin sie gut sind. Dass sie wissen wollen: Wer sind diese Kinder wirklich als Individuen? Das lässt sich auf alle Formen des Zusammenlebens und der Kommunikation übertragen. Eine Gemeinschaft bedeutet, sich auch einmal für etwas zu interessieren, was einem selbst nicht gefällt. Das heißt nicht, dass man sich unentwegt einander offenbaren muss. Aber man sollte im Sichtfeld bleiben. Das ist wichtig.

Tödliche Gier endet auf eine sehr versöhnliche Weise und blickt hoffnungsvoll in die Zukunft. Könnten Sie sich vorstellen, dass es einen weiteren Film gibt mit dieser Familie, losgelöst von dieser Geiselnahme?

Das glaube ich nicht. Möglich wäre es natürlich schon. Das müsste dann aber ein ganz anderes Genre sein, also kein Krimi, sondern eine reine Familiengeschichte.

Was steht ansonsten bei Ihnen an? Was sind Ihre nächsten Projekte?

Ich habe gerade ein schönes kleines Projekt mit dem ZDF gemacht. Das ist diesmal etwas ganz anderes. Da geht es um eine Frau, die sehr gut ist im Shoppen und deren Lebensglück ein gutverdienender  Mann ist. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Außerdem arbeiten wir an einer szenischen Lesung von Chocolat. Mit der hätten wir eigentlich schon im Winter angefangen, wenn uns der Virus nicht dazwischengefunkt hätte. Jetzt hoffen wir, dass wir bald loslegen dürfen.

Zur Person
Ann-Kathrin Kramer wurde am 4. April 1966 in Wuppertal geboren. Nachdem sie zuerst als Schauwerbegestalterin gearbeitet hatte, nahm sie mit 23 Schauspielunterricht. Anschließend arbeitete sie vor allem im Fernsehen. Ihre ersten durchgehenden Serienrollen hatte sie in Hallo, Onkel Doc! (1994) und Die Partner (1995). Ein erster größerer Kinofilm war die Komödie Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit (1998), in der sie die Ex-Frau von Christoph Waltz spielte. Neben ihrer Schauspielerei schrieb sie noch zwei Kinderbücher. Seit 2009 ist sie mit dem österreichischen Schauspieler Harald Krassnitzer verheiratet.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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