Mayday

Mayday

Kritik

Eben noch befand sich Ana (Grace Van Patten) bei der Arbeit, wo sie wie immer Leute bediente. Doch als sie einer fremden Stimme folgend in einen Ofen steigt, ist nichts mehr davon übrig. Stattdessen findet sie sich in einer seltsamen Welt wieder. Immerhin: Sie ist nicht allein. Mit ihr sind Marsha (Mia Goth), Gert (Soko) und Bea (Havana Rose Liu), die sie darauf vorbereiten, wie man sich in dieser von Krieg geprägten Welt durchschlägt – und wie man gegen Männer besteht. Ihr Trick: Sie senden Notrufe auf, mit denen sie Ahnungslose anlocken, nur um sie dann später auszuschalten. Während Ana so langsam in ihre Rolle hineinwächst, wird gleichzeitig die Frage immer lauter: Und wie geht es weiter?

Der Weg in eine fremde Welt

Ob wir in Alice im Wunderland durch einen Kaninchenbau fallen, in den Narnia-Geschichten durch einen Wandschrank schlüpfen oder in Chihiros Reise ins Zauberland einen verlassenen Vergnügungspark besuchen – in der Literatur- und Filmgeschichte gab es jede Menge Beispiele, wie ganz gewöhnliche Protagonisten und Protagonistinnen durch eine Art Portal magische Parallelwelten erreichen, die für das allgemeine Auge unsichtbar sind. Vorbilder und Vergleichsmöglichkeiten gibt es also genug, wenn sich in Mayday Ana durch einen Ofen quetscht, nur um dann an einem fremden Ort wieder aufzutauchen. Und doch, obwohl es so einfach aussieht, ein wirklicher Vergleich will nicht ganz gelingen.

So gibt es an Anas neuem Zuhause, das wohl eine Insel irgendwo im Nirgendwo sein soll, keine eigentlich magischen Elemente. Es gibt keine Zauberer oder böse Monster, sieht man von den menschlichen vielleicht einmal ab. Die meisten Sachen, die sich hier abspielen, könnten durchaus in unserer Welt geschehen. Doch das ist eben auch das Anliegen von Regisseurin und Drehbuchautorin Karen Cinorre, die hiermit ihr Langfilmdebüt abgibt. Mayday ist eine zwar surreale, aber immer noch erkennbare Auseinandersetzung mit dem Leben der Protagonistin – und vor allem dem Patriarchat, das sich Frauen zu Untertanen macht.

Zeit für den Gegenangriff

„You need to stop hurting yourself and start hurting others“, sagt Marsha, welche die gestrandeten jungen Frauen anführt, an einer Stelle zu Ana. In gewisser Weise ist Mayday dann auch ein weiterer Vertreter des unermüdlichen Rape-and-Revenge-Thrillers, wo misshandelte Frauen zum Gegenangriff übergehen und die Jäger zur Beute machen. Ein schön gemeiner Einfall ist in der Hinsicht, wie die Protagonistinnen mit falschen Notrufen die Männer erst anlocken, vergleichbar zu den berühmten Sirenen aus der griechischen Mythologie. Die vermeintliche Damsel in Distress, ein Klassiker in aus männlicher Perspektive erzählten Abenteuern, wird hier selbst zu einer tückischen Jägerin, welche einen Schwachpunkt der Männer gnadenlos ausnutzt: die Sehnsucht, ein Held zu sein.

Helden gibt es keine in Mayday, gleich welchen Geschlechts. Zumindest soweit einen Cinorre das beurteilen lässt. Charakterisierung ist dabei sicher nicht die große Stärke der Debütantin. Man erfährt weder über Ana noch die anderen etwas Relevantes. Von den Männern ganz zu schweigen, die so schnell wieder verschwunden sind, dass man sie schon mal verpassen kann. Auch sonst ist das Werk, das auf dem Sundance Film Festival 2021 Weltpremiere hatte, keines, das es besonders konkret mag. Schon die Einteilung in ein Genre ist eher schwierig, wenn Elemente von Fantasy und Krieg auf Drama treffen. Man könnte auch Mystery dazu sagen, was aber in erster Linie darauf zurückzuführen ist, dass es keine richtigen Antworten gibt.

Ein schönes Rätsel

Interessant ist der eigenwillige Mix, der selbst für eine Musical-Nummer noch Platz hat, aber durchaus. Die traumartige Atmosphäre, die wundervollen Bilder der Küstenidylle, die in einem starken Kontrast zum Inhalt stehen und das talentierte Quartett fesseln selbst dann, wenn der Inhalt nicht wirklich vorankommt. Außerdem lädt Mayday natürlich zum Nachdenken und Interpretieren ein. Während manche Punkte wie der Drang, aus der Opferrolle wieder herauszukommen und die Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen, selbsterklärend sind, bleiben doch genügend Fragezeichen übrig, um die man sich kümmern kann. Auch wenn man sich an der einen oder anderen Stelle wünschen würde, die angeschnitten Themen würden konsequenter verfolgt und vertieft, so bleibt doch ein reizvoller Trip ins idyllische Unbewusste.

Credits

OT: „Mayday“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: Karen Cinorre
Drehbuch: Karen Cinorre
Musik: Colin Stetson
Kamera: Sam Levy
Besetzung: Grace Van Patten, Mia Goth, Soko, Havana Rose Liu, Juliette Lewis, Théodore Pellerin

Bilder

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In „Mayday“ schlüpft eine Frau durch einen Ofen und landet an einem fremden Küstenort, wo andere junge Frauen Jagd auf hilfsbereite Männer machen. Der Film erinnert thematisch an Rape-and-Revenge-Thriller, ist stattdessen jedoch ein kaum greifbarer Genremix mit einer traumartigen Atmosphäre. Das wird zwar nie wirklich konkret oder tiefgründig, ist aber interessant, schön bebildert und stark besetzt.
7
von 10