Inhalt / Kritik

Du lebst noch 105 Minuten Sorry Wrong Number

„Du lebst noch 105 Minuten“ // Deutschland-Start: 12. Juni 1951 (Kino) // 4. Dezember 2019 (DVD)

Eigentlich wollte die bettlägerige, neurotische Leona Stevenson (Barbara Stanwyck) nur ihren Mann Henry (Burt Lancaster) erreichen, der auch Stunden später immer noch nicht von der Arbeit nach Hause gekommen ist. Doch als die Telefonistin sie verbinden will, landet Leona versehentlich in einem anderen Gespräch. Dabei wird sie Zeugin, wie zwei Männer den Mord an einer Frau besprechen. Beunruhigt über die von ihr belauschten Pläne, versucht sie zuerst die Vermittlung, danach die Polizei auf den Fall anzusetzen – jedoch ohne Erfolg. Und auch ihre Bemühungen, doch noch irgendwie ihren Mann als Telefon zu bekommen, führen nicht zu den gewünschten Ergebnissen …

Isoliert inmitten der Großstadt

In der heutigen Zeit, in der jeder mit jedem verbunden ist, das eigene Leben digital in das der anderen integriert ist, teils ohne das überhaupt zu wollen, wirkt eine Geschichte wie die von Du lebst noch 105 Minuten natürlich ein wenig kurios. Schon die Idee von Telefonistinnen, deren Arbeit man braucht, um jemand anderen erreichen zu können, dürften die meisten nur aus alten Filmen kennen. Schlimmer noch ist aber die Vorstellung, derart abgeschnitten zu sein von der Außenwelt. Wenn heutige Filme eine ähnliche Situation erzeugen wollen, müssen sie die Figuren schon in die Berge oder andere abgelegene Orte schicken. Hier kann dir das inmitten von New York geschehen.

Wobei das Szenario natürlich auch deshalb fies ist, weil Leona ans Bett gefesselt ist. Wo andere im Zweifel einfach aufstehen und weggehen könnten, da kommt sie einfach nicht weg. Tatsächlich spielt ein Großteil von Du lebst noch 105 Minuten in dem Schlafzimmer der Protagonistin. Das erinnert an andere Nonstop-Telefonate wie bei den Genrekollegen The Guilty und No Turning Back. Auch dort schaute das Publikum die ganze Zeit zu, wie die Hauptfigur telefoniert. Ganz so konsequent ist der von Anatole Litvak inszenierte Thriller dabei aber nicht. Genauer wird die Kammerspielatmosphäre durch zwei Punkte wieder aufgehoben. Der erste ist der, dass wir ihre Gesprächspartner tatsächlich sehen, inklusive deren jeweiligen Umgebungen. Das kann mal eine Polizeistation sein oder auch eine andere Wohnung.

Ungeschickte Rückblicke

Während diese Szenen sich noch recht organisch einfügen, sind andere weniger gut geglückt. So zeigt Du lebst noch 105 Minuten in diversen Flashbacks, wie Leona ihren Mann kennengelernt hat und gibt Einblicke in deren Ehe. Das war gut gemeint, um der Geschichte mehr Tiefe zu geben. Drehbuchautorin Lucille Fletcher, die auch das zugrundeliegende Hörspiel verfasst hatte, tat sich jedoch etwas schwer damit, ihr rund 30 Minuten langes Original auf die etwa dreifache Länge auszuweiten. Dabei ist es weniger der Inhalt, der problematisch ist, als dass diese Unterbrechungen das Gefühl des Echtzeitcountdowns stören. Wie der Titel bereits sagt, gibt es einen speziellen Zeitpunkt für den Mord, bis dahin muss es Leona gelungen sein, das Verbrechen zu verhindern.

Du lebst noch 105 Minuten greift dabei auf das immer wieder beliebte Motiv des unbeteiligten Zeugen zurück, der ein Verbrechen sieht oder anderweitig davon erfährt und nun irgendwie für Gerechtigkeit sorgen muss. Das Fenster zum Hof oder 16 Uhr 50 ab Paddington sind solche Beispiele. Dort spielen Privatleute Detektiv und versuchten den Mörder zu überführen, weil die Polizei das nicht kann oder will. Hier ist es jedoch so, dass das Verbrechen erst noch geschehen wird, was noch einmal eine ganz andere Dringlichkeit mit sich bringt. Vor allem, und das ahnt das Publikum bald, wenn Leona nicht nur Zeugin, sondern auch das potenzielle Opfer ist.

Eine Panik, die ansteckend wirkt

Barbara Stanwyck (Frau ohne Gewissen), die hierfür ihre vierte und letzte Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin erhielt, glänzt in der Rolle einer Frau, die zunehmend der Panik verfällt. Auch wenn ihre Figur nicht die sympathischste ist, was in den Telefonaten, vor allem aber in den Flashbacks deutlich wird, so darf man hier doch ordentlich mitfiebern, was mit ihr geschehen wird. Um die Spannung des originellen Szenarios genießen zu können, sollte man darüber aber nicht allzu viel nachdenken. Schon der anfängliche Technikfehler ist nicht der glaubwürdigste, später wird es dann endgültig überzogen. Dennoch macht der Film Noir Spaß, mehr als 70 Jahre später, zeigt wie sich ohne großen Aufwand oder Handlung Nervenkitzel erzeugen lassen.

Credits

OT: „Sorry, Wrong Number“
Land: USA
Jahr: 1948
Regie: Anatole Litvak
Drehbuch: Lucille Fletcher
Musik: Franz Waxman
Kamera: Sol Polito
Besetzung: Barbara Stanwyck, Burt Lancaster, Ann Richards, Wendell Corey, Ed Begley, Harold Vermilyea, Leif Erickson

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1949 Beste Hauptdarstellerin Barbara Stanwyck Nominierung

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Du lebst noch 105 Minuten
In „Du lebst noch 105 Minuten“ will eine Frau mit ihrem Mann telefonieren und wird dabei zufällig Zeugin eines Mordkomplotts. Der auf einem Hörspiel basierende Thriller ist sicherlich nicht glaubwürdig, bremst sich durch Flashbacks zudem unnötig aus. Ansonsten gefällt er aber durch hohe Spannung, ein fieses Szenario und eine panisch auftretende Barbara Stanwyck.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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